BdV - Bund der Vertriebenen
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20.06.2018 Kategorie: Presse

Grußwort zum bundesweiten Gedenktag an die Opfer von Flucht und Vertreibung am 20. Juni 2018 in Berlin

BdV-Präsident Dr. Bernd Fabritius


Sehr geehrte Frau Bundeskanzlerin,

Herr Bundesratspräsident,

Herr Bundesinnenminister,

hochwürdiger Herr Weihbischof,

lieber Dr. Umes,

Exzellenzen, liebe Landsleute,

meine Damen und Herren,

 

ich möchte zunächst Ihnen, lieber Dr. Umes, danken für die Schilderungen Ihres Schicksals und den unglaublichen Optimismus, den Sie damit in diesen Gedenktag hineingetragen haben. Dankeschön.

 

Meine Damen und Herren, weit über 2 Millionen deutsche Zivilpersonen starben in den letzten Kriegsmonaten und nach Ende des Zweiten Weltkriegs allein durch Deportation, auf der Flucht vor der Roten Armee und während oder in Folge der Vertreibungen aus den Heimatgebieten.

 

Heute gedenken wir zuerst dieser Menschen, die nicht nur Flucht und Vertreibung ertragen mussten, sondern die dabei zu Tode kamen. Sie konnten uns ihr Martyrium nicht mehr erzählen. Sie konnten, anders als die heute noch lebenden Zeitzeugen, von denen ich einige im Publikum sehe – Sie, Herr Weihbischof, gehören dazu –, niemals an einer Gedenkstunde wie dieser teilnehmen. Darum müssen wir ihre Geschichten erzählen, auch wenn vor dem millionenfachen sinnlosen Tod Sprachlosigkeit eigentlich selbstverständlich wäre.

 

Im Zuge des zu Ende gehenden Zweiten Weltkrieges wurden Millionen unserer eigenen Landsleute vertrieben und verjagt. Sie verloren ihre Heimat – all das, was „Heimat“ ausmacht. Es ist gut, dass wir uns seit einiger Zeit wieder mehr mit der Heimat beschäftigen. Wenn wir als Gesellschaft den Wert unserer Heimat wiedererkennen und diese Erkenntnis zunehmend zulassen, wird es vielen auch wieder leichter fallen, jener Menschen zu gedenken, die aus der eigenen Heimat fliehen mussten oder vertrieben wurden; eine Erfahrung, die zum Glück nicht jeder in unserem Land teilt.

 

Heimat ist für jeden von uns nicht nur Notwendigkeit, sondern heute – zum Glück – aktuelle Realität. Auch für den einen oder anderen stattlichen Mangobaum in einem Land von Fichten, Tannen und Mischwäldern. [Bezug zum Erfahrungsbericht von Dr. Umeswaran Arunagirinathan, Red.]

 

Sie war es vor über 70 Jahren auch für die über zwei Millionen deutschen Todesopfer

  • aus Schlesien, aus Pommern, aus Ostbrandenburg,
  • aus Danzig, dem Baltikum, aus Ost- und Westpreußen,
  • aus dem Sudetenland, dem Karpaten- und dem Donauraum,
  • den deutsch besiedelten Gebieten Russlands und der Ukraine.

 

Es war im Oktober 2016, dass ich als Präsident des Bundes der Vertriebenen an der Einbettungszeremonie von 265 Opfern, die im Februar und März 1945 im Lager Kaltwasser bei Bromberg gestorben sind, teilnehmen und Worte des Gedenkens sprechen durfte. Bei diesen zivilen deutschen Kriegstoten handelte es sich um Personen, die vom sowjetischen Geheimdienst festgesetzt und im Lager interniert und dann zu Tode gebracht wurden.

 

Die Initiative dafür, dass diese Toten identifiziert werden konnten und endlich ein Grab bekamen, ging vom Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge aus. Diese Massenbeisetzung in Neumark, polnisch Stare Czarnowo, hat mich tief bewegt. Noch vor nicht einmal 30 Jahren wäre es unmöglich gewesen, in Polen der Toten beider Seiten gemeinsam zu gedenken. Unter unserem gemeinsamen europäischen Dach ist es endlich möglich, grenzüberschreitend im Gedenken und in Trauer an den Gräbern der Toten zusammenzukommen. Die Würdigung der Toten darf nie wieder durch nationale Grenzen behindert werden!

 

Im Namen der Überlebenden und im Gedenken an die Todesopfer danke ich dem Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge, dass er sich seit ein paar Jahren auch um die Klärung von Flüchtlings- und Vertreibungsschicksalen verdient macht. Denn detaillierte Angaben über zivile Tote fehlen fast völlig. Hinweise auf Soldatengräber oder -friedhöfe finden sich reichlich. Aber darüber, wo tote deutsche Zivilisten in den Kriegswirren und danach einfach verscharrt wurden, hat niemand Buch geführt.

 

Im Namen der Überlebenden und im Gedenken an die Todesopfer danke ich der Bundesregierung, dass sie mit dem 20. Juni diesen lange überfälligen, notwendigen nationalen Gedenktag geschaffen hat. Es ist nun an uns allen, ihm – so auch heute – die nötige Tiefe und die aus Achtung vor dem Tod von Millionen Zivilisten erwachsende Würde zu verleihen.

 

Wir, meine Damen und Herren, wollen niemals vergessen, dass jede Vertreibung, jede ethnische Säuberung – gleichgültig wo, wann und warum – immer Verbrechen sind.