Tag der Heimat 2019

Tag der Heimat 2019

Leitwort: Menschenrechte und Verständigung - Für Frieden in Europa

31. August 2019, 12:00 Uhr

Urania Berlin, Humboldt-Saal

Eurovisionsfanfare

Marc-Antoine Charpentier (1643-1704)

Begrüßung

Dr. Bernd Fabritius

Präsident

Festrede

Armin Laschet

Ministerpräsident des Landes Nordrhein-Westfalen

Chorgesänge, vorgetragen vom Chor "Brosci Chorus"

Ansprache

Dr. Bernd Fabritius

Präsident

La paix (aus der Feuerwerksmusik)

Georg Friedrich Händel (1685-1759)

Geistliches Wort und Gedenken

Vizepräsident des Kirchenamtes der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD)

Menuett II (aus der Feuerwerksmusik)

Georg Friedrich Händel (1685-1759)

Nationalhymne

Im Anschluss an den Festakt findet um 15:00 Uhr die Kranzniederlegung auf dem Theodor-Heuss-Platz statt. Es sprechen
der Berliner BdV-Landesvorsitzende, Staatssekretär a.D. Rüdiger Jakesch,
der Berliner Innensenator, Andreas Geisel MdA und
BdV-Präsident Dr. Bernd Fabritius.

Potsdamer Turmbläser

Bernhard Bosecker (Ltg.),

Jan Birkner, Jörg Enders, Alfred Frank (Trompete),

Dieter Bethke, Uwe Brasch (Posaune),

Gisberth Näther (Horn),

Tilmann Hennig (Tuba)

Der Chor "Brosci Chorus" ist der gemischte Chor des Deutschen Freundschaftskreises in Broschütz (Oberschlesien). Die Leitung hat Ewa Magosz.


Festrede

Armin Laschet

Ministerpräsident des Landes Nordrhein-Westfalen

Chorgesänge, vorgetragen vom Chor "Brosci Chorus"

Festrede zum Tag der Heimat des Bundes der Vertriebenen am 31. August 2019 in der Urania Berlin

Armin Laschet, Ministerpräsident des Landes Nordrhein-Westfalen

Lieber Herr Dr. Fabritius,

sehr geehrte Damen und Herren Abgeordnete aus Bund und Land,

sehr geehrter Herr Weihbischof Hauke,

sehr geehrter Herr Vizepräsident des Kirchenamtes Dr. Gundlach,

lieber Herr Staatsminister Dr. Herrmann, lieber Stephan Mayer,

lieber Herr Jahn als Bundesbeauftragter für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes, lieber Herr Präsident Dr. Sommer,

meine Damen und Herren,

das ist in der Tat so: „Tag der Heimat“ – findet jährlich statt, seit vielen Jahrzehnten.

Und es war in vielen Jahrzehnten so, dass das nicht unbedingt populär war. Dass „Tag der Heimat“ im politischen Wettstreit eingeordnet wurde zwischen links und rechts. Und ich denke, es ist gut, dass in der heutigen Zeit das kein Thema mehr ist. Dass jeder anerkennt, wie wichtig Heimat ist und wie wichtig die Erinnerung an Flucht und Vertreibung von Menschen ist.

Ich denke manchmal, wie muss das eigentlich gewesen sein in den 70er oder auch 80er Jahren, die ich so miterlebt habe, wo wir bei mir in der Heimatstadt in Aachen kleine Tage der Heimat hatten, von den Vertriebenen, die ganz in den Westen Deutschlands dann gekommen sind. Was muss es wohl für Menschen, die Flucht und Vertreibung erlebt haben, die schreckliches Leid erlebt haben, bedeutet haben, wenn sie im politischen Streit als Revanchisten oder was auch immer diffamiert worden sind?

Es ist gut, dass das ein Ende hat. Es ist gut, dass wir heute Erinnerung an diesem zentralen Ort hier in Berlin für ganz Deutschland ohne diese Anfeindungen begehen können.

Die Tage, in denen wir uns im Moment bewegen, sind ja historische Tage. Heute ist der 31. August. Der Tag, bevor vor 80 Jahren der Zweite Weltkrieg begann. Vor 80 Jahren werden hier in Berlin in unserem Umfeld – vielleicht auch bei schönem Wetter – Menschen sich bewegt haben und haben nicht ahnen können, was für ein schrecklicher Krieg morgen beginnen würde. Und wenn man über diesen Krieg spricht, muss man einfach diese Tage im August immer vor Augen haben. Ja, der erste September ist der Tag des Beginns des Krieges, des Überfalls auf Polen.

Aber der 23. August, ein paar Tage vorher, ist der Tag des Hitler-Stalin-Paktes. Des Molotow-Ribbentrop-Zusatzabkommens, wo man quasi Landlinien gezogen hatte – Polen aufgeteilt hat. In der Zeit des Kommunismus durfte das gar nicht erwähnt werden, im damaligen Warschauer Pakt, wie Hitler und Stalin sich sieben Tage bevor der Krieg begann über eine Aufteilung Europas verständigt hatten.

Und wenn man dann diesen Zeitrahmen mal sieht: 23. August 1939 und dann die Charta der Heimatvertriebenen im August 1950. Dann liegen dazwischen nur elf Jahre. Elf Jahre. Was ist das in der heutigen Zeit? Elf Jahre, das ist so gut wie gar nichts. Das ist von 2008 bis 2019.

Aber in dieser Zeit fand die Aufteilung Europas von zwei Diktatoren statt: Hitler und Stalin. Dann begann ein Weltkrieg. Dann waren sechs Jahre schrecklichen Krieges mit Millionen Toten und am Ende, danach, Deutschland mit zwölf Millionen Vertriebenen und Flüchtlingen. Und dann 1950 in Stuttgart in Cannstatt die Erklärung der deutschen Heimatvertriebenen mit dem großartigen Verzicht auf Rache und dem Willen, ein geeintes Europa zu bauen. Nur kurze elf Jahre.

Und deshalb, glaube ich, muss man das manchmal einordnen, was wir so historisch erleben. Und ich habe diese Charta noch einmal nachgelesen: Viele kennen diesen ersten Teil. Sie hat ja drei wichtige Teile.

Würdigung der Charta der deutschen Heimatvertriebenen

Der erste Teil: Verzicht auf Rache und Vergeltung. Das war etwas Bedeutendes, 1950 zu sagen: Wir verzichten auf Rache und Vergeltung, obwohl wir gerade alle persönlich Schreckliches erlebt haben. Heimat verloren haben. Angehörige verloren haben. Schreckliche Verbrechen erlebt haben. Und trotzdem zu sagen: Wir verzichten auf Rache und Vergeltung.

Das war ein großartiger Akt derer, die damals in Cannstatt als gewählte Vertreter der Heimatvertriebenen zusammensaßen.

Das sagen übrigens nicht alle, bis zum heutigen Tag in der Welt. Die, die in Konflikten waren, die vertrieben wurden, die Unrecht erlitten haben, die sagen nicht alle: Verzicht auf Rache und Vergeltung. Wenn in der Welt jeder sagen würde, ich verzichte, nachdem ich einen Krieg verloren habe, auf Rache und Vergeltung, wäre diese Welt friedlicher. Also insofern kann sich bis heute die Welt ein Beispiel nehmen an dem, was die Heimatvertriebenen 1950 da aufgeschrieben haben. Das ist ein ganz wichtiger Satz.

Aber das Zweite, was Sie sagen – das ist nicht ganz so bekannt –, ist der großartige Satz: „Wir werden jedes Beginnen mit allen Kräften unterstützen, das auf die Schaffung eines geeinten Europas gerichtet ist, in dem die Völker ohne Furcht und Zwang leben können.“ Eine echte Vision, eine doppelte Vision. Einmal: Wir wollen die Einheit Europas. Aber wir wollen diese Einheit ohne – wie Sie sagen – Furcht und Zwang.

Damals begann die Sowjetunion erst ihren Einfluss aufzubauen. Die Teilung Europas setzte sich geradezu fort. Alle Staaten in Mittel- und Osteuropa wurden eingegliedert in dieses stalinistische System. Stalin regierte damals, 1950. Und in dieser Zeit zu sagen: Wir Vertriebenen setzen auf die Einheit Europas, ohne Zwang und Furcht, war quasi eine Vorwegnahme der Hoffnung, die sich dann leider erst 1989 mit dem Fall der Mauer, mit dem Ende des Kommunismus und dann mit einer großen Europäischen Union, die alle Staaten Mittel- und Osteuropas umfasst, realisieren konnte.

1950 formuliert, ‘89 dann von den Menschen in der früheren DDR mutig erkämpft – auch das gerade in diesen Tagen in der Erinnerung wieder sehr wach: das Paneuropäische Picknick, das Otto von Habsburg an der ungarischen Grenze, in Sopron, organisiert hat, wo die Ungarn plötzlich die Chance hatten, mal das Tor einen Moment aufzumachen und die ersten 600 herüberlaufen konnten. Das war im August.

Dann die Friedensgebete in den Kirchen. Ich finde auch, dass ist in der heutigen Zeit häufig vergessen, wo sich viele über Kirche lustig machen, dass es in den Kirchen in der DDR begonnen hat – dass man gesprochen hat. Übrigens in Polen mit dem polnischen Papst und Lech Walesa ebenfalls es kirchlich bewegte, gläubige Menschen waren, die gesagt haben: Wir finden uns mit dieser Welt, die geteilt ist, nicht ab. Wir gehen in die Nikolaikirche in Leipzig. Wir gehen anderswo hin. Wir machen Friedensgebete. Und diese Menschen, am Ende, haben es geschafft, dass ein so gigantisches System wie die Sowjetunion ohne einen Schuss zusammengebrochen ist. Auch darauf sollten wir Christen heute mal stolz sein, was wir da bewegt haben.

Also diese Europa-Vision war das Zweite. Und das Dritte? Das ist fast ein Appell an jeden, der sich heute mit Integrationspolitik beschäftigt.

Die deutschen Heimatvertriebenen sagen: Erstens, wir verzichten auf Rache und Vergeltung. Zweitens, wir wollen das geeinte Europa. Und drittens – und das ist dann die Tagesaufgabe – wir wollen jetzt hart und unermüdlich arbeiten für den Wiederaufbau des Landes, in dem wir jetzt sind, für diese Bundesrepublik Deutschland.

Auch das wünsche ich mir von jedem, der, aus welchen Gründen auch immer, hierherkommt, vielleicht auch Flucht, vielleicht auch Vertreibung erlebt hat, dass er aber mit der Haltung herangeht: Ich will jetzt hier meinen Beitrag selbst leisten. Ich warte nicht auf Leistungen anderer. Ich will hart arbeiten, damit es diesem Deutschland gut geht.

Und das war die Aussage von 1950. Die dritte wichtige, die die Vertriebenen damals den Deutschen, die hier waren, die ein Land in Trümmern hatten, versprochen haben. Wir helfen mit beim Wiederaufbau. Und auch dafür Dank an diesem Jahrestag. Für diese große Leistung von zwölf Millionen Menschen für die Geschichte der Bundesrepublik Deutschland.

Heimat und Heimatvertreibung

Nun ist das Thema Heimat heute wieder moderner. Viele Menschen suchen gerade in dieser globalisierten Welt, wo alles sich beschleunigt, wo viele auch Identität suchen, nach etwas, was ihnen selbst Identität schenkt. Und viele sagen: Ja, was heißt denn Heimat? Wie kann man das denn definieren?

Das ist gar nicht so einfach. Das definiert jeder Mensch individuell für sich. Das kann der Ort sein, an dem er geboren wurde, an dem seine Freunde sind, in dem er sich sicher und wohlfühlt, in dem er bestimmte Lieder, vertraute Speisen, bestimmte Dialekte – vielleicht einzelne Worte, vielleicht Worte, die die Eltern einmal gesagt haben – vielleicht auch die Kirche, in der er getauft wurde, in der er groß geworden ist – was immer ihm besonders persönlich wichtig ist. Das ist Heimat.

Und Heimat kann dann auch sein, dass jemand vertrieben wurde, dass er an einem anderen Ort alles erlebt hat – diese Heimat – und dann woanders hingeht, tausend Kilometer entfernt sich dann neu niederlässt und dann da eine zweite Heimat entdeckt. Und dazu braucht es diese Anerkennung derer, die schon da sind, für die, die denn da kommen.

Wir haben in vielen Städten – Nordrhein-Westfalen ist ja fast am weitesten weg vom Osten und Aachen noch weiter als jede andere Stadt –, aber trotzdem gab es ein Haus des deutschen Ostens. Gab es den Tag der Heimat. Gab es die Erinnerungskultur, die sich auch wiederfindet in der Stadtgeschichte, wo man erzählen muss, wer von denen, der da gekommen ist, ist denn vielleicht danach in den Stadtrat gegangen, hat sich für das Gemeinwesen engagiert, ist vielleicht sogar Bürgermeister, Abgeordneter, Oberbürgermeister geworden und hat seine neue Heimat dann in Parlamenten oder in Rathäusern vertreten.

Wir haben ein Oberschlesisches Landesmuseum bei uns in Nordrhein-Westfalen. Wir haben ein Museum für russlanddeutsche Kulturgeschichte. Und das habe ich einmal besucht und habe da etwas entdeckt, was ich gerade für Kinder und Jugendliche heute wichtig finde. Wie erklären Sie heute Kindern und Jugendlichen, was der Tag der Heimat ist? Wie erklärt man heute Kindern und Jugendlichen, was Vertreibung ist.

Mein Sohn ist 30, 1989 geboren. Der weiß selbst aus eigenem Erleben nicht mal mehr, was deutsche Teilung ist. Der ist nie über Helmstedt gefahren als Jugendlicher, hat nie hier im Bahnhof Friedrichstraße Zwangsumtausch machen müssen, weiß gar nicht, was Mauer wirklich bedeutet, wenn man sie nicht selbst gesehen hat. Und der ist 30. Das sind die, die die Schulen jetzt schon verlassen haben. Aber wie soll man denn heute einem 15-jährigen Kind erklären, was es eigentlich für die Großeltern und Urgroßeltern bedeutet hat, die eigene Heimat zu verlassen?

Und in diesem Museum für russlanddeutsche Kulturgeschichte haben die einen kleinen Koffer aufgestellt, wo man ein einziges Teil mitnehmen durfte. Das, was damals die Menschen als einziges Teil mitnahmen, war die Bibel. Ob die jungen Leute heute sich für die Bibel entscheiden würden, wage ich mal zu bezweifeln. Es wäre wünschenswert.

Aber einen Menschen individuell vor die Frage zu stellen: Wenn du jetzt vertrieben würdest, wenn du jetzt deine Heimat verlassen würdest, was würdest du mitnehmen? Ein Teil darfst du in den Koffer packen. Und das kann, glaube ich, gerade Kindern und Jugendlichen einmal klarmachen, was Heimatverlust bedeutet. Dass du nur einen Koffer hast, in den du ein Stück hineinnimmst. Und alles andere, was da ist, was dein Umfeld ist, was deine Freunde sind: Das musst du zurücklassen, im Zweifel auf alle Zeiten.

Flucht und Vertreibung in der heutigen Erinnerungskultur

Und diese Kultur, das weiterzuerzählen, was Vertreibung, was Heimatverlust bedeutet, das ist etwas, was wir gerade in der heutigen Zeit wieder intensiver machen müssen. Und ich bin froh – ich habe es am Anfang gesagt –, dass wir das heute ohne dieses parteipolitische Hickhack machen können.

Und der Verdienst liegt in der Zeit, wo wieder eine schreckliche Erfahrung plötzlich dieses Links-Rechts-Schema durchbrochen hat. Vertreibung war eigentlich gedanklich weg, und dann passierten die Kriege auf dem Balkan. Plötzlich, in den 90er Jahren, konnte man am Fernsehen wieder Vertreibung sehen. Ethnische Säuberung sehen. Massenvergewaltigung sehen. All die schrecklichen Dinge, die die Vertriebenen noch im Kopf hatten, waren plötzlich wieder Tagespolitik. Und in dem Moment gab es plötzlich auch von der politischen Linken Menschen, die gesagt haben, das dürfen wir nie wieder zulassen.

Und dann ist ein neuer Konsens entstanden, der auch eine neue Erinnerungskultur möglich machte. Mit dem Zentrum in Erinnerung an die Vertreibung, hier in Berlin, wo Persönlichkeiten aller Parteien am Ende mitgewirkt haben und hier auf Dauer jetzt in Berlin an die Vertreibung erinnert wird. Und ich glaube, diese Erinnerung ist wichtig, wenn man will, dass das nie wieder passiert.

Wenn man so tut, als sei Vertreibung irgendetwas, was so in Folge des Zweiten Weltkriegs dann am Ende passierte – von manchen heimlich noch dazugesagt, ja, die sind‘s ja selber schuld: Nein, die, die da vertrieben wurden, sind gar nicht schuld. Sie sind Opfer eines Krieges, den andere angefangen haben. Und wir dürfen auch nicht zulassen, dass das quasi als selbstverständlich beschrieben wird, dass die nun halt als Opfer am Ende vertrieben worden sind. Das gilt für die Sudetendeutschen. Das gilt für die Ostpreußen.

Aber das wurde bei uns so vermittelt. Ich habe auch mal bei uns die Schulbücher in Nordrhein-Westfalen durchgeschaut: Ja, der Teil, der sich mit Vertreibung beschäftigt, ist noch ausbaufähig. Also, das kann man noch besser erklären, was da wirklich stattgefunden hat. Und deshalb ist das Erinnern daran wichtig, dass man weiß, sowas soll in Zukunft nie wieder passieren.

Und wir haben alle dann – ich fand den Film damals sehr beeindruckend – die Flucht 2007 mit Maria Furtwängler gesehen: Da hat man mit einem großen Film an die Empathie derer, die das sonst vielleicht nicht so auf dem Schirm haben, erinnern können. Und auch da hat man gemerkt – das gilt jetzt für uns alte Westdeutsche, da zähle ich mal Aachen und Nordrhein-Westfalen dazu, aber Bayern mindestens gleichermaßen –, dass das nicht so war, dass, wenn dann die Vertriebenen kamen, die gerade aus Ostpreußen geflohen sind, über die vereiste Ostsee, unter russischem Bombardement mühevoll am Ende das Land erreicht haben, dann quer durch Deutschland zogen… In dem Film kommt Maria Furtwängler in einem bayerischen Dorf an, und da steht ein Schild „Flüchtlinge sind hier nicht willkommen“.

Da waren keine Syrer mit gemeint, sondern das waren Menschen, die von einem Teil Deutschlands in den anderen geflohen sind. Und weil bei uns die Städte zerstört waren und keine Wohnungen da waren, war die Bereitschaft gegenüber denen, die da kamen, nun besonders großzügig zu sein, eher unterentwickelt. Aber am Ende ist es geschafft worden. Am Ende haben viele dazu beigetragen, besonders die die gekommen sind. Weil sie bereit waren, sich in der neuen Gemeinschaft zu engagieren.

Und das hat viele persönliche Merkmale betroffen. Zum Beispiel war das auch eine Frage zwischen Protestanten und Katholiken, die damals noch anders bewertet wurde. Das protestantische Kind – ich hatte so ein Beispiel bei uns in Westfalen – kam in einen katholischen Ort im Münsterland. Dann war Fronleichnamsprozession. Dann wurden große Blumenteppiche ausgelegt, von den Kindern vorbereitet. Und dann zog die Prozession, aber mitmarschieren durften natürlich nur die katholischen Kinder. Und dann stand das protestantische Kind, das quasi neu in diesen Ort kam, am Rande.

Dieses Empfinden, dass auch das religiös damals nicht so selbstverständlich war, das ist uns heute kaum mehr in der Vorstellung, wo wir ökumenisch eng zusammenarbeiten. Aber was das für ein Kind bedeutet, wenn alle anderen mitmarschieren und man selbst nicht mitmarschieren darf, kann man sich leicht vorstellen. Das war die große Leistung, dass das alles so zusammengeführt worden ist, dass wir heute in dieser guten Atmosphäre einen solchen Tag der Heimat hier feiern können.

Und Flucht und Vertreibung war dann immer Teil der Nachkriegsgeschichte, und man hat es nur anders genannt. Wenn ich gleich hier den Saal verlasse und etwas früher zurückgehe, gehe ich nach Köln. Und da wird gefeiert: 40 Jahre Cap Anamur. Das waren die, die vor dem Kommunismus damals flohen ins Südchinesische Meer. Rupert Neudeck – die Cap Anamur hat die dann gerettet.

Und da war ich damals 18, als ich diese Bilder sah. Das hat mich damals maßlos aufgeregt, dass auch selbst diese Flucht parteipolitisch ausgenutzt wurde. Die politische Linke wollte von Cap Anamur und Rupert Neudeck nichts wissen, weil ja doch gerade in Vietnam der Kommunismus gewonnen hatte. Und die, die davor geflohen waren, eigentlich Konterrevolutionäre oder irgendetwas. Jedenfalls keine Menschen, die Respekt verdient hatten.

Viele sind dann hier aufgenommen worden. Viele sind Erfolgsgeschichten geworden, weil der Mensch im Mittelpunkt stand und nicht die politische Ideologie. Und deshalb müssen wir uns das wachhalten – dieses Empfinden, den Menschen in den Blick zu nehmen und unsere Erinnerungskultur darauf ausrichten.

Aktivitäten der Landesregierung

Und deshalb haben wir gesagt auch 2017/18/19, heute bleibt die Frage aktuell. Wir haben in der neuen Landesregierung nach 2017 einen eigenen Beauftragten für die Belange der Vertriebenen, Aussiedler und Spätaussiedler ernannt. Heiko Hendriks, der ist heute hier. Sowas hat es in Nordrhein-Westfalen in den letzten 50 Jahren nicht gegeben. Ich finde es richtig, dass ein eigener Beauftragter für die Landesregierung sich um diese Gruppe kümmert. Deshalb haben wir das gemacht.

Und der reist jetzt in die Herkunftsgebiete. Der kümmert sich auch um die deutsche Minderheit in diesen Orten. Der schafft wirtschaftliche und kulturelle Kontakte – viele aus Oberschlesien. Eine kleine Delegation ist sogar heute mit dabei, die eigens angereist ist von der Minderheit, um hier am Tag der Heimat in Berlin mit dabei zu sein. Und das haben wir in vielen Orten, weil das die sind, die sich für Versöhnung einsetzen.

Dann, lieber Bernd Fabritius, Nordrhein-Westfalen ist auch Patenland der Siebenbürger Sachsen und der Oberschlesier. Das hat man 1957 beschlossen. Als der Jahrestag 2017 war, ist niemand nach Dinkelsbühl gereist, weil man gar nicht mehr auf dem Schirm hatte, dass man eine Patenschaft für das Land hatte.

Das finde ich etwas bemerkenswert. Wenn man eigentlich Pate ist von einem Kind, vergisst man das ein Leben lang nicht, dass man Pate ist. Hier im politischen Spektrum ist das ein wenig vergessen worden.

Und ich war dann hoch erstaunt. Ich war dann 2018 bei Euch in Dinkelsbühl. Der Bayerische Ministerpräsident ist jedes Jahr dort, um das auch mal lobend zu sagen. Bayern hat das immer sehr gepflegt. Und dann war das der erste Ministerpräsident nach fast 50 Jahren, wenn überhaupt, der einmal zu seinen Paten, den Siebenbürger Sachsen nach Dinkelsbühl, gereist ist.

Und ich finde, daran müssen wir wieder anknüpfen. Das muss wieder selbstverständlich sein, dass auch westdeutsche Bundesländer, die Patenschaften in schwieriger Zeit in den 50er Jahren übernommen haben, sich auch 60 und 70 Jahre später noch daran erinnern, dass sie Paten sind. Und das fordert Engagement, das fordert Bildungsarbeit. Das fordert auch Präsenz bei denen, die die Kinder und Kindeskinder sind derer, die damals geflohen sind.

Tage der Heimat haben Zukunft

Und deshalb bin ich sicher, dass der Tag der Heimat Zukunft hat. Dass wir auch in den nächsten Jahren Tage der Heimat begehen werden. Tage der Heimat, die traurig sind, wenn man an die sinnt, die ihr Leben verloren haben, ihre Heimat verloren haben. Tage der Heimat, die aber auch, ja, Anlass zur Freude sind und zum Feiern sind, weil so vieles so gut gelungen ist.

Und ich sage das auch in diese Stimmung, die wir in Deutschland – morgen sind da Wahlen in Ostdeutschland, aber auch im Westen erleben Sie das –, in diese Stimmung hinein: Dass alles so schlecht ist, dass man aggressiv sein muss, dass man wütend sein muss. Dass man andere beschimpfen muss – möglichst auf anonymen Accounts irgendwen einfach persönlich beleidigen und angreifen.

Nein, das ist nicht das, was uns stark gemacht hat. Das was uns stark gemacht hat, selbst in der schwierigen Zeit, ist der Respekt vor dem anderen, der eine schwierige Situation hat, der hierherkommt, dem man auch eins zu eins und nicht auf Twitter, sondern persönlich begegnen kann. Mit dem man reden muss, dem man zuhören muss. Das hat uns ausgezeichnet.

Und deshalb wünsche ich mir, dass diese Wut, diese Aggressivität von links und rechts – es ist nicht nur eine Seite –, dass das aufhört und wir wieder zu dieser alten Tradition, die die Bundesrepublik so gut geprägt hat, des gegenseitigen Miteinanders… Uns geht‘s doch in Deutschland gut, besser als anderswo, wo Krieg, Vertreibung, Not, Arbeitslosigkeit die Menschen quält. Uns geht‘s doch gut, und lasst uns das doch auch einmal sagen. Lasst uns froh sein, dass wir in diesem Deutschland, in einem friedlichen und geeinten Europa leben und dass wir unsere Kultur, unsere Traditionen pflegen können und das auch offen sagen können. Das wünsche ich uns.

Alles Gute für den Tag der Heimat.


Ansprache

Dr. Bernd Fabritius

Präsident

La paix (aus der Feuerwerksmusik)

Georg Friedrich Händel (1685-1759)

Ansprache zum Tag der Heimat des Bundes der Vertriebenen am 31. August 2019 in der Urania Berlin

BdV-Präsident Dr. Bernd Fabritius

Meine Damen und Herren, liebe Landsleute,

ich freue mich sehr, dass Sie heute hierher gekommen sind und wir auch in diesem Jahr den Tag der Heimat gemeinsam begehen können.

Lieber Herr Laschet, ganz herzlichen Dank für Ihre Ansprache! Es ist schön, Sie als Vertreter des bevölkerungsreichsten Bundeslandes bei uns zu haben. Nordrhein-Westfalen ist nicht nur das Patenland der Siebenbürger Sachsen, der Oberschlesier sowie Partnerland der Woiwodschaft Schlesien, sondern seit Ihrem Amtsantritt auch wieder Fürsprecher unseres Personenkreises.

Das Beispiel Nordrhein-Westfalen zeigt: Es liegt in der Hand der Landesregierungen, ihre Politik und damit ihr Handeln mit einem Bekenntnis zu unseren Anliegen zu verbinden. Dort, wo Impulse seitens des Regierungschefs und der Minister fehlen, dort wird auch die Arbeitsebene – wohlwollend formuliert – nur sehr selten einen Blick in Paragraph 96 BVFG werfen.

In Nordrhein-Westfalen ist das anders, lieber Heiko Hendriks, und wir nehmen das seit einiger Zeit mit sehr viel Freude und mit Dankbarkeit zur Kenntnis.

Wenn ich mir die 16 Bundesländer unter diesem Aspekt anschaue, genügen leider die 10 Finger meiner Hände völlig, um Positivbeispiele aufzuzählen. Gerade deshalb, lieber Herr Ministerpräsident, darf ich Ihnen für die Botschaft, die Sie heute hier gesendet haben, die hohe Anerkennung der deutschen Heimatvertriebenen aussprechen.

Nationaler Gedenktag am 20. Juni

Es tut gut zu wissen, dass auch Sie in Ihrem Bundesland am 20. Juni Trauerbeflaggung veranlasst haben. Anlässlich des nationalen Gedenktages für die Opfer von Flucht und Vertreibung ist bundesweit der Leidtragenden, vor allem aber auch der Toten aus unseren Reihen gedacht worden. Es waren die Bundesländer Bayern, Hessen und Sachsen, die als erste einen Gedenktag auf Landesebene eingerichtet haben und damit die Entscheidung für einen nationalen Gedenktag auf Bundesebene stark befördert haben.

Lieber Herr Laschet, diese Landesinitiativen möchte ich Ihnen heute besonders ans Herz legen: Ein solcher Landesgedenktag wäre sicher auch in Nordrhein-Westfalen eine gute Sache – gerade weil in Nordrhein-Westfalen, in Ihrem Bundesland anteilig die allermeisten Vertriebenen eine neue Heimat gefunden haben.

Der Nationale Gedenktag ist erst vor fünf Jahren ausgerufen worden. Allen, die dazu beigetragen haben, ist zu danken, dass Deutschland nun auch der eigenen Opfer gedenkt und damit einen wichtigen Schritt getan hat, auch diesen Teil der Geschichte im nationalen Bewusstsein zu verankern.

Gastgeber der Gedenkstunde am 20. Juni in diesem Jahr in Berlin war Bundesminister Horst Seehofer, der in seiner Begrüßungsansprache unter anderem Folgendes sagte:

„Das 20. Jahrhundert war ein Jahrhundert der Vertreibungen. Das Kriegsfolgenschicksal der Millionen Deutschen aus den ehemals deutschen Gebieten und vielen anderen Gebieten Ost-, Ostmittel- und Südosteuropas steht deshalb immer im Mittelpunkt dieser Gedenkstunde."

Dieser Gedenktag ist für alle Vertriebenen und Spätaussiedler, für den Bund der Vertriebenen genauso wie für die 20 Landsmannschaften, die Mitglied im BdV sind, die sprichwörtliche ‚Luft zum Atmen‘. Der Gedenktag am 20. Juni gibt uns nämlich die Möglichkeit, an einem Tag wie heute nicht demonstrativ nur rückschauen zu müssen, weil wir jahrzehntelang gefühlt immer die einzigen waren, die auch an die Opfer aus den eigenen Reihen erinnert haben.

Seitdem es diesen Gedenktag gibt, sind die Vertriebenen nicht mehr die „einsamen Rufer in der Wüste“, sondern diejenigen, die - nach stetem Anmahnen - endlich erreicht haben, dass das Gedenken auch im öffentlichen Raum stattfinden kann.

Wir können nunmehr den Tag der Heimat anders angehen, wir können freier nach vorn blicken. Wir können jetzt persönlicher gedenken, wir dürfen kollektiv und individuell mehr Gefühle zulassen, wir dürfen auch wieder das Gute sehen und Gott dafür danken. Auch das möchte ich heute mit Ihnen gemeinsam tun.

Was der Naziterror und der Zweite Weltkrieg der Welt angetan hat, und was auch wir alle danach noch an Vertreibungen, an ethnischen Säuberungen – denn nichts anderes war es – erleben mussten, was auch die Kinder und Enkel als Trauma-Gepäck mitbekommen haben, das alles hat unsere gesamte Gesellschaft kollektiv geprägt – und das darf und soll sich nicht wiederholen. Dafür stehen wir, die deutschen Heimatvertriebenen – mit der Last und dem Gewicht all unserer persönlichen und gemeinschaftlichen Biografien.

Wie sagte doch der höchste Vertreter des UNHCR in Deutschland, Dominik Bartsch, angesichts der 70 Millionen Kriegs-, Wirtschafts- und Klimaflüchtlinge von heute: Welch ein unbeschreibliches Glück für Deutschland, dass kein Deutscher darunter ist. Lassen Sie uns heute, am Tag der Heimat, auch dafür dankbar sein.

Das Trauma der Flucht und Vertreibung

Meine Damen und Herren,

der Grund, warum wir seit Jahrzehnten den Tag der Heimat begehen, ist das tragische Schicksal, das uns als Opfer von Flucht und Vertreibung eint: Verlust der Heimat, Demütigung, Erniedrigung, existenzieller Bruch im Lebensalltag und tiefe Verletzungen der Seele. Dieses unsichtbare Band aus der Vergangenheit ist stark – so stark, dass viele es vielleicht nie abstreifen können. Es verbindet uns miteinander - oft einschnürend und quälend – ein Leben lang.

Dieser Tage stieß ich wieder einmal über eines jener Flüchtlingslieder, das in den Jahren nach Kriegsende sehr häufig gesungen wurde. Es wurde – je nach landsmannschaftlicher Zugehörigkeit der jeweiligen Sänger – um viele Strophen erweitert, doch reichen schon die ursprünglichen Grundverse aus, um die Entwurzelung, Verlorenheit und Verzweiflung der Betroffenen zu verstehen:

"Fern der Heimat irr als Flüchtling / in der Fremde ich umher.

Und die meisten meiner Lieben, / ach, die find ich nimmermehr.

Alle Lieben, die dort wohnten, / alle sind im Wind zerstreut,

Keiner weiß, wo sie geblieben, / ob sie noch am Leben sind.

Wer nicht selber Schmerz empfunden, / wer nicht selber Leid gesehen,

kann das Heimweh und die Sehnsucht / eines Flüchtlings nicht verstehen.

Herr, Gott, der du bist dort droben, / hör mein Sehnen, hör mein Flehen.

Lass mich die geliebte Heimat / doch noch einmal wieder sehen."

Das, meine Damen und Herren, war unser bzw. das Lebensgefühl unserer Eltern und Großeltern in jener unvorstellbar schweren Zeit. Ich erlaube mir, die Beklemmung, die diesem Lied innewohnt, unkommentiert wirken zu lassen.

Zum Verlust der Heimat gesellten sich bei den zwölf Millionen Vertriebenen, die die Flucht überlebten, dann die Überlebensangst, die Ungewissheit über den Verbleib der Familienangehörigen, aber auch die Feindseligkeit der ebenfalls leidgeplagten Menschen in den Ankunftsorten im Westen, wie auch Ministerpräsident Laschet angesprochen hat, und natürlich auf dem Gebiet der späteren DDR.

Wir wissen von einigen Zeitzeugen, dass sie dadurch über viele Jahre mit nagenden Zweifeln am eigenen Selbstverständnis zu kämpfen hatten. Diese Erfahrungen haben bei den Betroffenen ein Trauma hervorgerufen, welches sie ein Leben lang begleitet, und welches nur mühsam überwunden werden kann.

Es kann aber überwunden werden.

Unser Tag der Heimat ist aber genau dafür eine gute Gelegenheit. Gelegenheit zur Begegnung, zum Austausch, zu einer gemeinschaftlichen Reflexion über Heimat, über Werte und Zusammengehörigkeit in einer Schicksalsgemeinschaft, die aus kollektivem Leid entstanden ist. Das alles ist heilsam, auch nach vielen Jahrzehnten.

Erst vor wenigen Tagen, am Jahrestag des Stalin-Erlasses vom 28. August 1941, konnte ich bei der Gedenkfeier in der Berliner Weihnachtskirche die heilsame Wirkung von Zeitzeugenerzählungen beeindruckend miterleben. Nehmen auch Sie diesen Tag der Heimat mit und sprechen Sie darüber, mit jedem der das möchte und überall, wo es Sie hinführt.

Im Westen war es ein gesellschaftspsychologischer und vor allem politischer Fehler, dass mit Beginn der neuen Ostpolitik unter Willy Brandt über die folgenden zwei, drei Jahrzehnte ein öffentliches Schweigen in Deutschland einsetzte, welches Vertriebene und Spätaussiedler geschichtlich marginalisierte und in einen tabubewehrten Graubereich abdrängte.

Von der DDR gar nicht erst zu sprechen, denn dort war es bei Strafe verboten, von Flüchtlingen oder Vertriebenen zu sprechen. Wie sehr die Betroffenen in der DDR unter dieser Politik gelitten haben, haben die Menschen im Westen erst nach dem Fall der Mauer 1989 erfahren.

Im Rückblick auf die letzten 50 bis 70 Jahre drängt sich der Eindruck auf, dass sich Deutschland immerzu ausgerechnet jenes Teils seiner Bevölkerung schämte, ja, bis heute schämt, der gleichsam stellvertretend in Haftung genommen worden ist für die grauenvollen Verbrechen der Nationalsozialisten. Verschweigen und Verdrängen zur Selbstentschuldung.

Das, meine Damen und Herren, war und ist auch heute kein souveräner Umgang von Teilen der Politik, aber auch der Gesamtgesellschaft, mit den Vertriebenen und deren Nachkommen. Darauf hat gerade der Bund der Vertriebenen immer wieder hingewiesen und immer wieder angemahnt, den Vertriebenen ihren Platz in der Geschichte zuzugestehen.

Bei der Gedenkstunde, meine Damen und Herren, am 20. Juni in Berlin ist dabei in diesem Jahr – so deutlich wie selten zuvor – zum Ausdruck gekommen, wie sehr unsere Identität und unsere Gesellschaft insgesamt auch von diesem Massenschicksal geprägt wurden – und wie schwer dieses dennoch einen angemessenen Platz in der historischen Forschung, in den Medien und im allgemeinen Bewusstsein findet.

Ich war sehr froh, den Medien in den letzten Tagen zu entnehmen, dass angeblich das Deutschlandhaus, das Zentrum der "Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung" fertiggestellt sein soll. Ich freue mich, dass das so ist. Auch wenn ich natürlich... - das ist schon einen Applaus wert, nach so vielen Jahren.

Auch wenn ich der Nachricht einer sonst sehr gut informierten Presseagentur entnommen habe, dass der Name "Deutschlandhaus" umstritten sein soll. Das ist eine schlichte Falschinformation. Das Deutschlandhaus bleibt das Deutschlandhaus. So hat der Stiftungsrat das beschlossen.

Entschädigung deutscher Zwangsarbeiter

Das Unrecht, meine Damen und Herren, das unseren Volksgruppen widerfahren ist, lässt sich nicht in Geldbeträge umrechnen, geschweige denn wiedergutmachen. Das persönliche Lebensglück, das man unter Zwang auf dem eigenen Hof in Schlesien oder in Ostpreußen mit diesem selbst, mit Äckern, mit Wiesen und Wäldern zurücklassen musste, kann man sich mit allem Geld der Welt nicht wieder kaufen.

Genauso wie die Lebenszeit, die viele in Zwangsarbeitslagern verbringen mussten. Diesen Gedanken sollten sich so manche Politiker in der Nachbarschaft in ihre Überlegungen einbeziehen, wenn sie heute – nach vielen Jahrzehnten – erneut über Schadensbilanzierungen nachdenken. Meist geraten, meine Damen und Herren, solche Überlegungen ziemlich einseitig, und das dürfen sie schon aus Gründen der Wahrhaftigkeit nicht sein.

Auch die in Deutschland eingeführte, sogenannte Anerkennungsleistung für deutsche Zwangsarbeiter kann daher nur eine Geste der Anerkennung sein. Das ist sie aber. Wir wissen, dass diese Entschädigung keine Leistung im Sinne von Wiedergutmachung ist. Aber es ist eine Geste, auf die wir lange hingearbeitet haben - gerade der Bund der Vertriebenen. Eine Geste, die wir daher ausdrücklich begrüßen und die wir am Ende mit Zuspruch und großer Unterstützung unserer politischen Partner haben umsetzen können. Dafür ein ehrliches Dankeschön an alle im Interesse der Betroffenen.

Rentenungerechtigkeit bei Spätaussiedlern

Was mit der Anerkennungsleistung für deutsche Zwangsarbeiter an der einen Stelle ansatzweise wiedergutgemacht wird, bleibt an anderer Stelle zum Nachteil der Gerechtigkeit leider immer noch offen: die überfällige Beseitigung der Benachteiligungen von Spätaussiedlern im Rentenrecht.

Die jetzige Situation, meine Damen und Herren, nenne ich Rentenungerechtigkeit in Reinkultur. Sie ist weit, sehr weit entfernt von neuen Schlagworten wie „Respektrente“ oder „Lebensarbeitsleistung“ oder auch nur „Generationengerechtigkeit“. Derartige Floskeln, meine Damen und Herren, müssen sich für Betroffene aus unseren Reihen wie Hohn anhören, wenn sie davon weiter ausgeschlossen bleiben.

Der BdV und seine Landsmannschaften haben nicht tatenlos zugesehen. Der Bund der Vertriebenen und die hauptsächlich betroffenen Landsmannschaften der Deutschen aus Russland, der Banater Schwaben und der Siebenbürger Sachsen haben ausgewogene Vorschläge unterbreitet und fordern an diesem Punkt Gerechtigkeit. Seit Jahren und mit Nachdruck. Allen Beteiligten, die das Anliegen unterstützt haben und bis zu seiner angemessenen Erledigung weiter unterstützen, einen herzlichen Dank.

Die angesprochenen Rentenbenachteiligungen für Spätaussiedler waren 1996 bei ihrer Einführung nach einer schäbigen Neiddebatte falsch, sie sind heute falsch und sie bleiben falsch. Die Eingliederung der Spätaussiedler, die die Bundesregierung verspricht, geht nämlich über einen Sprachkurs, die Vermittlung in Arbeit oder die Hartz-4-Absicherung hinaus. Sie umfasst auch die Fürsorge für die Menschen im Alter, ganz besonders, wenn die junge Generation sich ungekürzt und uneingeschränkt an der Solidargemeinschaft Rentenversicherung beteiligt. Spätaussiedler sind ein Gewinn für die deutsche Rentenkasse, wer etwas anderes behauptet, verdreht die Tatsachen.

Ich bin zuversichtlich, dass die von der Bundeskanzlerin persönlich zugesicherte Prüfung bezüglich der sozialen Absicherung von Spätaussiedlern im Alter keine leere Floskel war. Auf meine beim Jahresempfang im April öffentlich vorgetragene Forderung nach Rentengerechtigkeit, die wir mit stichhaltigen Fakten und Zahlen untermauert hatten, antwortete die Kanzlerin:

„Ihre Zahlenangaben waren nicht ohne jede logische Relevanz. ... Ich werde mir das daher noch einmal sehr genau anschauen.“

Dafür danke ich der Bundeskanzlerin.

Charta/Vertreibungsverbot/Verständigungspolitik

Meine lieben Damen und Herren,

der BdV steht seit fast sieben Jahrzehnten auf dem Fundament unserer, heute bereits mehrfach erwähnten Charta der Heimatvertriebenen. Die damals verkündete Selbst-Verpflichtung wirkt für uns bis heute fort: der bewusste Austritt aus der Spirale von Gewalt und Gegengewalt, die Bekämpfung von Vertreibungen als Welt-Problem sowie eine nachhaltige Verständigungspolitik, um es eben nie wieder so weit kommen zu lassen, sind Inhalte unserer Arbeit.

Ich habe eingangs bereits an die aktuellen Flüchtlingszahlen des UNHCR erinnert: 70 Millionen Menschen weltweit mahnen die Weltgemeinschaft, Vertreibungsverbote in den Rechtssystemen kodifiziert zu verankern, um das auch bestrafen zu können. Genau das fordert auch der BdV seit Jahren.

Auf der Agenda des BdV stehen nach wie vor auch

  • die Sicherung des kulturellen Erbes der Heimatvertriebenen,
  • das Bestreben, Wahrhaftigkeit als conditio sine qua non einer ehrlichen und empathischen Erinnerungskultur durchzusetzen
  • und natürlich der stete verständigungspolitische Dialog mit den Nachbarn im Osten.

Auf diesen letzteren Aspekt möchte ich im Folgenden noch eingehen.

Das Miteinander der Nachbarn

Nächstes Jahr werden die Verbände das 70-jährige Jubiläum der Charta feiern. Wenn ich diese Charta, meine Damen und Herren, in Bildern malen sollte, es wäre eine ausgestreckte Hand, es wäre ein Korb voll Erinnerungen und ein beherztes Zupacken voll Gestaltungswillen für die Zukunft, am liebsten gemeinsam mit unseren Nachbarn in Europa.

Wir sollen uns die Frage stellen, wie wir heute, aber vor allem im nächsten Jahr, im Jubiläum, und in den Jahren danach, in angemessener Form der Heimat im Osten gedenken und diesem Gedenken etwas Verbindendes geben.

Ich denke, das geht nur gemeinsam mit den Menschen, die heute in unserer alten Heimat leben. Wenn die Menschen, die heute in Schlesien, in Pommern, in Böhmen oder in der Batschka leben, von ihrer Heimat sprechen, so meinen sie dieselben Dörfer, Städte und Landschaften wie wir. Vereinzelt mag man dies nur widerwillig annehmen, weil sich das Herz dabei zusammenzieht – aber es spiegelt die Realität, meine Damen und Herren, so wie sie heute ist.

Lassen Sie mich einen Aspekt ansprechen, der von Jahr zu Jahr gewichtiger wird: Jenen Landstrichen, aus denen bis heute noch Spätaussiedler nach Deutschland kommen, stehen Gebiete im Osten wie Pommern oder Ostpreußen, das Sudetenland oder Galizien gegenüber, aus denen niemand mehr kommt. Landstriche, die darauf angewiesen sein werden, dass die Nachfahren der seinerzeit Vertriebenen, vielleicht schon die dritte Generation, die Erinnerungskultur hochhalten.

Das gelingt am besten im Schulterschluss mit den dort heute noch lebenden Menschen. Mehr noch: Es geht nicht nur um „Erinnerung hochhalten“, sondern um gemeinsames Gestalten eines Miteinander unter dem gemeinsamen Dach Europa, in dem sich freundschaftlich verbunden alle Völker und Ethnien wiederfinden.

Ein solches Miteinander darf keine Momentaufnahme bleiben, sondern muss von Generation zu Generation weiter vererbt werden. In einem grenzüberschreitenden Verständnis sind die deutschen Minderheiten in den mittel- und osteuropäischen Ländern unsere Brüder und Schwestern. Wir sollten sie noch stärker als bisher in unsere Tätigkeit einbeziehen – ganz in dem Bewusstsein, dass wir für ein und dieselbe Sache einstehen.

Dass ein Miteinander über Grenzen und Generationen hinweg geht, sehen wir einerseits bei den traditionsreichen Heimattagen unserer Landsmannschaften zu Pfingsten in Regensburg, in Dinkelsbühl, in Hannover, in Wolfsburg, wo zunehmend junge Menschen das Bild prägen und Schritt für Schritt in die Organisationen eingebunden werden.

Wir sehen andererseits das Miteinander auch bei der grenzüberschreitenden und friedenstiftenden Arbeit der BdV-Verbände und der Landsmannschaften. Ich durfte vor wenigen Monaten am Sudetendeutschen Tag teilnehmen und war von der Ansprache des ehemaligen tschechischen Ministers Daniel Herman hoch beeindruckt.

Ich möchte auf einen anderen bemerkenswerten Punkt eingehen. Bundesminister Horst Seehofer hat sich in Regensburg in einer öffentlicher Rede dem Gedanken angeschlossen, dass eine nachbarschaftliche Partnerschaft auf Augenhöhe sehr wohl auch beinhalten könnte, einen der nächsten Sudetendeutschen Tage in der alten Heimat, in der Tschechischen Republik auszutragen.

Was für andere Landsmannschaften selbstverständlich ist - z.B. bei den Siebenbürger Sachsen, die ihren Sachsentag reihum in allen großen Städten Siebenbürgens feiern und Grüße des Staatspräsidenten persönlich entgegennehmen -, weckt bei einigen Tschechen anscheinend mit Ressentiments behaftete Abwehrreflexe. Etliche Politiker, aber auch einige Medien, haben darauf mit zum Teil massiver Ablehnung reagiert.

Wie gut, dass die Sudetendeutschen einmal mehr Würde und Besonnenheit gezeigt haben: Sie begegneten diesen offenen Ablehnungen von Teilen der tschechischen Seite mit einem Bekenntnis zur Fortsetzung der bisherigen Verständigungsarbeit.

Es wird, meine Damen und Herren, genau diese Politik der ausgestreckten Hand sein, die letztlich über den steten Dialog mit den tschechischen Nachbarn langfristig auch die tiefsten Gräben überwindet. Beiderseits der Grenze, davon bin ich fest überzeugt.

Der Chefredakteur des LandesEcho, der Zeitschrift der Deutschen in der Tschechischen Republik, schrieb im Nachgang des Sudetendeutschen Tages:

„Es ist wahrscheinlich, dass wir auf dieses Ereignis noch etwas warten müssen. In der Beziehung zwischen Sudetendeutschen, Deutschen und Tschechen werden die Veränderungen ohnehin nicht von den Politikern vollzogen, sondern von den Menschen vor Ort, die sich begegnen. 

So ist es, meine Damen und Herren, und deswegen ist die Strategie des Miteinanders des BdV genau die richtige.

Leitwort 2019

Ich komme zum Ende mit einigen Gedanken über unser Motto.

Meine Damen und Herren, aus alter Tradition stellt der Bund der Vertriebenen jedes Jahr den Tag der Heimat unter ein bestimmtes Leitwort. In diesem Jahr hat sich das Präsidium des BdV für das Leitwort „Menschenrechte und Verständigung – Für Frieden in Europa“ entschieden.

Ein Europa der Menschenrechte auf der Basis von Wahrheit und Verständigung ist und bleibt Auftrag der deutschen Vertriebenen seit der inhalts- und zukunftsträchtigen Festlegung in der Charta der deutschen Heimatvertriebenen. Daher leisten wir mit unserem Engagement für die Einhaltung der Menschenrechte und für die Verständigung zwischen den Staaten einen wichtigen Beitrag für Frieden in Europa. Die damit verbundene Vorbildfunktion wird in Zeiten spaltender nationalistischer Tendenzen überall auf der Welt - aber auch bei uns in Europa, bei uns in Deutschland - wichtiger.

Unser heutiges Europa und auch die EU haben wir gemeinschaftlich, in einer nun schon Jahrzehnte währenden, grenzüberschreitenden Kraftanstrengung auf und aus dem Trümmerfeld des Zweiten Weltkrieges und des kommunistischen Unrechts aufgebaut. Auch die deutschen Heimatvertriebenen und Flüchtlinge, Aussiedler und Spätaussiedler haben daran von Beginn an mitgearbeitet. Der europäische Einigungsprozess – ein wichtiges Ziel aus unserer Charta von 1950 – hat die Vertriebenen der Heimat und die Heimat den Vertriebenen ein Stück wieder näher gebracht.

Dabei, meine Damen und Herren, bleibt es selbstverständlich, dass wir unser Miteinander in Europa fortwährend prüfen und neuen Entwicklungen anpassen. Entsprechend unseres diesjährigen Leitwortes wird für uns im Bund der Vertriebenen dabei von größtem Interesse sein, welche Parteien ihr politisches Handeln am deutlichsten an Wahrheit und Verständigung ausrichten – und damit den Frieden in Europa dauerhaft sichern wollen.

„Denn Europa ist heute, 80 Jahre nach Beginn des Zweiten Weltkriegs, ein weltweit einzigartiger Raum des Friedens, der Sicherheit und des Wohlstands“.

Mit diesen Worten hat Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel am 9. April beim Jahresempfang des BdV kurz und bündig auf den Punkt gebracht, warum Europa nicht zur Disposition steht. Mit ausdrücklichem Bezug zu unserem Leitwort und – zu jenem Zeitpunkt mit der Europawahl vor Augen – dankte sie dem Bund der Vertriebenen und den durch uns vertretenen Menschen dafür, dass wir seit Jahrzehnten immer wieder „Brücken in die Zukunft“ schlagen.

Es tut uns im Herzen weh zu sehen, mit welcher Selbstverständlichkeit gewisse Kreise - in Europa und in Deutschland – gegen unser Europa vorgehen. Ich wünschte mir, meine Damen und Herren, an so manchen Freitagen ein „Friday for Europe“.

Ich darf es in aller Deutlichkeit sagen: Wer nicht verstanden hat, warum gerade die Heimatvertriebenen, die Aussiedler und Spätaussiedler so sehr für Europa als übergeordnetes Friedensprojekt stehen und zu den überzeugtesten Europäern gehören, der hat die Geschichte nicht verstanden, der hat uns im BdV nicht verstanden. Das wollen wir ändern. Wir tun das auch, mit Tagen der Heimat wie diesem.

Dank und Anerkennung

Meine Damen und Herren, liebe Landsleute,

es ist mir ein persönliches Anliegen zum Schluss, Ihnen allen sowie den Mitstreitern in den Landes- und Kreisverbänden, in den Landsmannschaften, in den Kulturgruppen ehrlich und aufrichtig Danke zu sagen. Ihre ehrenamtliche Arbeit sowie das Engagement der zahlreichen Mitglieder bleiben Grundpfeiler unseres Verbands. Aus der Solidarität unserer Verbandsstrukturen erwächst uns eine starke, laute und wahrnehmbare Stimme.

Wir wollen das, was uns verbindet, mit Würde in die Zukunft bringen. Und wir wollen zusammenhalten.

Dankeschön.


Geistliches Wort und Gedenken

Dr. Thies Gundlach

Vizepräsident des Kirchenamtes der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD)

Menuett II (aus der Feuerwerksmusik)

Georg Friedrich Händel (1685-1759)

Geistliches Wort und Totengedenken zum Tag der Heimat des Bundes der Vertriebenen am 31. August 2019 in der Urania Berlin

Dr. Thies Gundlach, Vizepräsident des Kirchenamtes der Evangelischen Kirche in Deutschland

Sehr geehrter Herr Präsident Dr. Fabritius,

sehr geehrte Damen und Herren und

liebe Schwestern und Brüder,

die dritte Rede – ein geistliches Wort. Sie sind sehr tapfer, und damit es nicht zu schwer wird, beginne ich mit einer kleinen Erinnerung.

Viele von ihnen werden noch Sepp Maier kennen Nationaltorwart 1974 in der siegreichen deutschen Mannschaft. Viele von ihnen werden sich auch an das letzte Jahr erinnern – der Fußballweltmeisterschaft. Das Spiel gegen Mexiko, verloren gegangen.

Es tut sich folgende Begebenheit: Sepp Maier wird nach dem Ausscheiden der deutschen Mannschaft in der Vorrunde 2018 in Russland in folgenden Dialog verwickelt. „Lieber Herr Meier, wie hätte denn Ihre Mannschaft wohl gegen Mexiko gespielt.“ „Na ja, wir hätten 1:0 gewonnen.“ „Wie, nur so knapp?“ „Na ja, Sie müssen bedenken, wir sind alle über 70 jetzt.“

Aus dieser ebenso überraschenden wie klugen Bemerkung kann man zwei Dinge lernen. Das eine, man darf die Vergangenheit nicht idealisieren. Ein Rückblick auf die verlorene Heimat lässt einen leicht den Eindruck gewinnen, man habe heute irgendwie die schlechtere, die kraftlosere, die geistlosere Zeit erwischt, die sich vor allem mit Problemen, Konflikten, Zerwürfnissen und Spaltungen zu beschäftigen hat.

Aber wenn wir alle älter geworden sind, dann wird der Blick zurück auch barmherziger und lehrt uns, dass es heute – so wie auch der Herr Ministerpräsident schon gesagt hat – doch irgendwie ein solides Eins zu Null ist, in dem wir leben dürfen.

Und das Zweite. Man darf die Vergangenheit aber auch nicht vergessen. Der Rückblick auf Vergangenes ist immer auch Anlass, frühere Zeiten in den Blick zu nehmen, auch um einen mutigen, hoffnungsvollen Blick in die Gegenwart zu werfen. Denn das stimmt ja doch auch irgendwie, man kann aus der Geschichte durchaus nicht alles lernen. Weil sie sich auch einfach nicht wiederholen will.

Aber man kann vergangene Geschichten erzählen, weitergeben. Geschichten, die uns ahnen lassen, was wir auf irgendeine Weise immer schon wussten: Jede Generation ist gleich unmittelbar zu Gott, hat ihre spezifischen Aufgaben, ihre besondere Last, aber auch ihren einzigartigen Segen.

Meine Damen und Herren, ich will beide Gesichtspunkte mit meinem geistlichen Wort zu Ihrem Tag der Heimat bedenken, weil Sie sich in besonderer Weise mit dem Frieden in Europa beschäftigen.

Ich beginne mit einer Erinnerung aus Europa, die Sie auch alle kennen. Ich bin mir nicht sicher, ob Sie alle noch Heinrich Mann, den Bruder des berühmten Thomas Mann kennen. Der hat ein Buch über Heinrich den Vierten geschrieben. Da gibt es den berühmten Ausspruch, Paris ist eine Messe wert. Ich weiß nicht, wer das von Ihnen noch kennt.

Heinrich der Vierte von Navarra wechselte Ende des 16. Jahrhunderts lieber seine Konfession, als einen Krieg um die Stadt Paris zu riskieren. Heinrich der Vierte wurde der erste, unter den damaligen Verhältnissen als tolerant zu bezeichnende König. 1598, also lange vor Beginn des Dreißigjährigen Kriegs, erließ er das Edikt von Nantes, das den Hugenotten – also den Protestanten in Frankreich, im katholischen Frankreich – religiöse Toleranz gewährte und volle Bürgerrechte. Obwohl es, dieses Edikt, zugleich den Katholizismus zur Staatsreligion machte.

Paris ist eine Messe wert. Liebe Schwestern und Brüder, das mögen sich viele in Paris, in Frankreich, in ganz Europa auch heute gedacht haben, nachdem die berühmte Kirche Notre Dame in Paris in der Nacht vom 15. auf den 16. April diesen Jahres zu einem erheblichen Teil abbrannte. Manche Berichte über die dann doch mögliche Feier einer Messe in der beschädigten Kathedrale berühren – jedenfalls mein Herz – sehr.

Vielleicht haben sich manche von Ihnen gewundert, warum dieser Brand so viel Aufmerksamkeit und auch eine so eindrückliche Spendenbereitschaft freisetzte. Wo es doch nicht nur in Frankreich, sondern auch in ganz Europa genügend andere Projekte gäbe, die solche Spenden bedürften und verdienten. Und auch, wenn man hier der Wahrheit Genüge tut und sagen muss: Manche Spende suchte die öffentliche Anerkennung. Im Kern wird man über die Betroffenheit und diese Spendenbereitschaft nur richtig nachdenken, wenn man über diejenige europäische Identität nachdenkt, die mit diesem Brand verunsichert wurde. Denn Identität ist weder an Blut und Boden, weder an biologischer Abstammung oder zufällige Geburtsländer gebunden, sondern Heimat und Identität wurzelt in Geschichte und Geschichten, die man sich erzählt, die man sich zu eigen macht. Und niemand weiß darüber besser Bescheid als sie.

Mit der Kirche Notre-Dame ist weder der Katholizismus allein noch die christliche Religion verbunden, sondern gebrannt hat auf irgendeine Weise das europäische Herz der gemeinsamen Herkunft. Gebrannt hat die Seele eines gemeinsamen Kontinents, der seine Wurzeln erinnert, die weit bis ins Mittelalter hineinreichen. All die großen und grausamen, tiefen, banalen, dramatischen, abgründigen Geschichten, die die Heimat Europas heute ausmachen, die gehören zusammen.

Ich lese die heftigen Reaktionen auf den Brand von Notre-Dame in meinen Augen so, dass sich die Erinnerung durchsetzt. Dass nicht allein nur die Gegenwart dominieren soll, dass die Gegenwart sich nicht zu breit machen soll, dass das dominante Heute auch ein bisschen relativiert wird. Nicht gänzlich den Sieg über Heimat, Herkunft, Identität einnehmen soll.

Und ich bin davon überzeugt, dass ihr Tag der Heimat genau dies auch für unsere Geschichte, für unsere gemeinsame Heimat leistet. Geschichten erinnern, Herkünfte erzählen, damit unsere Gegenwart nicht zu flach wird, nicht zu atemlos, nicht zu banal, nicht zu rücksichtslos – also wie das Wort heißt: ohne Sicht zurück.

Der zweite Gedanke: Europäischer Friede entsteht aus den Geschichten, die wir wichtig nehmen. Aus Erzählungen der Familie, der Herkunft, der Nachbarn, aus der Geschichte, die wir zu der unseren machen. Heimat entsteht aus den Erzählungen aller, auch derer die uns fremd waren und durch ihre Geschichten fremd werden. Europäische Identität gibt es nur im Plural. Jeder Mensch erzählt sich und seine Geschichte anders, erinnert seine Herkunft, seine Heimat anders – seine Wurzeln. Und entfaltet aus diesen Wurzeln heraus ein Bild von Zukunft, seine Hoffnung, seinen Glauben.

Der Frieden in Europa hängt daran, dass wir die Vielzahl der Geschichten und Herkünfte hören. Und auch kennen wollen das, was die anderen erzählen. Dass man das andere, die anderen Geschichten nicht unsichtbar macht oder unerzählbar macht. Und ich glaube, wohl nur wer Angst hat vor einer Vielzahl von Herkunftsgeschichten, wer Erinnerungen eindampfen will oder begradigen will, wer Erzählungen auf den Misthaufen der Geschichte werfen will, damit die eigene Erzählung, die eigene Herkunft allein Gültigkeit bekommt, der vergreift sich an unserer gemeinsamen Identität Europas. Schwächt auch Europa als Friedensprojekt.

Es ist dieses Relativieren das Vergessen-Wollen, das Unsichtbar-Machen von unserer eigenen Geschichte in ihrer Vielfalt – von der Heimat und der Vertreibung, die Geschichten über die Heimat und die Vertreibung, die Geschichte aber auch von Leid und Krieg, die die europäische Identität gefährden.

Deswegen bin ich auch sehr persönlich dankbar, dass sie sich mit so vielen anderen um diesen einen Strom der Erzählung bemühen, damit das nicht vergessen wird in der nächsten und übernächsten Generation. Geschichten von der Vertreibung, vom Heimatverlust in Ostpreußen, Pommern, Schlesien – all den anderen deutschen Gebieten – und dieses gerade am Vortag des Beginns des furchtbaren Kriegs in Europa vor 80 Jahren. Zu Europa wird auch in Zukunft dieses vielfältige Erzählen gehören. Nicht gegen irgendjemanden oder statt anderer Erzählungen, sondern um den Frieden eines vollständigen Europas.

Manche von ihnen erinnern vielleicht, dass wir als evangelische Kirche zum 500. Jubiläum 2017 auch die Lutherbibel neu übersetzt und überarbeitet haben – nach den neuesten wissenschaftlichen Gesichtspunkten. Allerdings war eins von vornherein völlig klar: das Vaterunser, der Psalm 23, die Seligpreisung, das Hohelied der Liebe und anderes – sie müssen den Klang behalten, den sie vor vielen, vielen Jahren von Martin Luther erhalten haben.

Ein kleines Beispiel. Richtig übersetzt und der Wahrheit gemäß steht im Neuen Testament: Vergib uns unsere Schulden. Plural. Nun stellen Sie sich bitte mal vor, dass wir jeden Sonntag, wenn wir denn in die Kirche gehen, um die Vergebung unserer Schulden bitten. In manchen Situationen mag das zutreffen und hilfreich sein. Aber diese wirtschaftliche Absolution gehört da ja gar nicht hin. Und deswegen ist es gut, dass es eine falsche, aber vertraute Übersetzung gibt.

Und vermutlich habe ich heute mit ihnen zusammen noch relativ leichtes Spiel, wenn ich daran erinnere. Viele von ihnen werden… – ob sie nun zur Kirche gehören oder nicht oder zu welcher Konfession auch immer: Sie werden den Psalm 23 in Luthers Klang noch auswendig können. Auswendig und inwendig als Heimat der Seele. Als Heimat des Herzens. Wenn Sie mögen, sprechen Sie mit:

Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.

Er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zum frischen Wasser.

Er erquicket meine Seele.

Er führet mich auf rechter Straße um seines Namens willen.

Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück;

denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich.

Du bereitest vor mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde.

Du salbest mein Haupt mit Öl und schenkest mir voll ein.

Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang,

und ich werde bleiben im Hause des Herrn immerdar.

Liebe Schwestern und Brüder, ob man zählen kann, wie viele christlich geprägte Menschen sich damals vor 75 Jahren und später – und auch heute – mit diesem Psalm auf den Lippen und im Herzen auf den Weg machen müssen? Vertrieben aus der Heimat.

Aber ich werde bleiben im Hause des Herrn immerdar: Es ist eine Gewissheit von Beheimatung im Glauben, die allen diesseitigen Verlusten von Heimat entgegensteht.

Diese Heimat bei Gott lässt sich weder von radikalen Veränderungsnotwendigkeiten einschüchtern noch von nationalistischen, identitären oder rassistischen Tönen irritieren. Wer diese geistliche Heimat im Glauben an Gott kennt und auf die zukünftige Heimat bei ihm zu hoffen vermag, der kann mit jeder Heimaterzählung frei und souverän umgehen, weil er sie alle letztlich doch als relativ und vorläufig erkennt.

Dies jedenfalls wünsche ich Ihnen von ganzem und uns allen für ihren Tag der Heimat von Herzen: Die eigenen Heimatgeschichte gut, tief erinnern – wohlwissend, dass sie nicht die einzigen Geschichten sind und auch nicht die letzten. In diesem Sinne: Bleiben Sie behütet.

Wir wollen jetzt gedenken: der deutschen Vertriebenen aus ihrer Heimat. Ich bitte Sie, sich dazu zu erheben.

Totengedenken

Wir denken an die Heimat unserer Eltern und Großeltern. Wir werden sie in unseren Herzen bewahren und ihr Erbe weitertragen.

Wir gedenken der Kinder Frauen und Männer, die auf der Flucht ihr Leben lassen mussten.

Wir gedenken derer, die das Eis nicht hielt und das Wasser nicht trug.

Wir gedenken derer, über denen die Wellen der Ostsee zusammenschlugen und die in den eisigen Fluten versanken.

Wir gedenken der Kinder, Frauen und Männer, die verschleppt wurden und seitdem verschollen sind, die an irgendeiner Landstraße liegenblieben und erschossen wurden.

Wir gedenken aller, die in Todeslagern ihr Leben lassen mussten und durch Massaker umgebracht wurden.

Wir gedenken all derer, die noch viele Jahre nach Kriegsende in Viehwaggons oder in Todesmärschen aus ihrer Heimat vertrieben wurden.

Wir gedenken aber auch in Dankbarkeit für Männer und Frauen anderer Völker, die ungeachtet eigener Gefährdung in bitterste Not Hilfe geleistet haben.

Wir nehmen heute auch Anteil am Schicksal aller Menschen anderer Völker, die vertrieben wurden oder in diesen Tagen wegen ihrer Zugehörigkeit zu einem Volk oder wegen ihrer Religion vertrieben werden. Wir fühlen mit ihnen.

Unsere Toten haben ihren Frieden gefunden. Sie mahnen uns, für Frieden und Toleranz einzutreten.

Wir werden die Heimat und alle, die bei Flucht, Vertreibung und Deportation ihr Leben lassen mussten, nicht vergessen. Sie haben einen Platz in unserem Herzen.

Als Christ glaube ich an die Gerechtigkeit und Liebe Gottes. Ich erbitte diese Gerechtigkeit und Liebe für die Opfer, aber auch für die Täter.

Mich tröstet die Hoffnung auf die Ewigkeit in der Gemeinschaft mit dem lieben Gott, dem Vater unseres Herrn Jesus Christus, der durch seinen schrecklichen Tod und seine glorreiche Auferstehung unserem Leben einen weiten Horizont gegeben hat. Niemand, niemand ist bei ihm vergessen, und der geschundene Leib erhält eine neue Gestalt.

Wir werden unsere Toten wiedersehen, so glaube ich. Und in einer neuen Weise auf das Geschehen der Geschichte schauen.

Mögen sie geborgen sein und ruhen im Frieden Gottes, in Abrahams Schoß.

Grußworte

Hier stellen wir Ihnen die Grußworte der Verfassungsorgane, der Ministerpräsidenten der Bundesländer und der Parteien zur Verfügung, die uns zum Tag der Heimat 2019 erreicht haben. 

Grußworte des Bundespräsidenten, der Bundeskanzlerin und den Bundesministers des Innern

Grußworte der Ministerpräsidenten

Grußworte der politischen Parteien