BdV - Bund der Vertriebenen
< Deutschlandhaus bleibt Deutschlandhaus
31.08.2019 Kategorie: Presse

Ansprache zum Tag der Heimat des Bundes der Vertriebenen am 31. August 2019 in der Urania Berlin

BdV-Präsident Dr. Bernd Fabritius


Meine Damen und Herren, liebe Landsleute,

 

ich freue mich sehr, dass Sie heute hierher gekommen sind und wir auch in diesem Jahr den Tag der Heimat gemeinsam begehen können.

 

Lieber Herr Laschet, ganz herzlichen Dank für Ihre Ansprache! Es ist schön, Sie als Vertreter des bevölkerungsreichsten Bundeslandes bei uns zu haben. Nordrhein-Westfalen ist nicht nur das Patenland der Siebenbürger Sachsen, der Oberschlesier sowie Partnerland der Woiwodschaft Schlesien, sondern seit Ihrem Amtsantritt auch wieder Fürsprecher unseres Personenkreises.

 

Das Beispiel Nordrhein-Westfalen zeigt: Es liegt in der Hand der Landesregierungen, ihre Politik und damit ihr Handeln mit einem Bekenntnis zu unseren Anliegen zu verbinden. Dort, wo Impulse seitens des Regierungschefs und der Minister fehlen, dort wird auch die Arbeitsebene – wohlwollend formuliert – nur sehr selten einen Blick in Paragraph 96 BVFG werfen.

 

In Nordrhein-Westfalen ist das anders, lieber Heiko Hendriks, und wir nehmen das seit einiger Zeit mit sehr viel Freude und mit Dankbarkeit zur Kenntnis.

 

Wenn ich mir die 16 Bundesländer unter diesem Aspekt anschaue, genügen leider die 10 Finger meiner Hände völlig, um Positivbeispiele aufzuzählen. Gerade deshalb, lieber Herr Ministerpräsident, darf ich Ihnen für die Botschaft, die Sie heute hier gesendet haben, die hohe Anerkennung der deutschen Heimatvertriebenen aussprechen.

 

Nationaler Gedenktag am 20. Juni

 

Es tut gut zu wissen, dass auch Sie in Ihrem Bundesland am 20. Juni Trauerbeflaggung veranlasst haben. Anlässlich des nationalen Gedenktages für die Opfer von Flucht und Vertreibung ist bundesweit der Leidtragenden, vor allem aber auch der Toten aus unseren Reihen gedacht worden. Es waren die Bundesländer Bayern, Hessen und Sachsen, die als erste einen Gedenktag auf Landesebene eingerichtet haben und damit die Entscheidung für einen nationalen Gedenktag auf Bundesebene stark befördert haben.

 

Lieber Herr Laschet, diese Landesinitiativen möchte ich Ihnen heute besonders ans Herz legen: Ein solcher Landesgedenktag wäre sicher auch in Nordrhein-Westfalen eine gute Sache – gerade weil in Nordrhein-Westfalen, in Ihrem Bundesland anteilig die allermeisten Vertriebenen eine neue Heimat gefunden haben.

 

Der Nationale Gedenktag ist erst vor fünf Jahren ausgerufen worden. Allen, die dazu beigetragen haben, ist zu danken, dass Deutschland nun auch der eigenen Opfer gedenkt und damit einen wichtigen Schritt getan hat, auch diesen Teil der Geschichte im nationalen Bewusstsein zu verankern.

 

Gastgeber der Gedenkstunde am 20. Juni in diesem Jahr in Berlin war Bundesminister Horst Seehofer, der in seiner Begrüßungsansprache unter anderem Folgendes sagte:

 

„Das 20. Jahrhundert war ein Jahrhundert der Vertreibungen. Das Kriegsfolgenschicksal der Millionen Deutschen aus den ehemals deutschen Gebieten und vielen anderen Gebieten Ost-, Ostmittel- und Südosteuropas steht deshalb immer im Mittelpunkt dieser Gedenkstunde."

 

Dieser Gedenktag ist für alle Vertriebenen und Spätaussiedler, für den Bund der Vertriebenen genauso wie für die 20 Landsmannschaften, die Mitglied im BdV sind, die sprichwörtliche ‚Luft zum Atmen‘. Der Gedenktag am 20. Juni gibt uns nämlich die Möglichkeit, an einem Tag wie heute nicht demonstrativ nur rückschauen zu müssen, weil wir jahrzehntelang gefühlt immer die einzigen waren, die auch an die Opfer aus den eigenen Reihen erinnert haben.

 

Seitdem es diesen Gedenktag gibt, sind die Vertriebenen nicht mehr die „einsamen Rufer in der Wüste“, sondern diejenigen, die - nach stetem Anmahnen - endlich erreicht haben, dass das Gedenken auch im öffentlichen Raum stattfinden kann.

 

Wir können nunmehr den Tag der Heimat anders angehen, wir können freier nach vorn blicken. Wir können jetzt persönlicher gedenken, wir dürfen kollektiv und individuell mehr Gefühle zulassen, wir dürfen auch wieder das Gute sehen und Gott dafür danken. Auch das möchte ich heute mit Ihnen gemeinsam tun.

 

Was der Naziterror und der Zweite Weltkrieg der Welt angetan hat, und was auch wir alle danach noch an Vertreibungen, an ethnischen Säuberungen – denn nichts anderes war es – erleben mussten, was auch die Kinder und Enkel als Trauma-Gepäck mitbekommen haben, das alles hat unsere gesamte Gesellschaft kollektiv geprägt – und das darf und soll sich nicht wiederholen. Dafür stehen wir, die deutschen Heimatvertriebenen – mit der Last und dem Gewicht all unserer persönlichen und gemeinschaftlichen Biografien.

 

Wie sagte doch der höchste Vertreter des UNHCR in Deutschland, Dominik Bartsch, angesichts der 70 Millionen Kriegs-, Wirtschafts- und Klimaflüchtlinge von heute: Welch ein unbeschreibliches Glück für Deutschland, dass kein Deutscher darunter ist. Lassen Sie uns heute, am Tag der Heimat, auch dafür dankbar sein.

 

Das Trauma der Flucht und Vertreibung

 

Meine Damen und Herren,

 

der Grund, warum wir seit Jahrzehnten den Tag der Heimat begehen, ist das tragische Schicksal, das uns als Opfer von Flucht und Vertreibung eint: Verlust der Heimat, Demütigung, Erniedrigung, existenzieller Bruch im Lebensalltag und tiefe Verletzungen der Seele. Dieses unsichtbare Band aus der Vergangenheit ist stark – so stark, dass viele es vielleicht nie abstreifen können. Es verbindet uns miteinander - oft einschnürend und quälend – ein Leben lang.

 

Dieser Tage stieß ich wieder einmal über eines jener Flüchtlingslieder, das in den Jahren nach Kriegsende sehr häufig gesungen wurde. Es wurde – je nach landsmannschaftlicher Zugehörigkeit der jeweiligen Sänger – um viele Strophen erweitert, doch reichen schon die ursprünglichen Grundverse aus, um die Entwurzelung, Verlorenheit und Verzweiflung der Betroffenen zu verstehen:

 

"Fern der Heimat irr als Flüchtling / in der Fremde ich umher.

Und die meisten meiner Lieben, / ach, die find ich nimmermehr.

Alle Lieben, die dort wohnten, / alle sind im Wind zerstreut,

Keiner weiß, wo sie geblieben, / ob sie noch am Leben sind.

Wer nicht selber Schmerz empfunden, / wer nicht selber Leid gesehen,

kann das Heimweh und die Sehnsucht / eines Flüchtlings nicht verstehen.

Herr, Gott, der du bist dort droben, / hör mein Sehnen, hör mein Flehen.

Lass mich die geliebte Heimat / doch noch einmal wieder sehen."

 

 

Das, meine Damen und Herren, war unser bzw. das Lebensgefühl unserer Eltern und Großeltern in jener unvorstellbar schweren Zeit. Ich erlaube mir, die Beklemmung, die diesem Lied innewohnt, unkommentiert wirken zu lassen.

 

Zum Verlust der Heimat gesellten sich bei den zwölf Millionen Vertriebenen, die die Flucht überlebten, dann die Überlebensangst, die Ungewissheit über den Verbleib der Familienangehörigen, aber auch die Feindseligkeit der ebenfalls leidgeplagten Menschen in den Ankunftsorten im Westen, wie auch Ministerpräsident Laschet angesprochen hat, und natürlich auf dem Gebiet der späteren DDR.

 

Wir wissen von einigen Zeitzeugen, dass sie dadurch über viele Jahre mit nagenden Zweifeln am eigenen Selbstverständnis zu kämpfen hatten. Diese Erfahrungen haben bei den Betroffenen ein Trauma hervorgerufen, welches sie ein Leben lang begleitet, und welches nur mühsam überwunden werden kann.

 

Es kann aber überwunden werden.

 

Unser Tag der Heimat ist aber genau dafür eine gute Gelegenheit. Gelegenheit zur Begegnung, zum Austausch, zu einer gemeinschaftlichen Reflexion über Heimat, über Werte und Zusammengehörigkeit in einer Schicksalsgemeinschaft, die aus kollektivem Leid entstanden ist. Das alles ist heilsam, auch nach vielen Jahrzehnten.

 

Erst vor wenigen Tagen, am Jahrestag des Stalin-Erlasses vom 28. August 1941, konnte ich bei der Gedenkfeier in der Berliner Weihnachtskirche die heilsame Wirkung von Zeitzeugenerzählungen beeindruckend miterleben. Nehmen auch Sie diesen Tag der Heimat mit und sprechen Sie darüber, mit jedem der das möchte und überall, wo es Sie hinführt.

 

Im Westen war es ein gesellschaftspsychologischer und vor allem politischer Fehler, dass mit Beginn der neuen Ostpolitik unter Willy Brandt über die folgenden zwei, drei Jahrzehnte ein öffentliches Schweigen in Deutschland einsetzte, welches Vertriebene und Spätaussiedler geschichtlich marginalisierte und in einen tabubewehrten Graubereich abdrängte.

 

Von der DDR gar nicht erst zu sprechen, denn dort war es bei Strafe verboten, von Flüchtlingen oder Vertriebenen zu sprechen. Wie sehr die Betroffenen in der DDR unter dieser Politik gelitten haben, haben die Menschen im Westen erst nach dem Fall der Mauer 1989 erfahren.

 

Im Rückblick auf die letzten 50 bis 70 Jahre drängt sich der Eindruck auf, dass sich Deutschland immerzu ausgerechnet jenes Teils seiner Bevölkerung schämte, ja, bis heute schämt, der gleichsam stellvertretend in Haftung genommen worden ist für die grauenvollen Verbrechen der Nationalsozialisten. Verschweigen und Verdrängen zur Selbstentschuldung.

 

Das, meine Damen und Herren, war und ist auch heute kein souveräner Umgang von Teilen der Politik, aber auch der Gesamtgesellschaft, mit den Vertriebenen und deren Nachkommen. Darauf hat gerade der Bund der Vertriebenen immer wieder hingewiesen und immer wieder angemahnt, den Vertriebenen ihren Platz in der Geschichte zuzugestehen.

 

Bei der Gedenkstunde, meine Damen und Herren, am 20. Juni in Berlin ist dabei in diesem Jahr – so deutlich wie selten zuvor – zum Ausdruck gekommen, wie sehr unsere Identität und unsere Gesellschaft insgesamt auch von diesem Massenschicksal geprägt wurden – und wie schwer dieses dennoch einen angemessenen Platz in der historischen Forschung, in den Medien und im allgemeinen Bewusstsein findet.

 

Ich war sehr froh, den Medien in den letzten Tagen zu entnehmen, dass angeblich das Deutschlandhaus, das Zentrum der "Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung" fertiggestellt sein soll. Ich freue mich, dass das so ist. Auch wenn ich natürlich... - das ist schon einen Applaus wert, nach so vielen Jahren.

 

Auch wenn ich der Nachricht einer sonst sehr gut informierten Presseagentur entnommen habe, dass der Name "Deutschlandhaus" umstritten sein soll. Das ist eine schlichte Falschinformation. Das Deutschlandhaus bleibt das Deutschlandhaus. So hat der Stiftungsrat das beschlossen.

 

Entschädigung deutscher Zwangsarbeiter

 

Das Unrecht, meine Damen und Herren, das unseren Volksgruppen widerfahren ist, lässt sich nicht in Geldbeträge umrechnen, geschweige denn wiedergutmachen. Das persönliche Lebensglück, das man unter Zwang auf dem eigenen Hof in Schlesien oder in Ostpreußen mit diesem selbst, mit Äckern, mit Wiesen und Wäldern zurücklassen musste, kann man sich mit allem Geld der Welt nicht wieder kaufen.

 

Genauso wie die Lebenszeit, die viele in Zwangsarbeitslagern verbringen mussten. Diesen Gedanken sollten sich so manche Politiker in der Nachbarschaft in ihre Überlegungen einbeziehen, wenn sie heute – nach vielen Jahrzehnten – erneut über Schadensbilanzierungen nachdenken. Meist geraten, meine Damen und Herren, solche Überlegungen ziemlich einseitig, und das dürfen sie schon aus Gründen der Wahrhaftigkeit nicht sein.

 

Auch die in Deutschland eingeführte, sogenannte Anerkennungsleistung für deutsche Zwangsarbeiter kann daher nur eine Geste der Anerkennung sein. Das ist sie aber. Wir wissen, dass diese Entschädigung keine Leistung im Sinne von Wiedergutmachung ist. Aber es ist eine Geste, auf die wir lange hingearbeitet haben - gerade der Bund der Vertriebenen. Eine Geste, die wir daher ausdrücklich begrüßen und die wir am Ende mit Zuspruch und großer Unterstützung unserer politischen Partner haben umsetzen können. Dafür ein ehrliches Dankeschön an alle im Interesse der Betroffenen.

 

Rentenungerechtigkeit bei Spätaussiedlern

 

Was mit der Anerkennungsleistung für deutsche Zwangsarbeiter an der einen Stelle ansatzweise wiedergutgemacht wird, bleibt an anderer Stelle zum Nachteil der Gerechtigkeit leider immer noch offen: die überfällige Beseitigung der Benachteiligungen von Spätaussiedlern im Rentenrecht.

 

Die jetzige Situation, meine Damen und Herren, nenne ich Rentenungerechtigkeit in Reinkultur. Sie ist weit, sehr weit entfernt von neuen Schlagworten wie „Respektrente“ oder „Lebensarbeitsleistung“ oder auch nur „Generationengerechtigkeit“. Derartige Floskeln, meine Damen und Herren, müssen sich für Betroffene aus unseren Reihen wie Hohn anhören, wenn sie davon weiter ausgeschlossen bleiben.

 

Der BdV und seine Landsmannschaften haben nicht tatenlos zugesehen. Der Bund der Vertriebenen und die hauptsächlich betroffenen Landsmannschaften der Deutschen aus Russland, der Banater Schwaben und der Siebenbürger Sachsen haben ausgewogene Vorschläge unterbreitet und fordern an diesem Punkt Gerechtigkeit. Seit Jahren und mit Nachdruck. Allen Beteiligten, die das Anliegen unterstützt haben und bis zu seiner angemessenen Erledigung weiter unterstützen, einen herzlichen Dank.

 

Die angesprochenen Rentenbenachteiligungen für Spätaussiedler waren 1996 bei ihrer Einführung nach einer schäbigen Neiddebatte falsch, sie sind heute falsch und sie bleiben falsch. Die Eingliederung der Spätaussiedler, die die Bundesregierung verspricht, geht nämlich über einen Sprachkurs, die Vermittlung in Arbeit oder die Hartz-4-Absicherung hinaus. Sie umfasst auch die Fürsorge für die Menschen im Alter, ganz besonders, wenn die junge Generation sich ungekürzt und uneingeschränkt an der Solidargemeinschaft Rentenversicherung beteiligt. Spätaussiedler sind ein Gewinn für die deutsche Rentenkasse, wer etwas anderes behauptet, verdreht die Tatsachen.

 

Ich bin zuversichtlich, dass die von der Bundeskanzlerin persönlich zugesicherte Prüfung bezüglich der sozialen Absicherung von Spätaussiedlern im Alter keine leere Floskel war. Auf meine beim Jahresempfang im April öffentlich vorgetragene Forderung nach Rentengerechtigkeit, die wir mit stichhaltigen Fakten und Zahlen untermauert hatten, antwortete die Kanzlerin:

 

„Ihre Zahlenangaben waren nicht ohne jede logische Relevanz. ... Ich werde mir das daher noch einmal sehr genau anschauen.“

 

Dafür danke ich der Bundeskanzlerin.

 

Charta/Vertreibungsverbot/Verständigungspolitik

 

Meine lieben Damen und Herren,

 

der BdV steht seit fast sieben Jahrzehnten auf dem Fundament unserer, heute bereits mehrfach erwähnten Charta der Heimatvertriebenen. Die damals verkündete Selbst-Verpflichtung wirkt für uns bis heute fort: der bewusste Austritt aus der Spirale von Gewalt und Gegengewalt, die Bekämpfung von Vertreibungen als Welt-Problem sowie eine nachhaltige Verständigungspolitik, um es eben nie wieder so weit kommen zu lassen, sind Inhalte unserer Arbeit.

 

Ich habe eingangs bereits an die aktuellen Flüchtlingszahlen des UNHCR erinnert: 70 Millionen Menschen weltweit mahnen die Weltgemeinschaft, Vertreibungsverbote in den Rechtssystemen kodifiziert zu verankern, um das auch bestrafen zu können. Genau das fordert auch der BdV seit Jahren.

 

Auf der Agenda des BdV stehen nach wie vor auch

  • die Sicherung des kulturellen Erbes der Heimatvertriebenen, 
  • das Bestreben, Wahrhaftigkeit als conditio sine qua non einer ehrlichen und empathischen Erinnerungskultur durchzusetzen
  • und natürlich der stete verständigungspolitische Dialog mit den Nachbarn im Osten.

 

Auf diesen letzteren Aspekt möchte ich im Folgenden noch eingehen.

 

Das Miteinander der Nachbarn

 

Nächstes Jahr werden die Verbände das 70-jährige Jubiläum der Charta feiern. Wenn ich diese Charta, meine Damen und Herren, in Bildern malen sollte, es wäre eine ausgestreckte Hand, es wäre ein Korb voll Erinnerungen und ein beherztes Zupacken voll Gestaltungswillen für die Zukunft, am liebsten gemeinsam mit unseren Nachbarn in Europa.

 

Wir sollen uns die Frage stellen, wie wir heute, aber vor allem im nächsten Jahr, im Jubiläum, und in den Jahren danach, in angemessener Form der Heimat im Osten gedenken und diesem Gedenken etwas Verbindendes geben.

 

Ich denke, das geht nur gemeinsam mit den Menschen, die heute in unserer alten Heimat leben. Wenn die Menschen, die heute in Schlesien, in Pommern, in Böhmen oder in der Batschka leben, von ihrer Heimat sprechen, so meinen sie dieselben Dörfer, Städte und Landschaften wie wir. Vereinzelt mag man dies nur widerwillig annehmen, weil sich das Herz dabei zusammenzieht – aber es spiegelt die Realität, meine Damen und Herren, so wie sie heute ist.

 

Lassen Sie mich einen Aspekt ansprechen, der von Jahr zu Jahr gewichtiger wird: Jenen Landstrichen, aus denen bis heute noch Spätaussiedler nach Deutschland kommen, stehen Gebiete im Osten wie Pommern oder Ostpreußen, das Sudetenland oder Galizien gegenüber, aus denen niemand mehr kommt. Landstriche, die darauf angewiesen sein werden, dass die Nachfahren der seinerzeit Vertriebenen, vielleicht schon die dritte Generation, die Erinnerungskultur hochhalten.

 

Das gelingt am besten im Schulterschluss mit den dort heute noch lebenden Menschen. Mehr noch: Es geht nicht nur um „Erinnerung hochhalten“, sondern um gemeinsames Gestalten eines Miteinander unter dem gemeinsamen Dach Europa, in dem sich freundschaftlich verbunden alle Völker und Ethnien wiederfinden. 

 

Ein solches Miteinander darf keine Momentaufnahme bleiben, sondern muss von Generation zu Generation weiter vererbt werden. In einem grenzüberschreitenden Verständnis sind die deutschen Minderheiten in den mittel- und osteuropäischen Ländern unsere Brüder und Schwestern. Wir sollten sie noch stärker als bisher in unsere Tätigkeit einbeziehen – ganz in dem Bewusstsein, dass wir für ein und dieselbe Sache einstehen.

 

Dass ein Miteinander über Grenzen und Generationen hinweg geht, sehen wir einerseits bei den traditionsreichen Heimattagen unserer Landsmannschaften zu Pfingsten in Regensburg, in Dinkelsbühl, in Hannover, in Wolfsburg, wo zunehmend junge Menschen das Bild prägen und Schritt für Schritt in die Organisationen eingebunden werden.

 

Wir sehen andererseits das Miteinander auch bei der grenzüberschreitenden und friedenstiftenden Arbeit der BdV-Verbände und der Landsmannschaften. Ich durfte vor wenigen Monaten am Sudetendeutschen Tag teilnehmen und war von der Ansprache des ehemaligen tschechischen Ministers Daniel Herman hoch beeindruckt.

 

Ich möchte auf einen anderen bemerkenswerten Punkt eingehen. Bundesminister Horst Seehofer hat sich in Regensburg in einer öffentlicher Rede dem Gedanken angeschlossen, dass eine nachbarschaftliche Partnerschaft auf Augenhöhe sehr wohl auch beinhalten könnte, einen der nächsten Sudetendeutschen Tage in der alten Heimat, in der Tschechischen Republik auszutragen.

 

Was für andere Landsmannschaften selbstverständlich ist - z.B. bei den Siebenbürger Sachsen, die ihren Sachsentag reihum in allen großen Städten Siebenbürgens feiern und Grüße des Staatspräsidenten persönlich entgegennehmen -, weckt bei einigen Tschechen anscheinend mit Ressentiments behaftete Abwehrreflexe. Etliche Politiker, aber auch einige Medien, haben darauf mit zum Teil massiver Ablehnung reagiert.

 

Wie gut, dass die Sudetendeutschen einmal mehr Würde und Besonnenheit gezeigt haben: Sie begegneten diesen offenen Ablehnungen von Teilen der tschechischen Seite mit einem Bekenntnis zur Fortsetzung der bisherigen Verständigungsarbeit.

 

Es wird, meine Damen und Herren, genau diese Politik der ausgestreckten Hand sein, die letztlich über den steten Dialog mit den tschechischen Nachbarn langfristig auch die tiefsten Gräben überwindet. Beiderseits der Grenze, davon bin ich fest überzeugt.

 

Der Chefredakteur des LandesEcho, der Zeitschrift der Deutschen in der Tschechischen Republik, schrieb im Nachgang des Sudetendeutschen Tages:

 

„Es ist wahrscheinlich, dass wir auf dieses Ereignis noch etwas warten müssen. In der Beziehung zwischen Sudetendeutschen, Deutschen und Tschechen werden die Veränderungen ohnehin nicht von den Politikern vollzogen, sondern von den Menschen vor Ort, die sich begegnen. 

 

So ist es, meine Damen und Herren, und deswegen ist die Strategie des Miteinanders des BdV genau die richtige.

 

Leitwort 2019

 

Ich komme zum Ende mit einigen Gedanken über unser Motto.

 

Meine Damen und Herren, aus alter Tradition stellt der Bund der Vertriebenen jedes Jahr den Tag der Heimat unter ein bestimmtes Leitwort. In diesem Jahr hat sich das Präsidium des BdV für das Leitwort „Menschenrechte und Verständigung – Für Frieden in Europa“ entschieden.

 

Ein Europa der Menschenrechte auf der Basis von Wahrheit und Verständigung ist und bleibt Auftrag der deutschen Vertriebenen seit der inhalts- und zukunftsträchtigen Festlegung in der Charta der deutschen Heimatvertriebenen. Daher leisten wir mit unserem Engagement für die Einhaltung der Menschenrechte und für die Verständigung zwischen den Staaten einen wichtigen Beitrag für Frieden in Europa. Die damit verbundene Vorbildfunktion wird in Zeiten spaltender nationalistischer Tendenzen überall auf der Welt - aber auch bei uns in Europa, bei uns in Deutschland - wichtiger.

 

Unser heutiges Europa und auch die EU haben wir gemeinschaftlich, in einer nun schon Jahrzehnte währenden, grenzüberschreitenden Kraftanstrengung auf und aus dem Trümmerfeld des Zweiten Weltkrieges und des kommunistischen Unrechts aufgebaut. Auch die deutschen Heimatvertriebenen und Flüchtlinge, Aussiedler und Spätaussiedler haben daran von Beginn an mitgearbeitet. Der europäische Einigungsprozess – ein wichtiges Ziel aus unserer Charta von 1950 – hat die Vertriebenen der Heimat und die Heimat den Vertriebenen ein Stück wieder näher gebracht.

 

Dabei, meine Damen und Herren, bleibt es selbstverständlich, dass wir unser Miteinander in Europa fortwährend prüfen und neuen Entwicklungen anpassen. Entsprechend unseres diesjährigen Leitwortes wird für uns im Bund der Vertriebenen dabei von größtem Interesse sein, welche Parteien ihr politisches Handeln am deutlichsten an Wahrheit und Verständigung ausrichten – und damit den Frieden in Europa dauerhaft sichern wollen.

 

„Denn Europa ist heute, 80 Jahre nach Beginn des Zweiten Weltkriegs, ein weltweit einzigartiger Raum des Friedens, der Sicherheit und des Wohlstands“.

 

Mit diesen Worten hat Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel am 9. April beim Jahresempfang des BdV kurz und bündig auf den Punkt gebracht, warum Europa nicht zur Disposition steht. Mit ausdrücklichem Bezug zu unserem Leitwort und – zu jenem Zeitpunkt mit der Europawahl vor Augen – dankte sie dem Bund der Vertriebenen und den durch uns vertretenen Menschen dafür, dass wir seit Jahrzehnten immer wieder „Brücken in die Zukunft“ schlagen.

 

Es tut uns im Herzen weh zu sehen, mit welcher Selbstverständlichkeit gewisse Kreise - in Europa und in Deutschland – gegen unser Europa vorgehen. Ich wünschte mir, meine Damen und Herren, an so manchen Freitagen ein „Friday for Europe“.

 

Ich darf es in aller Deutlichkeit sagen: Wer nicht verstanden hat, warum gerade die Heimatvertriebenen, die Aussiedler und Spätaussiedler so sehr für Europa als übergeordnetes Friedensprojekt stehen und zu den überzeugtesten Europäern gehören, der hat die Geschichte nicht verstanden, der hat uns im BdV nicht verstanden. Das wollen wir ändern. Wir tun das auch, mit Tagen der Heimat wie diesem.

 

Dank und Anerkennung

 

Meine Damen und Herren, liebe Landsleute,

 

es ist mir ein persönliches Anliegen zum Schluss, Ihnen allen sowie den Mitstreitern in den Landes- und Kreisverbänden, in den Landsmannschaften, in den Kulturgruppen ehrlich und aufrichtig Danke zu sagen. Ihre ehrenamtliche Arbeit sowie das Engagement der zahlreichen Mitglieder bleiben Grundpfeiler unseres Verbands. Aus der Solidarität unserer Verbandsstrukturen erwächst uns eine starke, laute und wahrnehmbare Stimme.

 

Wir wollen das, was uns verbindet, mit Würde in die Zukunft bringen. Und wir wollen zusammenhalten.

 

Dankeschön.