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22.10.2016 Kategorie: Presse

Ansprache anlässlich der Gedenkveranstaltung des Volksbunds Deutsche Kriegsgräberfürsorge am 22. Oktober 2016 in Neumark

BdV-Präsident Dr. Bernd Fabritius MdB


Sehr geehrte Damen und Herren,

 

ich danke dem Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge auch im Namen des gesamten BdV-Präsidiums für die Einladung hierher nach Neumark. Es ist mir eine Ehre, als Präsident des Bundes der Vertriebenen die Gedenkansprache halten zu dürfen. Gleichzeitig bedauere ich es sehr, dass wir heute Vormittag an der stillen Kranzniederlegung am polnischen und russischen Kriegsgräberfeld auf dem Zentralfriedhof in Stettin aus rein organisatorischen Gründen nicht teilnehmen konnten.

 

Unter unserem gemeinsamen europäischen Dach ist es endlich möglich, grenzüberschreitend in Gedenken und Trauer an den Gräbern der Toten zusammenzukommen. Die Würdigung der Toten darf nie wieder durch nationale Grenzen behindert werden!

 

 „Versöhnung über den Gräbern“ ist keine hohle Phrase, sondern gelebte Menschlichkeit. Soldaten im Krieg sind immer die Feinde anderer und Opfer im Einsatz für das eigene Vaterland. Für diesen Einsatz schuldet jedes Land den eigenen Soldaten Achtung und Ehre!

 

Gedenken und Ehren ist daher der richtige Ansatz, mit dem ein Vaterland seinen im Krieg verstorbenen Soldaten beitreten soll, und ich bin sicher, diese Feststellung gerade in Polen, einem Land, in dem der Begriff „Vaterland“ noch mit der richtigen Empathie im Herzen gewürdigt wird, treffen zu dürfen!

 

Ich bin daher auch dankbar dafür, dass wir seit der demokratischen Wende und dem Verschwinden des Blockdenkens auch in Polen die Möglichkeit haben, den Toten beider Seiten gemeinsam zu gedenken. Dabei ist es sicherlich auch der langen, vertrauensvollen und überwiegend reibungslosen Zusammenarbeit des Volksbundes mit Partnern und staatlichen Stellen in Polen zu verdanken, dass das voreinst Undenkbare möglich wurde – ein gemeinsames, ehrendes Gedenken.

 

Der Naziterror und der Zweite Weltkrieg haben unvorstellbares Grauen über die Menschheit gebracht. Ich erinnere nur an den Holocaust und die Verbrechen am polnischen Volk. Die damalige Zeit prägt das Verhältnis unserer beiden Länder bis heute. Deshalb sind wir der Republik Polen zutiefst dankbar, dass sie der Versöhnung auch hier, an den Gräbern deutscher Toten, würdigen Raum gibt.

 

Papst Johannes Paul II. schrieb dem Bund der Vertriebenen zum Tag der Heimat 2003, „(…) wie kostbar jenes Grundrecht ist (…), an den Gräbern der Vorfahren sich des familiären Erbes vergewissern zu können und aus der landsmannschaftlichen Verwurzelung Lebensfreude und Selbstbewusstsein zu schöpfen. Die Achtung gerade dieser Menschenrechte leistet einen maßgeblichen Beitrag zum Aufbau einer gerechten und humanen Welt.“

 

Zutiefst und aufrichtig bedauern wir alle in deutschem Namen verursachten Opfer und Leiden, so wie auch wir um Pietät bitten und sie erwarten für die Opfer und Leiden, die wir Deutsche unter dem Dogma der kollektiven Schuldzuweisung erlebten.

 

Vom wohl berühmtesten Universalgelehrten aller Zeiten, Leonardo da Vinci, ist ein Zitat überliefert: „Wahrlich ist der Mensch der König aller Tiere, denn seine Grausamkeit übertrifft die ihrige. Wir leben vom Tode anderer. Wir sind wandelnde Grabstätten!“

 

Muss es uns Menschen nicht traurig stimmen, dass diese Erkenntnis, die mehr als 500 Jahre alt ist, heute immer noch Realität abbildet? In Zeiten wie diesen, in denen zu unser aller Grauen vielerorts erneut Massengräber entstehen – etwa in Aleppo oder anderen Bombenkratern Syriens –, ist es ein Gebot der Menschlichkeit, den Toten zumindest ihre Namen und damit ihre Identität wieder zu geben. Es ist ein Gebot, das sich aus der Zivilisationsstufe ergibt, die die Menschheit im 21. Jahrhundert erreicht hat. Wir Menschen beerdigen unsere Toten und halten das Gedenken an ihre Existenz, ihr Wirken und ihre Lebensleistung aufrecht. So sollte, so müsste es sein.

 

Meine Damen und Herren, was der Volksbund diesbezüglich leistet, füllt diese schmerzliche Lücke zwischen zivilisatorischem Anspruch und schnelllebig-vergesslichem Zeitgeist. Die Arbeit des Volksbundes, die – das wollen wir nicht vergessen – seit über 60 Jahren im Auftrag der Bundesregierung geschieht, erschöpft sich bei Weitem nicht in der Kriegsgräberfürsorge. Sie umfasst eben auch akribische Bemühungen, anonyme Tote der beiden Weltkriege zu identifizieren und endlich zur letzten Ruhe zu betten. Wir sind dankbar dafür, dass diese Arbeit vom Volksbund geleistet wird. Sie ermöglicht Anlässe wie den heutigen hier auf der Deutschen Kriegsgräberstätte in Neumark.

 

Aufgrund der Sterbelisten, die in Archiven erhalten sind, wurden 265 Namen und Daten von Personen bekannt, die im Februar und März 1945 im Lager Kaltwasser bei Bromberg gestorben sind. Bei diesen zivilen deutschen Kriegstoten handelt es sich um Personen, die vom sowjetischen Geheimdienst festgesetzt und im Lager interniert wurden. Heute werden mehrere Hundert zivile deutsche Kriegstote eingebettet. Wir verneigen uns in Ehrfurcht vor den Menschen, die unter grausamsten Bedingungen ihr Leben lassen mussten. In Gedanken sind wir auch bei jenen, die das Lager überlebt haben, aber noch immer unter der Last der Erinnerung leiden. Heute werden viele Hundert Opfer dem Vergessen entrissen und, wie es Bundespräsident Joachim Gauck in seiner Gedenkrede zum Tag der Heimat formuliert hat, deren Schicksal „aus dem Erinnerungsschatten“ geholt. Es ist gut, dass wir gemeinsam und vereint, als Freunde, hier stehen können.

 

Angesichts der Zehntausenden von Gräbern neigt man zu Sprachlosigkeit. Allein auf diesem Friedhof hier in Neumark ruhen bereits weit über 20.000 Tote. Trotzdem muss gerade hier immer wieder die Stimme erhoben werden gegen Gewalt und Terror, gegen Vertreibungen und gegen Krieg. Die Toten haben das Unheil des Krieges mit dem wertvollsten Gut bezahlen müssen, das sie hatten – mit ihrem Leben.

 

Das Jahr 2016 hat der Bund der Vertriebenen unter das Leitwort „Identität schützen – Menschenrechte achten“ gestellt. In Erweiterung des eigentlichen Leitworts verstehe ich das Identifizieren unserer Toten sowie deren Einbettung, aber auch die Fürsorge für die Gräber als Arbeit für die Menschenrechte. Menschenrechte verpflichten uns, die Toten zur ewigen Ruhe zu betten und ihnen ein würdiges Andenken zu bewahren. Viele unserer Mitglieder, die unter dem Dach des BdV in den Landsmannschaften und den Landesverbänden organisiert sind, sind aktive Förderer des Volksbundes. Das ist historisch bedingt beinahe zwangsläufig, denn es gibt kaum eine Familie von Heimatvertriebenen, die keine Toten aus den eigenen Reihen zu beklagen hätte. Nicht nur die Millionen gefallenen Soldaten der beiden Weltkriege, sondern auch die vielen Millionen zivilen Opfer von Kriegsverbrechen, Flucht, Deportation oder Lagerhaft, lasten wie ein schwerer, dunkler Schatten über uns, den Überlebenden, den Nachfahren.

 

Meine Damen und Herren, im Jahr 2005 hat der BdV seine höchste Auszeichnung, die Ehrenplakette des Verbands, dem Volksbund in Würdigung seiner Verdienste um die Menschenrechte verliehen. Der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge und der Bund der Vertriebenen sind beide humanitäre Organisationen; beide stemmen sich gegen das Vergessen. Diese Arbeit verbindet uns.

 

Nichts ist wahrhaftiger, als einen Toten aus der Anonymität zu holen, ihm seine Identität wiederzugeben und seinen Nachkommen einen Ort der Trauer an seinem Grab zu schaffen. Das ist wahrhaftige Kultur des Erinnerns, die der Volksbund für die gesamtdeutsche Gesellschaft pflegt. Wir müssen das Gedenken an die menschlichen Schicksale der Vergangenheit bewahren und die bittere Wahrheit des Krieges mit allen Folge- und Begleiterscheinungen wahrheitsgetreu für die Nachwelt dokumentieren. All das ist Teil unseres historischen, gesamtdeutschen Erbes.

 

Eine angemessene Erinnerungskultur fordert der Bund der Vertriebenen seit jeher. Der BdV setzt sich seit Jahrzehnten für die Belange der Heimatvertriebenen und Spätaussiedler ein, die aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten vertrieben wurden oder vor der Roten Armee und später aus den Diktaturen Ost-, Mittel- und Südosteuropas geflohen sind. Den Toten, die Flucht und Vertreibung nicht überlebt haben, sind wir es schuldig, an sie zu erinnern. Wir sind es diesen Toten auch schuldig, diejenigen angemessen wertzuschätzen, die überlebt haben. Ich erinnere daran, dass ein Viertel der heutigen Bevölkerung Deutschlands Vertriebene oder deren Nachkommen sind! Diese Menschen haben nach dem Krieg Deutschland mit aufgebaut.

 

Zum 25. Jubiläum des deutsch-polnischen Nachbarschaftsvertrages am 17. Juni 2016 habe ich erklärt, dass dem in großen Teilen der deutschen und polnischen Zivilgesellschaft schon viele Jahre zu beobachtenden Einsatz für Verständigung und Versöhnung durch diesen Vertrag ein offizieller Rahmen gegeben wurde. Das Zusammenspiel aller Bausteine der Verständigungsarchitektur im Nachkriegseuropa, von denen nur beispielhaft der Hirtenbrief der polnischen Bischöfe an ihre deutschen Amtsbrüder, die Ostdenkschrift der EKD, aber eben auch die Charta der deutschen Heimatvertriebenen genannt seien, hat einen zivilgesellschaftlichen Einsatz bewirkt und dazu beigetragen, dass sich Deutsche und Polen heute insbesondere auf kommunaler Ebene unvoreingenommener und empathischer begegnen.

 

Im Gespräch von Mensch zu Mensch kommen auch die dunkelsten Kapitel der jeweils eigenen Geschichte wahrheitsgemäß auf den Tisch, werden Schicksalsverwandtschaften entdeckt und Verbindungen gepflegt. Diese „Demokratie von unten“ ist die Basis der Völkerverständigung.

 

Je weiter die Gräuel der Weltkriege zurückliegen, je weniger Menschen der Erlebnisgeneration aus erster Hand berichten können – umso eindringlicher und mahnender müssen wir alle die Stimme gegen das Vergessen erheben. Die Erinnerung darf niemals enden.