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Tag der Heimat 2026: „Bekenntnis und Verantwortung: Unser Kulturgut verbindet Europa“

Würdiger Festakt in der Französischen Friedrichstadtkirche Berlin

Am Samstag, dem 5. September 2026, feierte der Bund der Vertriebenen (BdV) den diesjährigen Tag der Heimat mit einem Festakt in der Französischen Friedrichstadtkirche am Gendarmenmarkt in Berlin. Unter dem Leitwort „Bekenntnis und Verantwortung: Unser Kulturgut verbindet Europa“ versammelten sich Gäste aus Politik und Diplomatie, Kirche und Verbänden sowie aus der Zivilgesellschaft, um gemeinsam an die Geschichte von Flucht, Vertreibung und Deportation zu erinnern und den Blick auf die Verantwortung zu richten, die aus dieser Erinnerung für die Gegenwart und Zukunft Europas erwächst.

Begrüßung durch Steffen Hörtler

Den Auftakt machte BdV-Vizepräsident Steffen Hörtler, der die vielen anwesenden Gäste herzlich willkommen hieß und schon einmal den Rahmen für eine Veranstaltung setzte, die Erinnerungskultur, kulturelles Erbe und europäische Verständigung in den Mittelpunkt stellte.

Ansprache von BdV-Präsident Stephan Mayer

In seiner Ansprache ordnete BdV-Präsident Stephan Mayer MdB das diesjährige Leitwort ein und verdeutlichte, wie historisches Bekenntnis zu Zukunftsverantwortung wird. Anknüpfend an ein Zitat, das der frühere tschechische Präsident Václav Havel am 24. April 1997 vor dem Deutschen Bundestag und dem Bundesrat prägte – „Nur eine Gemeinschaft, welche die Wahrheit über ihre eigene Geschichte erkennen kann und darf, ist tatsächlich eine freie Gemeinschaft“ –, betonte Mayer, dass das kulturelle Erbe der Vertriebenen, Aussiedler und Spätaussiedler ein lebendiger Bestandteil der gesamtdeutschen sowie europäischen Kulturgeschichte sei.

Dabei führte er den Begriff der „Bekenntnisgeneration“ aus: Kulturelle Identität sei keine Frage des Geburtsjahrgangs, weshalb die Verantwortung zur Bewahrung und Weiterentwicklung des Kulturguts auf die nachfolgenden Generationen übergehe. „Man muss Vertreibung nicht selbst erlebt haben, um sich ihrer Geschichte, ihrer Kultur und den daraus erwachsenen Aufgaben verpflichtet zu fühlen“, so Mayer. In diesem Zusammenhang unterstrich der BdV-Präsident auch den Kulturauftrag nach § 96 Bundesvertriebenengesetz (BVFG), den er als „eine gesetzliche Verpflichtung für Bund und Länder“ bezeichnete. Er würdigte positive Signale wie die Rückbenennung des Bundesinstituts für Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa sowie aktuelle Haushaltsimpulse durch den Bund, etwa für die Siebenbürger Kirchenburgen oder Schloss Steinort, betonte jedoch gleichzeitig, wie entscheidend eine langfristig gesicherte und auskömmliche Finanzierung für die Arbeit ist: „Aus guten Signalen muss Verlässlichkeit werden. Einmalige Aufwüchse ersetzen keine dauerhaft auskömmliche Förderung.“

Einen weiteren Schwerpunkt widmete Mayer den historischen Gedenkdaten des Jahres. Er erinnerte eindringlich an den 85. Jahrestag des Erlasses zur Deportation der Wolgadeutschen vom 28. August 1941 und veranschaulichte am Schicksal von Zeitzeugen das schwere Unrecht der Kollektivstrafe an rund einer Million Betroffenen. Mayer machte deutlich: „Die Deutschen in der Sowjetunion wurden nicht für individuelles Handeln bestraft, sondern von einem diktatorischen Regime für ihre Herkunft – und nur für ihre Herkunft – in Haftung genommen. Es gibt keine Kollektivschuld, und Kollektivstrafe ist Unrecht.“ Das Leid der Russlanddeutschen dürfe ebenso wenig vergessen werden wie ihre beeindruckende Integrationsleistung in Deutschland.

Zudem blickte Mayer auf das Jahr 1946 als Hauptjahr der organisierten Vertreibungen zurück. Er betonte, dass die unstrittige deutsche Verantwortung für den Zweiten Weltkrieg und die NS-Verbrechen nicht als Rechtfertigung für die pauschale Entrechtung und Vertreibung von Millionen Menschen herhalten könne. Als wegweisendes Beispiel für Versöhnung würdigte er schließlich den Sudetendeutschen Tag 2026 in Brünn, der auf Einladung der tschechischen Initiative Meeting Brno erstmals direkt in Tschechien. Mayer schloss seine Ansprache mit dem Bekenntnis, dass der BdV nichts verschweige, nichts gegeneinander aufrechne, den Schmerz des anderen wahrnehme und zugleich zur eigenen Geschichte stehe: „Aus Bekenntnis erwächst Verantwortung. Aus Verantwortung entsteht Zukunft.“

Festrede von Bundesinnenminister Alexander Dobrindt

Mit seiner Festrede setzte Bundesminister des Innern Alexander Dobrindt MdB einen der inhaltlichen Höhepunkte des Nachmittags. Er würdigte die Erinnerungsarbeit des BdV als unverzichtbaren Beitrag zu Zusammenhalt und Verständigung in Europa und bezeichnete die Arbeit des Verbandes als „Teil eines großen Versöhnungsprojektes“, an dem er gern selbst teilhabe. Er fand dabei klare Worte: „Es wird in vielen Debatten immer wieder zu wenig betont, dass unser kulturelles Erbe die Grundlage für die Einigung Europas ist.“ Damit hob er auf den Kern des Leitworts ab: Kulturelles Erbe wird nicht als bloße Rückschau verstanden, sondern als tragendes Fundament für ein Europa von heute und morgen.

Auch Dobrindt blickte auf die 80. Wiederkehr des Jahres 1946 als Höhepunkt der organisierten Vertreibungen zurück und setzte sich pointiert mit aktuellen Debatten auseinander, ob man angesichts der zeitlichen Distanz nicht „einfach einmal vergessen“ solle. Dem hielt er entgegen: „Wer glaubt, dass Vergessen besser ist als Erinnern, der will nicht nur die Erinnerung vergessen, der will auch die Versöhnung vergessen.“ Und weiter: „Versöhner schaffen Frieden. Nationalisten schaffen Leid und Unfrieden.“ Er würdigte den Sudetendeutschen Tag in Brünn als besonders bewegende persönliche Erfahrung sowie als Beleg dafür, dass eine junge Generation sich bereitwillig der Verantwortung für Erinnerung und Versöhnung stelle.

Mit einem Augenzwinkern erinnerte Dobrindt schließlich an einen Ehrentitel, den ihm BdV-Präsident Stephan Mayer bereits früher im Jahr verliehen habe: „Der Bundesinnenminister, er ist der Vertriebenenminister.“ Diesen Titel, so Dobrindt, trage er „mit Freude, Anerkennung und Stolz“.

Grußwort von Ministerpräsident Michael Kretschmer, MdL

Michael Kretschmer MdL, Ministerpräsident des Freistaates Sachsen, brachte in seinem Grußwort eine Perspektive auf Heimat, Herkunft und gemeinsame europäische Zukunft ein, die sich sehr an demokratischen Prozessen orientierte. Als Görlitzer habe er zu Beginn der 1990er Jahre erlebt, wie wichtig die in der DDR untersagte Auseinandersetzung mit den Themen Flucht, Vertreibung und Herkunft gewesen sei. Er würdigte, dass der Verband den vielen Interessierten damals eine Richtung gegeben habe: „nicht aufrechnen, sondern erinnern und versöhnen“.

Am Beispiel der jahrelangen, teils kontroversen Diskussionen um das Schlesische Landesmuseum in Görlitz und die heutige Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung zeigte Kretschmer, wie viel Verständigungsarbeit notwendig war, damit über diese Themen offen gesprochen werden konnte. Sein Fazit: „Nicht trotz, sondern weil wir uns unserer Geschichte gestellt haben, ist das alles möglich geworden.“ Mit einem Blick auf die mittelosteuropäischen Nachbarn – etwa das Museum „Unsere Deutschen“ im tschechischen Aussig – unterstrich er, wie sehr sich das Verhältnis bereits gewandelt habe – eine Entwicklung, die er ausdrücklich der Versöhnungsarbeit des BdV zuschrieb.

Geistliches Wort und Gedenken

Einen sehr bewegenden Moment der Veranstaltung gestaltete Prälatin Dr. Anne Gidion, Bevollmächtigte der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) beim Bund und der EU, mit ihrem Geistlichen Wort und Gedenken. Ausgehend von der biblischen Erzählung des auf der Flucht befindlichen Jakob, der in der Fremde von der Himmelsleiter träumt, deutete Gidion Segen als Trost und Ermutigung im Glauben, gerade auch für Flüchtlinge und Vertriebene: „Segen ist wie ein tragbares Zuhause, ein portables Vaterland. Muttersprache für die Seele. Heimat to go.“ Ein Gedanke, der unmittelbar in das anschließende traditionelle Gedenkwort des Tages der Heimat mündete, in dem der Millionen Toten von Flucht, Vertreibung, Deportation und Zwangsarbeit gedacht wurde.

Podiumsdiskussion: „Was uns prägt, was uns verbindet“

Einen besonderen Akzent des diesjährigen Tags der Heimat setzte die Podiumsdiskussion „Was uns prägt, was uns verbindet: Kultur, Herkunft und Verantwortung in Europa“. Unter der Moderation von Dr. Reinhard Müller (FAZ) diskutierten Ministerpräsident Michael Kretschmer, die Journalistin und Publizistin Ira Peter, Stefanie Kilian (Vorsitzende der SdJ – Jugend für Mitteleuropa) sowie Benjamin Józsa (Sprecher der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Minderheiten in der FUEN). Vier unterschiedliche Perspektiven trafen hier aufeinander und fanden den gemeinsamen Nenner, dass Herkunft zu Verantwortung verpflichtet.

Ira Peter, die als Spätaussiedlerin aus Kasachstan nach Deutschland gekommen ist und deren familiäre Wurzeln in der Ukraine liegen, beschrieb ein modernes, nicht ausschließlich territoriales Heimatverständnis: Sie empfinde eine tiefe Zugehörigkeit zu drei Heimaten – der Ukraine ihrer Großeltern, ihrem Geburtsland Kasachstan und Deutschland, das sie ihr „Tochterland“ nennt, weil ihre Tochter hier geboren wurde. Benjamin Józsa ergänzte diesen Gedanken um den Begriff der „seelischen Heimat“: den Ort, „an dem man sich nicht erklären muss“ und Sprache, Erinnerung und Zugehörigkeit selbstverständlich seien. Er machte zugleich deutlich, dass deutsche Minderheiten im östlichen Europa viel zur deutschen Kultur beitragen. Dabei verwies er auf ein flächendeckendes deutschsprachiges Schulwesen, Verlage, Bibliotheken und Kulturzentren – und erinnerte daran, dass etwa mit Herta Müller und Stefan Hell zwei Nobelpreisträger aus den Reihen der Deutschen in Rumänien stammen.

Alle Podiumsgäste sahen erhebliche Defizite in Bildung und öffentlicher Wahrnehmung: Stefanie Kilian verwies darauf, dass die Vertreibung der Sudetendeutschen im bayerischen Lehrplan bislang nur als Wahlthema behandelt wird, und wünschte sich mehr politische Bildung für junge Menschen. Ira Peter kritisierte, dass die Geschichte der Russlanddeutschen in der neuen Dauerausstellung des Hauses der Geschichte in Bonn auf ein „Mix-Markt“-Regal verkürzt werde, und betonte zugleich, dass viele Russlanddeutsche sich klar an die Seite der Ukraine stellten und ukrainische Flüchtlinge unterstützten. Kretschmer und Peter mahnten zudem, aus den Fehlern der Aussiedlerintegration der 1990er-Jahre – insbesondere bei der Anerkennung mitgebrachter Bildungs- und Berufsabschlüsse – für die heutige Integration zu lernen.

Mit Blick auf den Angriffskrieg gegen die Ukraine leitete Kretschmer aus der Erfahrung der deutschen Heimatvertriebenen einen universellen Grundsatz ab: Gewaltsame Grenzverschiebungen und Vertreibungen dürften nicht hingenommen werden, das Völkerrecht gelte unteilbar. Zugleich unterstrich er, dass Erinnerung als lebendige Wertevermittlung fortgeführt werden müsse, sobald das familiäre Erzählen der Erlebnisgeneration ende – ein Gedanke, der auch von Józsa aufgegriffen wurde: „Völker, die einen Teil ihrer Geschichte vergessen, sind gezwungen, sie zu wiederholen.“

Kranzniederlegung an der Ewigen Flamme

Im Anschluss an den Festakt fand die feierliche Kranzniederlegung am Mahnmal der deutschen Vertriebenen, der „Ewigen Flamme“ am Theodor-Heuss-Platz, statt. In einer würdigen Gedenkstunde wurden Kränze der Länder, des Bundes sowie der verschiedenen Landsmannschaften niedergelegt – in stillem Gedenken an die Millionen Opfer von Flucht und Vertreibung der Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg, ausdrücklich im Bewusstsein des von Nazi-Deutschland entfesselten Zweiten Weltkriegs und des damit einhergehenden Unrechts.

 

BdV/Czybik & Schmid Media/Bernd Lammel

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