Bereits um 10 Uhr findet am Vertriebenendenkmal im Kurpark Bad Cannstatt eine feierliche Kranzniederlegung statt.
Gedenkworte:
Geistliches Wort und Gedenken:
Die höchsten Staatsämter, die Bundesländer, Ministerien und Mitgliedsorganisationen des Bundes der Vertriebenen lassen Kränze niederlegen.
Es gilt das gesprochene Wort!
Sehr geehrter Herr Bundeskanzler Merz,
sehr geehrter Herr Minister Hauk,
sehr geehrter Herr Gaida,
sehr geehrter Herr Dr. Beer,
geehrte Exzellenzen, Eminenzen, Vertreter der Kirchen und Glaubensgemeinschaften,
geehrte Damen und Herren Abgeordnete des Deutschen Bundestags und der Landtage, stellvertretend Herr Erster Parlamentarischer Geschäftsführer der CDU/CSU-Bundestagsfraktion Steffen Bilger, Frau Landtagspräsidentin Muhterem Aras und Herr Fraktionsvorsitzender der CDU im Landtag Baden-Württemberg, Manuel Hagel,
geehrte Landesbeauftragte für Heimatvertriebene und Spätaussiedler,
verehrte Ehrengäste aus Bund, Ländern und Gemeinden, stellvertretend Herr Oberbürgermeister Dr. Frank Nopper,
geehrte Vertreter der deutschen Minderheiten aus den Nachbarländern, stellvertretend Herr Rafal Bartek, Vorsitzender der Deutschen in Polen,
sehr geehrte Zeitzeugen der Charta-Verkündung,
liebe Landsleute!
Zur diesjährigen Auftaktveranstaltung zum Tag der Heimat 2025 des Bundes der Vertriebenen heiße ich Sie ganz herzlich willkommen! Nicht in Berlin, wie Sie es traditionell kennen, sondern in diesem Jahr in Stuttgart. Hier, wo vor 75 Jahren die Charta der deutschen Heimatvertriebenen geboren und verkündet wurde. Hier, wo unser Tag der Heimat seinen Anfang nahm.
Passend dazu wird unser Festakt musikalisch umrahmt vom hiesigen Malinconia-Ensemble unter der Leitung von Helmut Scheunchen. Herzlichen Dank an Sie.
Uns allen ist es eine ganz besondere Freude, dass Sie, sehr geehrter Herr Bundeskanzler, mit uns sind und als unser Ehrengast die Festrede halten werden. Auf Ihre Zusage vom letzten Jahr beim Jahresempfang des BdV in Berlin – da waren Sie noch Fraktionsvorsitzender – ist eben Verlass.
Und dies sogar – wir wissen es aus den Medien – in Ihrem Urlaub! Danke Dafür! Auch inhaltlich sehen wir Sie an unserer Seite: „Erinnerung darf nicht einfach weggestrichen werden“, waren Ihre Worte.
Mit dieser Positionierung greifen Sie eines der zentralen Anliegen des Bundes der Vertriebenen auf: Vertriebene und Spätaussiedler fordern eine ihrem kollektiven Schicksal und ihrer Aufbauleistung für unser Land angemessene gesellschaftliche Wahrnehmung und Anerkennung.
Der 75. Jahrestag der Verkündung der Charta der deutschen Heimatvertriebenen – mit ihrem Inhalt als Dokument der Zeitgeschichte und als „Grundgesetz“ der Heimatvertriebenen – stehen heute im Zentrum unserer Aufmerksamkeit.
Im August 1950 wurde die Charta im Kursaal von Bad Cannstatt feierlich unterzeichnet und vor den Ruinen des Neuen Schlosses verkündet.
Heute zeugt eine Gedenkplatte auf dem Schlossplatz von diesem Ereignis. Jahr für Jahr findet dort eine würdige, gemeinsame Gedenkveranstaltung der Union der Vertriebenen, Aussiedler und deutschen Minderheiten und des BdV-Landesverbandes statt. (...)
Zur Charta werden wir heute viel hören. Auch ich möchte einige Gedanken dazu beitragen – ohne hoffentlich den nachfolgenden Rednern zu weit vorzugreifen.
Lassen Sie mich zwei Fragen stellen und aus unserer Sicht beantworten:
Ist die Charta nur eines der Dokumente deutscher und europäischer Zeitgeschichte?
Ist sie nicht vielmehr ein zukunftsweisendes Manifest von fortwährender Aktualität?
Die Charta ist zuerst ein Kind ihrer Zeit! Der von Deutschland ausgegangene Zweite Weltkrieg samt nachfolgender Flucht, Vertreibung und Deportationen lag erst knapp fünf Jahre zurück – aus Sicht der Charta quasi vorgestern! Aufgrund der Tragweite ihrer Aussagen und der übergeordneten Gedanken war sie ihrer Zeit jedoch so weit voraus, dass dies mit jedem Jahrzehnt, das vergeht, immer offenkundiger wird.
Die Vertriebenen und ihre Verbände vollzogen mit der Charta in einer Zeit größter sozialer Not und Unsicherheit eine bewusste Abkehr von Rache
und Vergeltung. Sie zeichneten eine der ersten modernen Visionen eines freien und geeinten Europas, in dem die Völker ohne Furcht und Zwang leben können. Und sie ermutigten ihre Landsleute dazu, sich aktiv für den Wiederaufbau einzusetzen. Damit wiesen sie den Weg hin zum späteren Wirtschaftswunder, zu dessen Mitgestaltern sie dann selbst wurden.
Im Dokument graphisch besonders hervorgehoben forderten sie das Recht auf die Heimat ein, das als grundlegendes Menschenrecht zu verstehen ist und welches die von uns mitbestimmte Debatte über ein internationales, strafbewehrtes Vertreibungsverbot bis heute befeuert.
1945 waren 15 Millionen Deutsche betroffen. Geschätzt mehr als 2,5 Millionen haben Flucht und Vertreibung nicht überlebt oder blieben bis heute vermisst.
In Flucht und Vertreibung setzte sich die Katastrophe des Krieges fort.
Wo zuerst Rassenwahn politisch instrumentalisiert wurde und in das schlimmste Verbrechen der Menschheitsgeschichte mündete, folgte nun die kalte politische Instrumentalisierung von Rache und Vergeltung.
Ja, Flucht und Vertreibung sind ohne diesen Krieg, ohne den Holocaust und die furchtbaren Verbrechen Nazi-Deutschlands so nicht denkbar.
Aber die deutschen Verbrechen waren keine „notwendige oder hinreichende Bedingung“ oder gar rechtliche Rechtfertigung für die Vertreibungsverbrechen der anderen Staaten. Vertreibungen sind und bleiben immer Unrecht und können nicht gegen andere Verbrechen aufgerechnet werden.
Es war keine Selbstverständlichkeit und auch nicht zwangsläufig erwartbar, dass die deutschen Heimatvertriebenen aus der sich selbst immer wieder neu befruchtenden Spirale aus Gewalt und Gegengewalt bewusst ausstiegen und vielmehr ihrem Wunsch nach einem friedlichen Zusammenleben mit allen Nachbarvölkern und dem Aufbau eines gemeinsamen Europas in Frieden und Freiheit so klar und unbedingt Ausdruck verliehen.
Nicht so allumfassend und bedingungslos; nicht nach so kurzer Zeit, wo Trauer und Schmerz über den Verlust der Heimat noch allgegenwärtig waren! Wie viele Beispiele hält die Weltgeschichte bereit, die von unversöhnlichen Feindschaften zwischen Völkern und Nachbarn künden – Feindschaften, die von Generation zu Generation vererbt werden und über Jahrhunderte ihren Blutzoll fordern.
Seien wir daher dankbar und nachdenklich, denn es hätte im Deutschland der Nachkriegsjahre auch ganz anders kommen können!
Diese Überlegungen mögen den ehemaligen Bundestagspräsidenten Dr. Norbert Lammert dazu bewogen haben, die Charta – nicht nur einmal, sondern mehrfach – als ein „Gründungsdokument der Bundesrepublik Deutschland“ zu bezeichnen.
Wie Sie wissen, stellt der Bund der Vertriebenen jedem Tag der Heimat ein Leitwort voran. In diesem Jahr lautet es „80 Jahre: Erinnern – Bewahren – Gestalten“. Die Tragödie vor nunmehr 80 Jahren ist nicht nur die Geburtsstunde der Vertriebenenpolitik, sondern auch Ausgangspunkt eines generationenübergreifenden, kollektiven Traumas unserer Nation.
Hauptleidtragende waren unsere Landsleute, deren Heimat in den östlichen Provinzen Deutschlands lag: die Ost- und Westpreußen, die Danziger, die Pommern, die Ostbrandenburger und die Schlesier. Aber auch die vielen Hunderttausende aus den deutschen Siedlungsgebieten, die außerhalb der Reichsgrenzen lagen – wie etwa die Sudetendeutschen, die Siebenbürger Sachsen, die Banater oder die Donauschwaben, um nur einige zu nennen. Für die Russlanddeutschen begann der Leidensweg bereits vier Jahre früher, nämlich mit Stalins demütigendem Deportationserlass vom 28. August 1941 und der anschließenden Zwangsumsiedlung von über einer Million Menschen, mit Lagerhaft und Trudarmee.
Bis auf den heutigen Tag suchen wir nach Wegen, die Traumata dieser Zeit zu verarbeiten – wissenschaftlich wie emotional, theoretisch wie praktisch, jeder für sich oder gemeinsam in der Öffentlichkeit.
Vor dem Hintergrund dieses historischen Rahmens wurde der Tag der Heimat ins Leben gerufen. Er steht für den bitteren, schmerzhaften Verlust an Menschenleben, an Heimat, an Verwurzelung – doch er steht auch für die Dankbarkeit wieder Heimat gefunden zu haben, für die gemeinsame Verarbeitung des Erlebten, und – ja – auch für die Zuversicht eines Neubeginns und einer glücklichen Zukunft in Gemeinschaft.
Mit dem diesjährigen Leitwort stärken wir das öffentliche Bewusstsein für eine der größten humanitären Katastrophen des 20. Jahrhunderts. Flucht und Vertreibung fallen in die Kategorie der großen „Menschenverschiebung“. Der Verlust der Heimat bedeutete nicht nur einen physischen und materiellen Verlust von Orten und Vermögen. Er bedeutete ebenso einen emotionalen Verlust – von Identität, Erinnerung, von sozialem Gefüge.
Der Dreiklang im Leitwort (Erinnern, Bewahren, Gestalten) steht sinnbildlich für einen Prozess auf übergeordneter Ebene,
• der die traumatische Erfahrung, der aber auch Kultur, Geschichte und Identität durch die Erinnerung wachhält,
• der dies alles angemessen im Heute bewahrt und
• der hierfür Gestaltungswege für die nächsten Jahre und Jahrzehnte sucht.
Wenn wir daran erinnern, erfüllen wir nicht nur eine historische Pflicht, sondern wir leisten einen unverzichtbaren Beitrag zur Wahrung von Frieden und Freiheit. Auch das Wissen um das ganze Vertreibungsgeschehen und dessen Hintergründe dient zur Mahnung – ist ein Teil des festen Fundaments eines „Nie wieder!“ Auch darum sollte es zum Allgemeinwissen eines jeden Schülers gehören!
Wir erinnern aber nicht nur an das Leid, sondern auch an den unerschütterlichen Willen zu überleben und den unerschütterlichen Willen, etwas Neues aufzubauen.
Wir denken an die Menschen, die in Eiseskälte über das zugefrorene Frische Haff flüchteten, in endlosen Trecks durch Ost- und Westpreußen, Pommern und Schlesien zogen. Wir denken an die Menschen, die unter Androhung von Gewalt innerhalb weniger Stunden Haus und Hof verlassen mussten und mit einem letzten Gruß an den Friedhöfen vorbeigingen, auf denen Generationen ihrer Ahnen in heimatlicher Erde ruhten. Und wir denken im Kontext der gesamten Erinnerung, auch an die Zeit danach, die zur Erfolgsgeschichte unseres Landes gehört.
„Bewahren“ ist der zweite Begriff im Dreiklang. Er ist wichtig hier und heute, in der Gegenwart. Denn neben dem Erinnern wollen wir die Geschichte und das kulturelle Erbe der ehemaligen deutschen Provinzen und der Siedlungsgebiete der deutschen Heimatvertriebenen aktiv bewahren. Von der Siedlungsgeschichte über Dialekte und Lieder, Brauchtum und Traditionen: In der kulturellen Breiten¬arbeit in unseren Verbandsgliederungen, aber auch in den Landesmuseen, Kulturinstitutionen und
-stiftungen oder durch wissenschaftliche Forschung wird dieses Wissen als unentbehrlicher Bestandteil der deutschen Kulturnation lebendig gehalten.
Gerade hier, im Bereich von „Pflege und Weiterentwicklung des kulturellen Erbes“ gemäß dem Auftrag des Bundesvertriebenengesetzes sehen wir deutlich Nachholbedarf bei Bund und Ländern – und sind daher sehr froh, dass dies Einzug in die Koalitionsvereinbarung Ihrer Bundesregierung gefunden hat, lieber Herr Bundeskanzler.
Mein stiller, aber eindringlicher Appell an den Zeitgeist lautet: Lassen Sie uns das Wissen um unsere Geschichte und – damit verknüpft – die Erinnerung an das Schicksal der Vertriebenen – ja, auch an die Opfer aus unserer Mitte – als kollektives Gemeingut wachhalten.
Dabei geht es den Vertriebenen und ihren Verbänden jedoch nie um eine alleinige deutsche Opferperspektive, sondern darum, dass in der gesamtdeutschen Erinnerungskonzeption alle Aspekte deutscher – und damit auch europäischer! – Geschichte in den Blick genommen werden.
Lassen Sie uns den Horizont weit machen, nicht eng. Wir müssen wissen, was war, um zu verstehen, was ist – und um zu gestalten, was kommt.
Als Verband richten wir den Blick selbstverständlich auch in die Zukunft. Die Vertriebenen haben die Bundesrepublik Deutschland mit aufgebaut, mitgestaltet und allerspätestens seit dem Fall des Eisernen Vorhangs gemeinsam mit unseren Landsleuten im Osten auch kontinuierlich an einem friedlichen Europa gearbeitet.
Genau darum geht es auch heute wieder, wenn wir uns gegenwärtige Verwerfungen vor Augen führen.
Wir wollen uns daher weiterhin gestaltend einbringen – mit den spezifischen Fähigkeiten, Erfahrungen und Kompetenzen, die wir aufgrund unserer langen Geschichte und den Jahrzehnten des verständigungspolitischen Einsatzes erworben haben.
Gerade mit dem Blick etwa in die Ukraine oder den Nahen Osten bleibt ein Ziel unserer Arbeit die Durchsetzung des Menschenrechts auf Heimat sowie eines internationalen strafbewehrten Vertreibungsverbotes. Gerade wegen unseres eigenen Schicksals blicken wir mit Empathie auf die Opfer aktuellen Vertreibungsgeschehens in der Welt und auf deren Sehnsucht nach Heimat.
Heute sind viele Zeitzeugen unter uns, die über Jahrzehnte die Arbeit geprägt haben. Eine Arbeit, die vielerorts nun schon in den Händen meiner Generation liegt. Und auch wir bemühen uns, die Jugend zu begeistern – Nachfolger zu finden, die unser Engagement weitertragen.
Irgendwann kommt der Tag, an dem auch wir nur noch in der Erinnerung derer leben, die sich dann für die Bewahrung unseres gemeinsamen Erbes einsetzen sollen.
Daher müssen wir uns immer wieder generationenübergreifend sowohl erzählen als auch zuhören. Junge Menschen müssen Räume fordern dürfen, in denen sie Fragen stellen können, die wir als Jugendliche uns nicht zu stellen gewagt hätten! Sie müssen sich darauf verlassen können, dass sie wahrhaftige Antworten erhalten, frei von zeitgeistlichen Einfärbungen, fernab ideologischer Umdeutung.
Junge Menschen haben vielleicht andere Wege, sich zu erinnern oder ihr Gedenken zu ordnen. Sie erschaffen neue Ausdrucksformen. Sie nutzen digitale Medien. Sie gestalten Erinnerungsprojekte auf ihre Weise. Das ist gut so! Wichtig ist, dass unsere Inhalte weitergetragen werden.
Als letzten Punkt meiner Ansprache möchte ich ein paar Sätze zur Kulturförderung im Bereich der Vertriebenen und ihrer Verbände und Organisationen sagen.
Die Ziele um das kulturelle Erbe der Vertriebenen werden im gesetzlichen Auftrag des Bundesvertriebenengesetzes klar benannt: Erhalt, Erforschung und Weiterentwicklung.
Dieser gesetzliche Auftrag wurde jedoch in den letzten Jahren noch weniger als nur unzureichend erfüllt.
Wir haben die destruktiv wirkenden Kürzungen und Maßnahmen der Vorgängerregierung in diesem Bereich stets transparent kritisiert und ein Einlenken gefordert.
Lieber Herr Bundeskanzler, auch Sie sagten im letzten Jahr als Fraktionsvorsitzender etwa die Rückbenennung des Oldenburger „Bundesinstitut für Kultur und Geschichte im östlichen Europa“ zu. Der ethnische Bezug dieser wichtigen Einrichtung gehört wieder in den Namen. Und auch unsere Kulturstiftung der Vertriebenen steht im Koalitionsvertrag: Sie soll „eine verlässliche Finanzierung“ erhalten.
Vielen Dank für diesen Einsatz und Ihren Beistand! (…)
Wir sind also hoffnungsfroh, auch weil die neue Bundesregierung insgesamt mit der Zusammenlegung der Verantwortlichkeiten im Bundesinnenministerium einen zukunftsweisenden Weg eingeschlagen hat. Nun gilt es, die Formulierungen im Koalitionsvertrag zu erfüllen und „Fleisch an die Knochen zu bringen“.
Zur Frage, wie das gehen kann, möchte ich nur zwei Aspekte beispielhaft und doch konkret ansprechen:
Erstens: die kulturelle Breitenarbeit, insbesondere in den Bereichen Sprache, Brauchtum und Erinnerung, bedarf einer verlässlichen strukturellen Förderung.
Hiervon sind die Kulturträger selbst betroffen und nur so wird die zu schützende Kultur wortwörtlich „am Leben“ gehalten. Vom kleinsten Trachtenverein bis zu den großen landsmannschaftlichen Heimattagen ist diese Arbeit förderungswürdig, weil sie die kulturelle Identität dauerhaft sichert. Kulturförderung ist nicht und darf nicht auf Elitenförderung beschränkt sein!
Zweitens: die Kulturarbeit muss auch künftig den Brückenschlag zwischen den Herkunftsregionen und der Bundesrepublik und damit grenzüberschreitend zwischen den jeweiligen Zivilgesellschaften ermöglichen. Damit kann sich der Versöhnungsgedanke über das Politische auf alle Bereiche des Lebens ausdehnen und ganz im Sinne unseres „zweiten Grundgesetzes“ – unserer Charta der deutschen Heimatvertrieben, die wir heute feiern – zur bestmöglichen Wirkung entfalten.
Wie jedes Jahr spreche ich an dieser Stelle auch einen ganz herzlichen Dank aus: Ihnen persönlich, die diesen Anlass heute hier mit uns feiern oder in der digitalen Welt mitverfolgen, sowie ganz besonders allen Mitstreiterinnen und Mitstreitern in den Landes- und Kreisverbänden, in den Landsmannschaften in den vielfältigen Kulturgruppen, die unsere Arbeit erst ermöglichen.
Ihre Arbeit an der Basis ist und bleibt unverzichtbar! Bleiben Sie uns verbunden!
Herzlichen Dank.
Es gilt das gesprochene Wort!
Sehr geehrter Herr Bundeskanzler,
sehr geehrter Herr Fabritius, lieber Bernd,
sehr geehrte Damen und Herren,
herzlichen Dank für diese Einladung.
Zunächst verneige ich mich vor den Unterzeichnern der Charta der deutschen Vertriebenen. Nur wenige Jahre nach Krieg, Flucht und Vertreibung ein solch visionäres Friedensdokument zu schaffen, zeugt von tiefer Weisheit und moralischer Größe der Verfasser.
Als Sprecher der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Minderheiten vertrete ich jene Deutschen, die in Schlesien, Ostpreußen, der Zips, dem Banat, Wolhynien, am Schwarzen Meer und anderen Regionen der ehemaligen Sowjetunion blieben – oder nicht gehen konnten. Sie waren vor 75 Jahren hier nicht vertreten.
Wusste man damals, was hinter dem Eisernen Vorhang geschah? Wird daran erinnert heute? Wir hatten damals weder Rechte noch Stimme.
Das Ausmaß der gesamten Tragödie offenbaren Zahlen: östlich der Oder-Neiße-Linie sowie in Mittel-, Osteuropa und Zentralasien lebten vor 1939 über 20 Millionen Deutsche. Heute schätzt das BMI ihre Zahl dort auf nur noch etwa eine Million. Somit ist die deutschsprachige Heimat dort verschwunden.
Während in Deutschland die Charta entworfen wurde, existierten allein in Polen 200 bis 500 Lager für Deutsche mit hohen Sterberaten. Hunderttausende – waren dort und andernorts – in der Tschechoslowakei oder Jugoslawien interniert.
Parallel in Mitteleuropa begann die Deportation zur Zwangsarbeit in die UdSSR. Die Opferzahlen sind unklar und reichen von 300.000 bis 730.000. Bis zu 30 Prozent kehrten nie zurück. Die letzten kehrten 1950 erst zurück. Vergessen wir auch nicht die Deportationen innerhalb der UdSSR ab 1941, die Wolgadeutsche, Schwarzmeerdeutsche sowie Deutsche aus Wolhynien und dem Kaukasus trafen.
War 1950 alles vorbei? Keineswegs. Es folgte ein jahrzehntelanger, kultureller Kampf gegen das Deutschsein – bis 1989/90 und teils versteckt bis heute. Ein Kampf gegen Sprache, Kultur, und Identität in fast allen Mittel- und Osteuropäischen Staaten, geprägt von Benachteiligung, Namensänderungen und Enteignungen.
Heute bewundern wir die Charta als visionäres Dokument. Als sich vor 35 Jahren deutsche Minderheiten in Europa und Zentralasien organisierten, fanden wir darin gemeinsame Gedanken – insbesondere die Unterstützung für ein vereintes Europa, in dem Völker ohne Furcht leben. Seither sind wir unermüdliche Befürworter der europäischen Integration. Sie bietet – mehr als Nationalstaaten allein – Garantien für Menschenrechte, sprachliche Vielfalt und den Erhalt unserer Identität.
Unsere Erfahrung beweist die Wahrheit des Satzes aus der Charta: „Den Menschen mit Zwang von seiner Heimat trennen, bedeutet, ihn im Geiste töten.“ Wenn Heimat – wie Wilhelm von Humboldt sagte – vor allem Sprache ist, dann haben auch wir sie verloren. Vielleicht mehr als jene, die sie geografisch verloren. Daher ist unser Verlangen nach Heimatrecht heute ein Kampf für funktionierende Bildungssysteme für Minderheiten – im Geiste der Europäischen Sprachencharta. Wir brauchen nicht nur das Recht darauf, sondern die Umsetzung, die vielerorts stolpert.
Wie die Vertriebenen vor 75 Jahren fordern auch wir eine „gerechte und sinnvolle Verteilung der Lasten des Krieges“. Wir sind Teil dieses Volkes! Erst seit 30 Jahren können wir laut sagen: Unsere Opfer, unsere jahrzehntelange politische Lage nach dem Krieg – mit Folgen wie Sprachverlust, Traumata oder mangelnder Akzeptanz – sind auch Kriegsfolgen.
Daher ist entscheidend, dass die Bundesregierung eine klare Position zu deutschen Minderheiten vertritt. Das BMI formuliert es richtig: Unsere Förderung ist „Ausdruck der Verantwortung Deutschlands für die Bewältigung der Folgen des Zweiten Weltkriegs.“
Sehr geehrter Herr Bundeskanzler,
ich danke Ihnen ausdrücklich dafür, dass Sie diese historische und moralische Verantwortung – die fortgesetzte Förderung und Unterstützung der Vertriebenen sowie unserer Volksgruppen – im Koalitionsvertrag verankert haben. Diese Politik ist von existentieller Bedeutung – insbesondere dort, wo die Umsetzung der Minderheitenpolitik unzureichend ist und Rückschritte verzeichnet. In diesem Kontext wäre eine drohende Schließung des Oberschlesischen Museums in Ratingen ein fatales Signal.
Gemäß der Charta dürfen wir feststellen: Die deutschen Minderheiten pflegen heute ein „verständnisvolles und brüderliches Zusammenleben“ mit den Mehrheitsgesellschaften und stärken somit die guten Beziehungen zu Deutschland.
Dies geschieht im Schulterschluss mit zahlreichen Organisationen in unseren Ländern, in Deutschland, dem Bund der Vertriebenen und dessen Kulturstiftung.
Der letzte Appell der Charta ist aktueller denn je: „Wir rufen Völker und Menschen […] auf, Hand anzulegen […], damit aus Schuld, Unglück, Leid, Armut und Elend […] der Weg in eine bessere Zukunft gefunden wird.“
Daher richten wir an Sie die dringende Bitte: Stärken Sie uns im Geiste der Charta – mit aller Entschlossenheit im Einsatz für den Erhalt unserer kulturellen Identität. Dies erfordert:
Unsere Zukunft gründet auf dieser unverzichtbaren Solidarität. So bleiben wir lebendige Brückenbauer und Partner für Versöhnung und Stabilität – für ein friedliches und vereintes Europa.
