titelbild-0122d.jpg

Gedenktag für die Opfer von Flucht und Vertreibung: Zwölfte Gedenkstunde der Bundesregierung im Konzerthaus Berlin

Am Sonnabend, dem 20. Juni 2026, beging die Bundesregierung im Kleinen Saal des Konzerthauses am Gendarmenmarkt in Berlin die zwölfte Gedenkstunde für die Opfer von Flucht und Vertreibung. An der Veranstaltung nahmen Vertreterinnen und Vertreter aus Politik, Diplomatie, Zivilgesellschaft und Verbänden teil. Seit 2015 erinnert dieser staatliche Gedenktag jährlich an das Schicksal der Opfer von Flucht und Vertreibung weltweit sowie insbesondere an das der deutschen Vertriebenen. Dabei knüpft das Gedenken bewusst an den bereits länger bestehenden Weltflüchtlingstag der Vereinten Nationen an und erweitert das Gedenken um das Schicksal der Heimatvertriebenen.

Musikalisch begann die Gedenkstunde mit einem Arrangement für Streichquartett des Themas aus „Schindlers Liste“ von John Williams. Bewegend trugen Stipendiatinnen und Stipendiaten der Stiftung Kurt-Sanderling-Akademie des Konzerthausorchesters Berlin das Stück vor und ließen den Anlass unmittelbar spürbar werden.

Dobrindt: Europa als Auftrag und Versprechen

Den Auftakt des Gedenkens bildete anschließend die Begrüßungsansprache des Bundesinnenministers. Mit eindringlichen Worten rief er zur aktiven Erinnerungsverantwortung auf und skizzierte einen Zukunftsauftrag: „Erinnerung heißt, Verantwortung und Vertrauen für Gegenwart und Zukunft zu tragen. Europa schafft dabei neue Nähe – es bekräftigt Herkunft, Tradition und Zukunft gleichermaßen. Schaut auf die Vergangenheit, blickt auf die Gegenwart und glaubt an ein friedliches Europa! Glaubt an Freundschaft, glaubt an Zusammenhalt und glaubt an eine europäische Identität!“ Die Worte des Ministers spiegelten wider, was der Gedenktag im Kern bedeutet: die Brücke zwischen dem Erinnern an vergangenes Leid und dem gemeinsamen Aufbau einer friedlichen Zukunft.

Suchdienst und Kriegsgräberfürsorge im Mittelpunkt

In diesem Jahr standen Organisationen im Fokus der Gedenkstunde, die bei der Aufklärung von Schicksalen der von Flucht und Vertreibung betroffenen Menschen mitwirken. Stellvertretend für alle solchen Einrichtungen waren der Suchdienst des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) und der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge an der Veranstaltung beteiligt.

Ein Film über die Arbeit des DRK-Suchdienstes gab dem Publikum Einblicke in die oft jahrzehntelange, mühsame Arbeit der Schicksalsklärung nach dem Zweiten Weltkrieg – eine Arbeit, die für viele Familien bis heute von unmittelbarer Bedeutung ist. Es folgte ein moderiertes Podiumsgespräch mit Mitarbeitern des DRK-Suchdienstes und des Volksbundes unter der Moderation von Dominik Tomenendal, dem Leiter des Referates Erinnerungskultur und Netzwerkarbeit beim Volksbund.

Wie wichtig diese Arbeit bis heute ist, griff später auch BdV-Präsident Stephan Mayer MdB in seinem Schlusswort auf. Er verwies darauf, dass beim DRK-Suchdienst auch rund 80 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges jährlich weiterhin mehr als 10.000 Suchanfragen eingehen, beim Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge mehr als 20.000. Gerade mit Blick auf die anstehenden Haushaltsberatungen sei jeder Euro, der in diese Arbeit investiert werde, hervorragend angelegtes Steuergeld.

Jugend engagiert sich für Erinnerungskultur

Ein besonderer Akzent der diesjährigen Veranstaltung galt dem ehrenamtlichen Engagement junger Menschen: Ein weiterer Film zeigte Jugendliche im Einsatz für die Erinnerungskultur im Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge. Dann stellten zwei junge Freiwillige ihr ehrenamtliches Engagement auf der Bühne persönlich vor. Dabei nahm die Begegnung mit dem Schicksal von Flucht und Vertreibung, das häufig auch Kinder ereilt hatte, einen besonderen Raum ein. Einer der jungen Menschen berichtete, selbst als Kind aus Syrien geflüchtet zu sein, und erklärte, er wolle dazu beitragen, dass solche Erfahrungen anderen erspart bleiben.

BdV-Präsident Stephan Mayer mit dem Schlusswort

Das Schlusswort der Gedenkstunde hielt der Präsident des Bundes der Vertriebenen, Stephan Mayer MdB. Mayer erinnerte zunächst an zwei Jahrestage von besonderer Bedeutung: den 85. Jahrestag des Stalin-Erlasses vom 28. August 1941, der die Deportation der Deutschen aus der Wolga-Region, der Ukraine und dem Kaukasus zur Folge hatte, sowie an das Jahr 1946 als Hauptjahr der erzwungenen Flucht und Vertreibung der Deutschen.

Dabei verwies er darauf, dass infolge des Erlasses fast 900.000 Deutsche in den hohen Norden der Sowjetunion, nach Sibirien und nach Kasachstan deportiert wurden; etwa 150.000 von ihnen kamen ums Leben. Zugleich erinnerte er an die 15 Millionen Deutschen, die am Ende und nach dem Zweiten Weltkrieg fliehen mussten oder vertrieben wurden, und an die Millionen Opfer, die diese erzwungene Flucht und Vertreibung forderte.

Dabei legte Mayer besonderen Wert auf die historische Einordnung. Das Schicksal der deutschen Vertriebenen und Flüchtlinge müsse wachgehalten werden, zugleich aber immer im historischen Kontext der von Nazideutschland ausgegangenen Gräueltaten gesehen werden. Diese Verbrechen seien das auslösende Moment für die erzwungene Flucht und Vertreibung von Millionen Deutschen am Ende und nach dem Zweiten Weltkrieg gewesen. Ebenso unmissverständlich machte Mayer deutlich: „Das eine Unrecht rechtfertigt nicht das andere Unrecht. Es gibt keine Legitimation, keine Rechtfertigung und keine Relativierung des einen oder des anderen Unrechts.“

Einen starken Akzent setzte Mayer mit dem Blick auf Brünn. Er erinnerte an die Gedenkveranstaltung vor Beginn des Versöhnungsmarsches und an den Sudetendeutschen Tag, der wenige Wochen zuvor auf Einladung von Meeting Brno erstmals in Brünn stattfinden konnte. Besonders bewegend sei für ihn gewesen, dass sich an dem Versöhnungsmarsch nicht nur Sudetendeutsche und Deutsche, sondern auch viele Tschechen und vor allem junge Tschechen beteiligt hätten. Selbst gemalte Plakate mit der Aufschrift „Herzlich willkommen“ hätten deutlich gemacht, dass sich die Arbeit für Verständigung und Versöhnung lohnt.

Mit Blick auf die gegenwärtige politische Lage in Europa und der Welt fand Mayer besonders eindringliche Worte: „Gerade in einer Zeit, in der Nationalismen und nationale Egoismen, teilweise sogar Radikalität, in vielen Ländern Europas, leider auch in Deutschland, aber auch in vielen Ländern außerhalb Europas, immer mehr um sich greifen, ist es aus meiner Sicht unabdingbar und umso wichtiger, die Hand auszustrecken für Verständigung, für Versöhnung.“ Ein Bekenntnis, das die Arbeit des BdV als zutiefst gegenwärtige und gesellschaftlich relevante Aufgabe ausweist.

Der Bund der Vertriebenen war damit auch in diesem Jahr in die zentrale staatliche Gedenkveranstaltung eingebunden – ein klares Zeichen, dass das Anliegen der Vertriebenen und ihrer Nachkommen im politischen Berlin weiterhin Gehör findet. Mayer selbst ordnete die Gedenkstunde als Baustein und Teil dieser Verständigungs- und Versöhnungspolitik ein.

Nationalhymne als würdiger Abschluss

Die gemeinsam gesungene Nationalhymne beschloss die eindrucksvolle Gedenkstunde – ein Zeichen der staatlichen Verpflichtung gegenüber den Millionen Menschen, die durch Vertreibung ihre Heimat verloren haben und deren Schicksal auch rund acht Jahrzehnte nach Kriegsende nicht vergessen werden darf.

Copyright: Czybik & Schmid Media

Copyright: Czybik & Schmid Media

Copyright: Czybik & Schmid Media

Copyright: Czybik & Schmid Media

Copyright: Czybik & Schmid Media