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„Keine geschichtliche, sondern gegenwärtige Leistung des BdV“

Für BdV-Präsident Stephan Mayer MdB war der diesjährige Jahresempfang des BdV in der Katholischen Akademie im Hotel Aquino in Berlin-Mitte in seiner neuen Funktion als Präsident eine Premiere. „Für mich persönlich ist es zwar nicht der erste Jahresempfang als Präsidiumsmitglied“, stellte Mayer fest, „aber es ist der erste Jahresempfang, bei dem ich in meiner Funktion als Präsident des BdV diesen Abend einleiten darf.“ Auch für den Ehrengast, Bundesinnenminister Alexander Dobrindt, war die Teilnahme als Minister eine Premiere, nachdem er in Vorjahren bereits Gast des BdV gewesen war. Für beide wurde der Abend zu einem gelungenen Debüt.

Mehr als 300 Gäste waren der Einladung des Bundes der Vertriebenen gefolgt, darunter zahlreiche Ehrengäste aus Politik, Wirtschaft, Kultur und den Religionsgemeinschaften. Zu den Vertretern des Deutschen Bundestages, die Mayer begrüßen konnte, gehörten die Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages Andrea Lindholz, der Erste Parlamentarische Geschäftsführer der Fraktion, Steffen Bilger, der Vorsitzende der Arbeitsgruppe der Vertriebenen in der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Klaus-Peter Willsch, sowie viele weitere Abgeordnete, darunter Dieter Stier, Nora Seitz, Mechthild Wittmann, Oliver Pöpsel und der SPD-Abgeordnete Helge Lindh. Die Bundesregierung war durch den Parlamentarischen Staatssekretär im Bundesinnenministerium, Christoph de Vries, und Staatssekretär Sebastian Wüste vertreten. Von den Bundesländern nahmen die Beauftragten für Vertriebenenfragen teil, und auch das diplomatische Korps war mit namhaften Vertreterinnen und Vertretern präsent. Mayer begrüßte unter anderem die Botschafter aus Rumänien, Kroatien, Tadschikistan, Nordmazedonien und Armenien sowie Botschaftsvertreter aus Polen, Kasachstan und Tschechien. Von den Kirchen und Religionsgemeinschaften begrüßte er Prälat Dr. Karl Jüsten für die katholische Kirche, Bischof Dr. Johann Schneider für die evangelische Kirche und Vizepräsident Mark Dainow für den Zentralrat der Juden in Deutschland. Auch die Wissenschaft war mit Prof. Dr. Harald Biermann oder dem neu gewählten Direktor der Stiftung „Flucht, Vertreibung, Versöhnung“, Dr. Roland Borchers, vertreten. Ebenso waren zahlreiche Vertreter der Landesverbände, der Landsmannschaften und der Verbände der deutschen Volksgruppen in Mittel- und Osteuropa zu Gast.

Ein besonderer Gruß galt Mayers Vorgänger Bernd Fabritius, der inzwischen wieder Beauftragter der Bundesregierung für Aussiedlerfragen ist. Mayer erinnerte daran, dass Fabritius in seiner zehnjährigen Amtszeit „die Messlatte für den BdV unheimlich hoch gestellt“ habe. Es sei ihm eine Ehre, in diese Fußstapfen treten zu dürfen.

Erinnerung, Verständigung und Zukunft

In seinen einführenden Worten machte Mayer deutlich, dass der BdV seine Arbeit auf drei Säulen gründet: Erinnerung, Verständigung und Zukunft. Der Verband sei zwar ein Verband mit langer Geschichte, aber keineswegs ein Verband der Vergangenheit. „Aus dieser langjährigen Geschichte des BdV ziehen wir als Mitglieder Verantwortung“, sagte Mayer. Erinnerung bedeute vor allem die Erinnerung an das Leid und das Schicksal der 15 Millionen deutschen Vertriebenen und Flüchtlinge. Dies müsse „Kernbestandteil, DNA des BdV“ bleiben. Zugleich gehe es um Verständigung, also darum, „die Hand auszustrecken“ und für ein friedliches Miteinander in Europa zu arbeiten. Die dritte Säule sei die Zukunft: der Wille, konstruktiv an der Gestaltung kommender Aufgaben mitzuwirken.

„Bundesvertriebenenminister“ Dobrindt

Im Zentrum des Abends stand der Bundesminister des Innern, Alexander Dobrindt, den Mayer ausdrücklich auch als „Bundesvertriebenenminister“ begrüßt hatte. Diese Bezeichnung sei nicht bloße Höflichkeit, so Mayer, sondern habe Substanz. Mit der neuen Bundesregierung und dem Koalitionsvertrag seien die für Vertriebene, Aussiedler, Spätaussiedler, deutsche Minderheiten und die Kulturarbeit nach § 96 Bundesvertriebenengesetz wichtigen Themen erstmals seit Beginn der 1990er Jahre wieder in einem Haus gebündelt: im Innenministerium. Für die Vertriebenenorganisationen sei dies „ein erheblicher und wichtiger Fortschritt“.

Mayer verband damit ausdrücklich auch die Erwartung politischer und finanzieller Verlässlichkeit. Die Kultur-, Erinnerungs- und Verständigungsarbeit der Landsmannschaften und Landesverbände brauche nicht nur wohlwollende Worte, sondern auch tragfähige Rahmenbedingungen. Gerade dann, wenn sich der politische Wind drehe oder ideologische Debatten wieder stärker würden, müsse die Arbeit des BdV auf kontinuierliche Unterstützung bauen können.

2026 als „bedeutsames Erinnerungsjahr“

Das Jahr 2026 ordnete Mayer als besonders bedeutsames Erinnerungsjahr ein. Acht Jahrzehnte nach Flucht und Vertreibung der Deutschen betonte er, dass der Zweite Weltkrieg von Deutschland begonnen wurde und dass deutsche Verbrechen, vor allem der Holocaust, historisch unbestreitbar seien. Zugleich bleibe ebenso klar, „dass sich dann anschließend auch ein schreckliches Unrecht ereignet hat“. Die Vertreibung von 15 Millionen Deutschen am Ende und nach dem Zweiten Weltkrieg sei „himmelschreiendes Unrecht“ gewesen, „durch nichts gerechtfertigt“. Aufgabe des BdV bleibe es, darauf immer wieder hinzuweisen.

Mayer schlug dabei den Bogen zur Gegenwart. Flucht und Vertreibung seien kein abgeschlossenes Kapitel des 20. Jahrhunderts. Weltweit seien zur Stunde weit über 120 Millionen Menschen auf der Flucht. Gerade deshalb sei für den BdV von zentraler Bedeutung, immer wieder daran zu erinnern: „Jeder Mensch hat ein Recht auf Heimat, und jede Vertreibung darf nie als legitimes politisches Mittel verwendet werden.“ Die Anliegen des Verbandes seien heute aktueller denn je.

Dringender Handlungsbedarf bei Fremdrenten

Ein weiterer Schwerpunkt seiner Ansprache widmete der Arbeit für Aussiedler und Spätaussiedler. Die Kürzungen und Deckelungen bei den Fremdrenten bezeichnete Mayer als offene Gerechtigkeitslücke. Hier bestehe „dringender Handlungsbedarf“. Aus seiner Sicht könne diese Legislaturperiode die letzte Chance sein, diese Lücke zu schließen.

Wunsch nach konstruktiver Zusammenarbeit

Deutliche Worte fand Mayer zur Debatte um die Neubesetzung der Direktion der Stiftung „Flucht, Vertreibung, Versöhnung“. Die öffentliche Berichterstattung sei aus seiner Sicht vielfach nicht ausgewogen gewesen. „Sie war tendenziös“, stellte der BdV-Präsident fest und fügte hinzu, er habe sie persönlich auch als unfair empfunden. Der BdV habe sich an der Zuspitzung dieser Debatte nicht beteiligt. Zugleich machte Mayer klar, dass der Verband konstruktiv mit der Stiftung „Flucht, Vertreibung, Versöhnung“ zusammenarbeiten wolle. Ziel sei, die Stiftung auf einen guten Weg zu bringen und die Ausstellung so weiterzuentwickeln, dass sie empathischer gegenüber den Betroffenen, den Vertriebenen und ihren Nachkommen werde. Wer dem Verband aber die Legitimation abspreche, für die Heimatvertriebenen und ihre Nachkommen zu sprechen, müsse mit Widerspruch rechnen. Der BdV sei nicht die Stimme jedes einzelnen Vertriebenen, aber er sei als Dachorganisation das legitime Sprachrohr der Vertriebenenverbände in Deutschland.

Der wichtigste Partner für Flucht, Vertreibung und Versöhnung

Bundesinnenminister Dobrindt nahm diese Linien in seiner Festrede auf. Gleich zu Beginn würdigte er Mayer persönlich. Der BdV habe einen Präsidenten gefunden, „der dieses Thema seit Jahren, Jahrzehnten kennt“ und mit großem Engagement für die Anliegen der Vertriebenen eintrete. An Fabritius gerichtet sagte Dobrindt, dieser sei aus der Arbeit des BdV nicht wegzudenken und gebe den Anliegen der Vertriebenen weiterhin ein politisches Gesicht.

Inhaltlich setzte Dobrindt ein klares Signal. Der BdV sei für ihn „der wichtigste Partner für alle Fragen, die Flucht, Vertreibung, Versöhnung in sich haben“. Dabei gehe es nicht nur um Geschichte, sondern vor allem auch um Zukunft. Der BdV sei „nichts Geschichtliches“, sondern „etwas Gegenwärtiges“. Er verbinde Vergangenheit und Gegenwart, schaffe Erinnerung und Versöhnung und bilde Frieden in Deutschland und Europa. Gerade im Jahr 2026 sei diese Arbeit besonders bedeutsam. Dobrindt erinnerte daran, dass die Vertreibungen aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten vor 80 Jahren ihren Höhepunkt, geschichtlich aber ihren Tiefpunkt erreicht hätten. An dieses Geschehen zu erinnern, sei zwingend notwendig, weil es die Breite der Geschichte erzähle und damit ein Fundament für Gerechtigkeit und Versöhnung lege.

Fehlentwicklungen korrigieren

Dobrindt äußerte seine Zufriedenheit darüber, dass es – wie bereits von Mayer angesprochen – gelungen sei, die  Zuständigkeiten für Heimatvertriebene, Spätaussiedler, deutsche Minderheiten im Ausland und Kulturthemen im Bundesinnenministerium zusammenzuführen. Das sei „ein großes Geschenk“. Zugleich kündigte er an, „Fehlentwicklungen“ — „Ich will es auch ausdrücklich so benennen“ — der Vergangenheit, korrigieren zu wollen, und betonte, dass damit bereits begonnen worden sei. Explizit nannte die Rückbenennung des Bundesinstituts für Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa. Sprache mache einen Unterschied, deshalb müsse die Politik gerade bei den Anliegen der Vertriebenen besonders darauf achten, dass diese richtig wahrgenommen würden.

Auch an die Stiftung „Flucht, Vertreibung, Versöhnung“ formulierte Dobrindt deutliche Erwartungen. Die Aufgabe der Stiftung sei es, „die Vertreibung, das Leid, das Unrecht der Deutschen ins Zentrum ihrer Aufgabe zu stellen“. 

Sudetendeutscher Tag: „Ein Stück Friedenswerk“

Einen besonderen Akzent setzte der Innenminister beim Blick auf den Sudetendeutschen Tag, der in diesem Jahr in Brünn stattfinden wird. „Wer hätte vor einigen Jahren gedacht, dass dies möglich sein wird?“, so der Minister. Dass der Sudetendeutsche Tag in Brünn begangen werden könne, sei „ein unglaublicher Ausdruck der Versöhnung“. Für ihn sei es Freude und Ehre, dort dabei zu sein.

Dobrindt verband diesen Gedanken mit der gegenwärtigen Lage Europas. Als 1970 Geborener habe er noch den Kalten Krieg erlebt, nach dem Fall der Mauer aber geglaubt, dass ein friedliches Europa dauerhaft gesichert sei. Heute wisse man, dass Frieden alles andere als selbstverständlich sei. Gerade deshalb brauche es Menschen und Organisationen, die mit Achtung vor Leid und Verbrechen der Vergangenheit zur Erinnerung bereit seien. Der Sudetendeutsche Tag in Brünn sei für ihn „ein Stück Friedenswerk“ und „die größte Botschaft im Jahr 2026“.

„Vertriebenenminister mit Stolz und Ehre“

Am Ende seiner Rede griff Dobrindt die von Mayer verwendete Bezeichnung „Vertriebene ausdrücklich auf. Wenn der Titel für den Bundesinnenminister auch „Vertriebenenminister“ sei, dann trage er ihn „mit Stolz und Ehre“.

„Aus der Erinnerung erwächst Verantwortung“

In einem Nachsatz unterstrich Mayer noch einmal, dass es keinen geschichtlichen Schlussstrich geben dürfe. Erinnerung sei aber kein Selbstzweck. „Aus der Erinnerung erwächst Verantwortung“, sagte er. Diese Verantwortung werde gerade durch konkrete Schritte der Verständigung sichtbar. Der Sudetendeutsche Tag in Brünn sei ein historischer Meilenstein. Noch vor 20 Jahren sei das Verhältnis zwischen Deutschland und Tschechien, zwischen Bayern und Tschechien, von Streit, Misstrauen und Irritationen geprägt gewesen. Heute sei es grundlegend anders: „Uns vereint enorm viel. Wir strecken die Hand aus, die tschechische Seite streckt die Hand aus.“ Er wies in diesem Zusammenhang zugleich auf weitere Beispiele gelebter Verständigung hin: die Verbindungsbüros der Ostpreußen in Allenstein und Memel oder das große Sachsenfest in Hermannstadt. Solche Begegnungen seien Meilensteine für Verständigung und Versöhnung. In diese Richtung werde der BdV weiterarbeiten. „Unsere Hand ist immer ausgestreckt“, sagte Mayer, „aber nicht nur unsere Hand ist ausgestreckt, sondern wir sind auch offen zum Dialog.“

Lebendiges Forum des Dialogs

Der Jahresempfang, der in diesem Jahr etwas länger dauerte, machte vor allem eines deutlich: Der Gesprächsbedarf ist groß. Vertreterinnen und Vertreter aus Politik, Wissenschaft, Verbänden und Institutionen nutzten die Gelegenheit zum persönlichen Austausch, zum Netzwerken und zur Vertiefung vieler Themen, die sonst häufig nur angerissen werden können. Gerade diese Offenheit und die Vielfalt der Gespräche zeigten, welche Bedeutung der BdV als zentraler Partner für Flucht, Vertreibung und Versöhnung weiterhin hat. Zugleich wurde deutlich, dass an den Aufgaben des BdV trotz des Wechsels in der Führung mit Kontinuität weitergearbeitet wird. So wurde der Jahresempfang nicht nur zu einem gesellschaftlichen Ereignis, sondern auch zu einem lebendigen Forum des Dialogs — und insgesamt zu einem überzeugenden Auftakt nach dem Führungswechsel.

Markus Patzke