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„Das Geheimnis der Erlösung ist Erinnerung“

Gedenkstunde der Bundesregierung zum Nationalen Gedenktag für die Opfer von Flucht und Vertreibung am 20. Juni in Berlin

 

Am 20. Juni 2025 beging die Bundesregierung zum elften Mal den nationalen Gedenktag für die Opfer von Flucht und Vertreibung. Erneut fand hierfür eine feierliche Gedenkstunde im Konzerthaus am Berliner Gendarmenmarkt statt. Angelehnt an den Weltflüchtlingstag der Vereinten Nationen werden Jahr für Jahr Flüchtlingsschicksale weltweit in den Blick genommen – seit 2015 jedoch mit einem besonderen Schwerpunkt auf den rund 15 Millionen Deutschen, die am Ende des Zweiten Weltkrieges und in den Jahren danach aus ihrer Heimat vertrieben wurden.

Im 80. Jahr nach Beginn von Flucht und Vertreibung aus den deutschen Ostprovinzen und den Siedlungsgebieten der Deutschen in Ostmittel-, Ost- und Südosteuropa setzte die Bundesregierung einen besonderen Akzent: Im Fokus standen die vertriebenen Frauen mit ihrer Lebensleistung, aber auch ihren Traumata, die sich noch bis heute auf die Kinder- und Enkelgeneration auswirken.

Prien: „Gedenken bedeutet Verpflichtung“

Die Bundesministerin für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Karin Prien, eröffnete die Veranstaltung. Sie betonte, dass unter den Millionen deutschen Heimatvertriebenen insbesondere das Schicksal der damals vor allem betroffenen Frauen und Kinder in Deutschland viel zu lange kaum Beachtung gefunden habe. In der Vertreibung, die oft von Hunger und bitterer Not begleitet war und eine nachhaltige Entwurzelung bedeutete, hätten Frauen gerade auch durch die Erfahrungen sexualisierter Gewalt besonders zu leiden gehabt. Eine Verbindung zwischen damals und heute herstellend erklärte Prien: „Gedenken bedeutet Verpflichtung: für Erinnerung, für Solidarität und für eine Gesellschaft, die niemanden zurücklässt.“

Dabei rief sie ausdrücklich dazu auf, aus der Geschichte der deutschen Vertriebenen Lehren zu ziehen – etwa was Empathie, Aufnahmebereitschaft und die Überwindung von Leid und Entwurzelung betreffe. Nur durch die Anerkennung des erfahrenen Unrechts und den gemeinsamen Dialog darüber könne Raum für Heilung und Versöhnung wachsen.

„Flucht und Vertreibung – Frauen teilen ihre Geschichte“

Es folgte ein eigens produzierter, eindringlicher Film mit dem Titel „Flucht und Vertreibung – Frauen teilen ihre Geschichte“. Die Zeitzeuginnen Maria Lubich von Milovan, Babette Baronin von Sass und Jenny Schon berichteten von ihren persönlichen Erlebnissen während Flucht und Vertreibung sowie nach der Ankunft in Deutschland. Auf bewegende Weise verdeutlichte der Film, mit welcher Kraft Frauen den existenziellen Herausforderungen begegneten, aber auch welchen Verzicht und welche Sorgen um ihre Familien dies für sie bedeutete.

Werthan: „Das Geheimnis der Erlösung ist Erinnerung“

Im Anschluss sprach Dr. Maria Werthan, Ehrenpräsidentin des Frauenverbandes im Bund der Vertriebenen. Sie erinnerte an das Schicksal der Frauen während Flucht und Vertreibung, die in Abwesenheit der Männer oft allein für Schutz und Versorgung ihrer Kinder und Angehörigen verantwortlich waren und dabei unsägliche Not litten.

Drastisch schilderte Dr. Werthan die extreme Belastung dieser Frauen und die häufig traumatischen Erfahrungen von Hunger über Krankheiten bis hin zu sexualisierter Gewalt. Dennoch lastete die Verantwortung auf ihnen, ihre Familien durch diese schwierige Zeit zu führen. Aber auch viele Kinder übernahmen früh Verantwortung, um den Ausfall der Eltern zu kompensieren, was häufig tiefe seelische Spuren hinterließ.

Sie machte deutlich, dass diese Erfahrungen nicht nur individuelles Leid bedeuteten, sondern bis heute in Familien nachwirken, oft über Generationen hinweg. „Das Geheimnis der Erlösung ist Erinnerung“, erklärte sie und rief dazu auf, das Schicksal der Vertriebenen – und insbesondere der Frauen – stärker in das Bewusstsein der deutschen Gesellschaft zu rücken und sich klar gegen jede Form von Gleichgültigkeit gegenüber Flucht, Vertreibung und deren Folgen zu stellen.

Podium: Perspektive der Kindergeneration

Ein Podiumsgespräch zwischen der Schauspielerin und Autorin Claudia Wenzel und der Autorin Christiane Hoffmann vertiefte die Thematik und fokussierte auf die Erfahrungen der Kindergeneration, indem insbesondere die familiären Erinnerungen an Flucht, Verlust und Entwurzelung thematisiert und miteinander ins Gespräch gebracht wurden. Musikalisch wurde dieser Teil von Claudia Wenzels bewegendem Vortrag des Liedes „Vertane Jahre“ ihres Bruders Hans-Eckardt Wenzel begleitet – einem Lied, das von durch äußere, oft politische Umstände gebrochenen Lebensbiografien erzählt und den Zuhörern Momente stiller Reflexion eröffnete.

Fabritius: „Vertreibungen sind immer Unrecht“

Den Abschluss der Gedenkstunde bildete traditionell das Schlusswort des Präsidenten des Bundes der Vertriebenen, Dr. Bernd Fabritius. Er schlug einen weiten Bogen von den historischen Erfahrungen der deutschen Vertriebenen hin zu den aktuellen weltweiten Fluchtbewegungen und betonte, dass das Leid der deutschen Heimatvertriebenen nach dem Zweiten Weltkrieg bis heute tiefe Spuren in Familien und ganzen Gemeinschaften hinterlassen habe.

„Jeder Krieg, jede Vertreibung, jede ethnische Säuberung – gleichgültig wo, wann und mit welcher Begründung – waren und sind immer Verbrechen“, erklärte Fabritius wörtlich und erinnerte daran, dass hinter den abstrakten, oft riesigen Zahlen stets Einzelschicksale ständen. Es gehe um Menschen, die nicht selten nur das retten konnten, was sie am Leibe trugen – und ihre Erinnerungen.

Besonderen Nachdruck legte er auf die Verantwortung, diese Erfahrungen im Bewusstsein der gesamten deutschen Gesellschaft zu verankern. Gerade die junge Generation forderte er ausdrücklich dazu auf, Fragen zu stellen, sich eigene Wege des Erinnerns zu erschließen und nicht in Gleichgültigkeit zu verfallen. Es sei notwendig, einander generationenübergreifend zu erzählen und zuzuhören, damit das Wissen um die Geschichte, das Leid und die Versöhnungsleistungen der Vertriebenen nicht verlorengehe.

Mit seinem eindringlichen Appell, Gleichgültigkeit durch echtes Interesse an der eigenen Geschichte und an den Menschen, die Teil dieser Geschichte sind, zu ersetzen, schloss Dr. Fabritius die Gedenkstunde und verband so das Erinnern an die Vergangenheit mit einer klaren Verpflichtung für Gegenwart und Zukunft.

Bundesministerin Karin Prien (Foto: bundesfoto).

Dr. Maria Werthan (Foto: bundesfoto).

Dr. Bernd Fabritius (Foto: bundesfoto).