BdV - Bund der Vertriebenen
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27.06.2016 Kategorie: Presse

Ansprache zum bayerischen Gedenktag für die Opfer von Flucht, Vertreibung und Deportation am 26. Juni 2016 in Nürnberg

BdV-Präsident Dr. Bernd Fabritius MdB


Es gilt das gesprochene Wort.

 

Sehr geehrter Herr Ministerpräsident Seehofer,

sehr geehrte Gäste dieses Festakts,

 

wir haben uns heute im Historischen Rathaussaal zu Nürnberg eingefunden, um der Menschen zu gedenken, die Opfer von Flucht, Vertreibung und Deportation wurden. Der Naziterror und der Zweite Weltkrieg haben unvorstellbares Grauen über die Menschheit gebracht. Das Grauen ging nach Kriegsende weiter. Die Zivilgesellschaft ganzer Regionen wurde alleine auf Grund ethnischer Kriterien – weil die Menschen Deutsche waren – aus ihrer angestammten Heimat vertrieben, Frauen, Kinder, Alte, Kranke - alle mussten fliehen oder wurden kurzerhand in Viehwaggons verfrachtet oder auf Gewalt- und Todesmärsche geschickt.

 

Heute sind wir in Gedanken bei den 15 Millionen Deutschen, die den Verlust der über Jahrhunderte angestammten Heimat beklagen mussten. Wir gedenken der Flüchtlinge und Vertriebenen aus Ost- und Westpreußen, aus Schlesien, Pommern, Ostbrandenburg, Danzig und dem Baltikum, aus dem Sudetenland, dem Karpaten- und dem Donauraum sowie aus den deutsch besiedelten Gebieten Russlands und der Ukraine.

 

Wir gedenken heute auch und insbesondere der über zwei Millionen Todesopfer, die Flucht und Vertreibung aus den Heimatgebieten gefordert haben. Wir erinnern an Deportationen und Zwangsarbeit unter unmenschlichen Bedingungen.

 

Die Millionen Vertriebenen und deren Nachfahren, in Bayern genauso wie überall in Deutschland, wissen wohl wie keine andere Bevölkerungsgruppe, dass hinter dem anonymen Begriff der „Massenvertreibung“ Millionen von Einzelschicksalen stehen. Diese Schicksale sind in ihrer Gesamtheit Teil unserer gesamtdeutschen Geschichte. Wir müssen das Gedenken daran bewahren und die bittere Wahrheit des Krieges mit allen Folge- und Begleiterscheinungen wahrheitsgetreu für die Nachwelt dokumentieren.

 

Aus einem Fluchtbericht: „Jeder Tag auf der Flucht war ein Martyrium, weil wir Freiwild der Polen und Russen waren. Jeden Tag mussten wir Plünderungen und Leibesvisitationen erleben. Keiner konnte uns helfen. Wir waren schutzlos der Willkür der ‚Befreier‘ ausgesetzt. Geschlagen, verachtet.“

 

Die atmosphärische Einöde, die Verzweiflung und die Todesangst eines jeden Einzelnen sind für uns heutzutage kaum mehr vorstellbar. Gleichzeitig stellen wir fest, dass diese gerade heute in der Beschreibung des persönlichen, individuellen Leids wieder erschreckend aktuell sind.

 

Wir erinnern heute stellvertretend für alle, die Flucht und Vertreibung nicht überlebt haben, an die Opfer des Brünner Todesmarsches, an die Todesopfer der Massaker von Prerau und Postelberg (im Sudetenland) oder an die vielen zivilen Todesopfer in Ostpreußen.

 

Wir denken an die Kinder, denn sie sind die Schutzlosesten unter den Schutzlosen. Von Helmut wird berichtet, dass er 1944 fünf Jahre alt war. Zuletzt sah er seine Mutter auf einem Bahnhof in Ostpreußen, als sie sich mit seinen Geschwistern durch die Menschenmenge drängte. Helmut schaffte es nicht auf den Zug, der nach Westen fuhr. Als der Zug den Bahnhof verließ, war er allein. Helmut wurde ein Wolfskind, so nannte man die Kinder aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten, die ihre Familien verloren und sich als Waisen durchschlagen mussten. Etwa 20.000 sollen es allein in Ostpreußen gewesen sein. Sie gerieten nach und nach in Vergessenheit und vergaßen selbst ihre Namen, ihre Sprache, ihre Kindheit, ihre Identität.

 

Es ist gut, dass in Bayern diese tief verwurzelte Gewissheit vorherrscht, wonach die Vertriebenenfrage eine gesamtdeutsche und somit auch eine bayerische ist! Sowohl die Vertreibungen und das damit verbundene Leid der Menschen, als auch deren Kultur und Geschichte sind heute Teil unseres historischen, gesamtdeutschen und bayerischen Erbe. Bayern bekennt sich dazu wie kaum ein anderes Bundesland! Bayern hat das früh verstanden und konsequent politisch umgesetzt.

 

Es war uns Heimatvertriebenen daher eine Selbstverständlichkeit, dass der Bund der Vertriebenen letztes Jahr mit der höchsten Auszeichnung, die er zu vergeben hat, den Freistaat Bayern geehrt hat. Konkreter Anlass war die erfolgreiche Einführung des Landesgedenktages für die Opfer von Flucht, Vertreibung und Deportation. Bayern ist damit in Deutschland abermals vorangeschritten – und ich behaupte, dass es den 2015 erstmalig begangenen bundesweiten Gedenktag nicht gegeben hätte, wenn aus Bayern, Hessen und Sachsen keine politischen Initiativen zur Einführung von Landesgedenktagen gekommen wären. Dafür sind wir dem Freistaat Bayern sehr dankbar!

 

Der BdV setzt sich seit Jahrzehnten für die Belange der Vertriebenen und Spätaussiedler ein, die aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten vertrieben wurden oder vor der Roten Armee und später aus den Diktaturen Ost-, Mittel- und Südosteuropas geflohen sind.

 

Den Toten, die Flucht und Vertreibung nicht überlebt haben, sind wir es schuldig, an sie zu erinnern. Wir sind es diesen Toten auch schuldig, diejenigen angemessen wertzuschätzen, die überlebt haben. Ich erinnere daran, dass ein Viertel der heutigen Bevölkerung Deutschlands Vertriebene oder deren Nachkommen sind! Bayern hat 2,7 Millionen Vertriebene und Spätaussiedler aufgenommen. Diese Menschen haben nach dem Krieg Bayern mit aufgebaut. Es ist gut, dass die bayerische Politik das anerkennt und sich den Anliegen aller deutschen Heimatvertriebenen, Flüchtlinge und Spätaussiedler als Anwalt widmet.

 

Je weiter die Vertreibungen von 1945 zurückliegen, je weniger Menschen der Erlebnisgeneration aus erster Hand berichten können – umso eindringlicher und mahnender müssen die Landsmannschaften und der BdV die Stimme gegen das Vergessen erheben. Die Erinnerung darf nicht enden.

 

Der BdV wird seine Aufgabe wahrnehmen, jährlich aufs Neue daran zu erinnern – und zwar sowohl am 20. Juni in Berlin, als auch zu den Landesgedenktagen in Bayern, Hessen und Sachsen – dass die Vertreibungen der Deutschen genauso ein Unrecht darstellen, wie die Vertreibungen anderer Gruppen und Völker – egal wo, egal wann, egal wonach.

 

Vertreibungen sind weltweit zu ächten, Menschenrechte sind unteilbar. Dies gilt auch für das Unrecht, das den Deutschen damals widerfahren ist und wir nennen dieses Unrecht daher im gleichen Atemzug wie die ethnischen Säuberungen heute! Denn sie sind allesamt gleich schrecklich und Verbrechen gegen die Menschlichkeit.

 

Wir fordern einen ehrlichen Umgang mit der eigenen Geschichte – hier und in unseren alten Heimatgebieten. Dazu gehört der von Deutschland verbrochene Krieg, dazu gehört aber auch das Geschehen NACH diesem Krieg in unseren Nachbarländern!

 

Anfang dieser Woche verlautbarte das UNHCR die neuesten Flüchtlingszahlen: 65 Millionen Menschen sind weltweit erneut auf der Flucht und werden vertrieben; Deutschland ist weltweit das begehrteste Ziel. Das, meine Damen und Herren, führt uns vor noch völlig neue Herausforderungen, und wer die heutige Situation mit der Vertreibung der Deutschen vergleicht, ist gefährlich oberflächlich in seiner Analyse.

 

Als die Vertriebenen nach dem Krieg in unseren Dörfern und Städten hier in Bayern ankamen, gab es mancherorts Konflikte zwischen Protestanten und Katholiken, wenn sich durch einen Flüchtlingszug auf einen Schlag das zahlenmäßige Verhältnis der Konfessionen im Dorf änderte. Aber – und das macht den Unterschied zu heute aus: Die Konfession des jeweils anderen wurde akzeptiert. Man merkte schnell, dass man letztlich nicht fremd und daher keine Herausforderung für die Gesellschaft als solche gewesen ist.

 

Deshalb sind wir zu zwei Sachen verpflichtet: Erstens, den Schutzsuchenden von heute Schutz zu bieten und ihre Menschenrechte zu achten. Zweitens, den Menschen, die in Deutschland leben, den Schutz der eigenen gewohnten Umgebung, des diesen ausmachenden Wertekanon und letztlich auch deren kollektive Identität zu garantieren. Auch dieses ist ein Menschenrecht.

 

Auch darum hat der Bund der Vertriebenen das Jahr 2016 unter das Leitwort „Identität schützen – Menschenrechte achten“ gestellt.

 

Ganz im Sinne dieser Losung wollen wir unserer Opfer Gedenken und die Erinnerung an Sie angemessen in die Zukunft tragen.

 

Ich danke Ihnen!