Begrüßung
Ansprache
Festrede
Grußwort
Michael Kretschmer, MdL
Ministerpräsident des Freistaates Sachsen
Podium: „Was uns prägt, was uns verbindet: Kultur, Herkunft und Verantwortung in Europa“
Geistliches Wort und Gedenken
Musikalische Umrahmung
Kranzniederlegung am Mahnmal der deutschen Vertriebenen
Die diesjährige feierliche Kranzniederlegung findet um 15:30 Uhr am Mahnmal der deutschen Vertriebenen, der „Ewigen Flamme“ am Theodor-Heuss-Platz in Berlin, statt.
Die Gedenkstunde wird in diesem Jahr gemeinsam mit der Berliner Ansprechperson für Deutsche aus Russland, Spätaussiedler und Vertriebene, Walter Gauks, gestaltet.
Es sprechen:
Mit seinem Leitwort „Bekenntnis und Verantwortung: Unser Kulturgut verbindet Europa“ rückt der Bund der Vertriebenen im Jahr 2026 das kulturelle Erbe der deutschen Heimatvertriebenen, Aussiedler und Spätaussiedler sowie der deutschen Minderheiten in den Mittelpunkt. Das Leitwort verbindet die Erinnerung an Herkunft und Heimat mit einem Auftrag für Gegenwart und Zukunft.
Heimat ist Erinnerung und Herkunft, aber niemals nur Rückblick. Aus der Bewahrung des kulturellen Erbes erwächst Verantwortung: für Verständigung und Versöhnung sowie für ein Europa, das seine historisch gewachsene Vielfalt als Stärke begreift.
Wenn wir von Kulturgut sprechen, meinen wir das, was Generationen vor uns geschaffen, bewahrt und weitergegeben haben. Dazu gehören Bauwerke, Kunstwerke und Zeugnisse des Alltags ebenso wie Sprache, Musik, Bräuche, handwerkliches Können und überlieferte Erinnerungen. Dieses Erbe stiftet Identität und gibt Auskunft darüber, woher Menschen kommen, was sie geprägt hat und welche Erfahrungen sie an die folgenden Generationen weitergeben.
Flucht und Vertreibung haben Menschen aus ihren angestammten Heimatgebieten gerissen und viele kulturelle Zusammenhänge gewaltsam unterbrochen. Ausgelöscht wurden diese Verbindungen jedoch nicht. Die Heimatvertriebenen brachten ihre Traditionen und Kenntnisse in die neue Heimat ein und bereicherten damit das kulturelle Leben in Deutschland. Zugleich tragen die deutschen Minderheiten in den Herkunftsgebieten dieses Erbe bis heute weiter und entwickeln es unter veränderten Bedingungen fort.
Das Bekenntnis zu diesem Kulturgut ist nicht allein eine Frage persönlicher Betroffenheit. Es richtet sich ebenso an die nachfolgenden Generationen und an alle Menschen, die sich aus Wissen, Interesse und Überzeugung für seine Bewahrung einsetzen. Neben die Erlebnisgeneration ist längst eine Bekenntnisgeneration getreten, die Geschichte nicht selbst erlebt hat, sich ihr aber bewusst verbunden und verpflichtet fühlt. Ein solches Bekenntnis zieht keine Grenzen. Es macht Herkunft sichtbar und lädt andere zur Begegnung ein.
BdV-Präsident Stephan Mayer MdB erklärt dazu:
„Unser Kulturgut gehört zur deutschen Geschichte und zugleich zur gemeinsamen Geschichte Europas. Wir bewahren es nicht, um uns abzugrenzen, sondern um Herkunft kenntlich zu machen, Begegnung zu ermöglichen und Verantwortung zu übernehmen. Dieses Erbe ist kein abgeschlossenes Kapitel. Es bleibt lebendig, wenn wir es erforschen, vermitteln, weiterentwickeln und an kommende Generationen weitergeben.“
Aus dem Bekenntnis folgt Verantwortung. Das kulturelle Erbe muss gesichert, wissenschaftlich erschlossen und zeitgemäß vermittelt werden. Dazu verpflichtet § 96 des Bundesvertriebenengesetzes Bund und Länder. Der gesetzliche Auftrag richtet sich ausdrücklich nicht nur an die Vertriebenen und Flüchtlinge selbst. Ihr Kulturgut soll im Bewusstsein des gesamten deutschen Volkes und des Auslandes erhalten bleiben.
Dieser Auftrag braucht verlässliche politische und finanzielle Rahmenbedingungen. Institutionell geförderte Museen, Archive und wissenschaftliche Einrichtungen sind dabei ebenso unverzichtbar wie Projektarbeit, kulturelle Breitenarbeit und die Tätigkeit der Kulturreferate und Verbände. Beide Bereiche erfüllen unterschiedliche, einander ergänzende Aufgaben. Die Stärkung der Institutionen darf deshalb nicht zulasten jener Projekte gehen, die Menschen vor Ort erreichen, ehrenamtliches Engagement ermöglichen und neue Zugänge für jüngere Generationen schaffen.
Seine europäische Kraft entfaltet dieses Kulturgut besonders in der Zusammenarbeit über Grenzen hinweg. Viele der historischen Heimat- und Siedlungsgebiete liegen heute in den östlichen Nachbarstaaten Deutschlands. Dort begegnen sich unterschiedliche Erinnerungen und Perspektiven. Gemeinsame Projekte mit den deutschen Minderheiten, Kommunen, Kultureinrichtungen und weiteren Partnern machen Geschichte zugänglich, vertiefen gegenseitiges Verständnis und schaffen Vertrauen.
„Bekenntnis und Verantwortung: Unser Kulturgut verbindet Europa“ ist daher mehr als ein Aufruf zur Bewahrung. Das Leitwort beschreibt eine Haltung: die eigene Geschichte offen anzunehmen, das überlieferte Kulturgut lebendig zu halten und daraus einen Beitrag zu Verständigung und guter Nachbarschaft zu leisten. So wird aus Erinnerung Verantwortung – und aus kulturellem Erbe eine Brücke in die gemeinsame europäische Zukunft.
Exzellenzen,
sehr verehrte Frau Prälatin Dr. Gidion,
meine sehr verehrten Damen und Herren,
liebe Landsleute,
liebe Kolleginnen und Kollegen aus dem Deutschen Bundestag und aus den Landtagen,
sehr verehrte Gäste,
ich möchte zunächst einem der BdV-Vizepräsidenten – Dir, lieber Steffen Hörtler – ganz herzlich für die sehr souveräne und eindrucksvolle Begrüßung danken. Ich kann mich dem nur anschließen und möchte unsere Ehrengäste, aber selbstverständlich auch Sie alle auf das Allerherzlichste willkommen heißen.
Es ist keine Selbstverständlichkeit, dass Sie sich die Zeit nehmen und heute hier sind. Das gilt für Sie alle und insbesondere natürlich auch für unsere Ehrengäste. Ich habe mir sagen lassen, dass vor allem Ministerpräsidenten und Bundesminister sehr angespannte und volle Terminkalender haben. Deshalb möchte ich es noch einmal besonders betonen: Herzlichen Dank, lieber Alexander, lieber Michael, dass Ihr beide hier seid. Wir wissen Eure Anwesenheit bei unserer Festveranstaltung in ganz besonderer Weise zu schätzen. Von Eurer Präsenz geht ein herausragendes Signal aus.
Meine sehr verehrten Damen und Herren,
dass wir Jahr für Jahr zum Tag der Heimat und zu so vielen anderen Veranstaltungen noch immer in so großer Gemeinschaft wie heute zusammenkommen, zeigt, wie lebendig unser Bund der Vertriebenen ist.
Der damalige tschechische Präsident Václav Havel hat am 24. April 1997 in einer eindrucksvollen Rede vor den Mitgliedern des Deutschen Bundestages und des Bundesrates einen sehr bemerkenswerten Satz geprägt, der aus meiner Sicht wie geschaffen ist für unseren heutigen Tag. Er hat gesagt:
„Nur eine Gemeinschaft, welche die Wahrheit über ihre eigene Geschichte erkennen kann und darf, ist tatsächlich eine freie Gemeinschaft.“
Ich bin fest davon überzeugt, dass wir genau aus diesem Grund den Tag der Heimat begehen. Unser Schicksal – und das Schicksal unserer Eltern und Großeltern – gehört zu dieser historischen Wahrheit. Die Erinnerung daran gibt uns Orientierung für die Zukunft: als Gemeinschaft im BdV genauso wie als Gemeinschaft der Völker in Europa. Denn wer weiß, woher er kommt, kann auch bewusster entscheiden, wohin er gehen will.
Unser diesjähriges Leitwort verstehe ich genau in diesem Sinne: „Bekenntnis und Verantwortung: Unser Kulturgut verbindet Europa.“
Das heißt ganz klar: Wir bekennen uns zu unserer Geschichte, zu unserer Herkunft, zu unserer Kultur, die auf das Engste verwoben ist mit den nationalen Erzählungen unserer Nachbarländer und mit der gesamteuropäischen Kultur. Aus diesem Bekenntnis erwächst Verantwortung – für den Erhalt der Kultur, für gutnachbarschaftliche Beziehungen, für den Frieden in Europa. Und indem wir diese Verantwortung annehmen, wird unser Kulturgut zu einem verbindenden Element.
Was meinen wir eigentlich, wenn wir von unserem Kulturgut sprechen? Wir meinen Kirchen und Friedhöfe, Museen und Archive, historische Stadtbilder und Denkmäler, aber genauso auch Sprache und Dialekte, Musik und Literatur, Bräuche, Handwerk, Familiengeschichten und Erinnerungen.
Dieses Erbe gehört nicht nur der Erlebnisgeneration. Und es gehört auch nicht nur denjenigen, deren Eltern oder Großeltern selbst vertrieben wurden. Ein Bekenntnis zur Heimat und zu ihrer Kultur ist, meine sehr verehrten Damen und Herren, keine Frage des Geburtsjahrgangs. Man muss Vertreibung nicht selbst erlebt haben, um sich ihrer Geschichte, ihrer Kultur und den daraus erwachsenen Aufgaben verpflichtet zu fühlen.
Das ist der Weg, den wir in unseren Verbänden längst eingeschlagen haben. Und genau das meinen wir, wenn wir von einer „Bekenntnisgeneration“ sprechen. Wir bewahren Kultur nicht, um sie einzufrieren oder auszustellen. Wir bewahren sie, damit sie aktiv weitergegeben, verstanden und weiterentwickelt wird.
Sie ist fester Bestandteil der deutschen Kulturnation und zugleich Teil der Geschichte unserer östlichen Nachbarn und damit gemeinsamer europäischer Kulturgeschichte.
Deshalb ist die Kulturarbeit der Vertriebenen weit mehr als museale Arbeit und Traditionspflege. § 96 des Bundesvertriebenengesetzes formuliert einen gesetzlichen Auftrag – und ich würde sogar noch weiter gehen: eine gesetzliche Verpflichtung für Bund und Länder. Es geht um Museen, Archive, Bibliotheken, Wissenschaft und Forschung, aber ebenso um kulturelle Vermittlung, Bildung und die Weiterentwicklung dieses Erbes. Dieser Auftrag ist eine dauerhafte öffentliche Verantwortung.
In den vergangenen Monaten hat es wichtige Signale dafür gegeben, dass dies politisch wieder stärker berücksichtigt wird. Die Rückkehr zum Namen „Bundesinstitut für Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa“ macht unmissverständlich sichtbar, worum es bei diesem Institut geht. Ich möchte Dir, sehr geehrter Herr Bundesminister, lieber Alexander, ganz herzlich dafür danken, dass Du diese Rückbenennung zeitnah nach Deiner Amtsübernahme vorgenommen hast.
Ich bin fest davon überzeugt, dass gerade die Bündelung von Kulturförderung, Minderheitenpolitik und grenzüberschreitender Verständigung im Bundesinnenministerium eine Chance bietet: Diese Aufgaben können stärker miteinander verbunden, gemeinsam mit allen Beteiligten weiterentwickelt und zukunftsfest gestaltet werden.
Lieber Alexander, auch für die positiven Haushaltsimpulse dieses Jahres danke ich Dir ausdrücklich – ob bei Einrichtungen der Vertriebenen, bei den Kirchenburgen in Siebenbürgen oder bei Schloss Steinort in Ostpreußen. Es ist gut und richtig, dass der Bund hier mehr Verantwortung übernimmt.
Aber ich sage auch ganz deutlich: Aus guten Signalen muss Verlässlichkeit werden. Einmalige Aufwüchse ersetzen keine dauerhaft auskömmliche Förderung. Ich sage dies ausdrücklich auch mit Blick auf die Kulturstiftung des BdV.
Und was mir persönlich sehr wichtig ist: Institutionelle Strukturen und Projektarbeit ergänzen einander, bedingen einander, ja, sie benötigen einander. Beides muss verlässlich finanziert werden und darf nicht gegeneinander ausgespielt werden. Wir brauchen beides. Unsere Bundesversammlung hat diese Erwartungen gestern mit einem einstimmig beschlossenen Entschließungsantrag sehr klar formuliert.
Wie schwer diese Verantwortung wiegt, wird dort deutlich, wo Menschen nicht nur ihre Heimat verlieren, sondern ihnen zugleich Sprache, Kultur und Identität genommen werden. Deshalb gehört in diesem Jahr vor allem das Schicksal der Russlanddeutschen in die Mitte unseres Erinnerns.
Am 28. August – gestern vor einer Woche – jährte sich der Erlass des Präsidiums des Obersten Sowjets zur Deportation der Wolgadeutschen zum 85. Mal. In der Folge wurden Deutsche auch aus vielen anderen Teilen der Sowjetunion, darunter von der Krim, verschleppt und nach Kasachstan, Sibirien und in den Norden der Sowjetunion deportiert. Rund eine Million Menschen waren von Deportation und Zwangsumsiedlung betroffen. Viele wurden zur Arbeit in der sogenannten Trudarmee gezwungen. Mindestens 150.000 Menschen kamen infolge von Deportation, Zwangsarbeit und den unmenschlichen Lebensbedingungen ums Leben.
Was das bedeutete, lässt sich an einem einzelnen Schicksal besser verstehen als an jeder Statistik. Jakow Iwanowitsch German, Jahrgang 1926, wurde 1941 mit seiner Mutter und seinem jüngsten Bruder nach Kasachstan deportiert. Sein Vater und zwei Brüder kamen in die Arbeitsarmee; 1942 wurde auch er selbst zur Zwangsarbeit herangezogen.
Über das Kriegsende berichtete er später: „Der Krieg endete am 9. Mai, und am 10. Juni kam ein NKWD-Mann: ‚Unterschreibe hier den Bescheid über lebenslange Ansiedlung.‘“
Dieser eine Satz sagt sehr viel. Für die Russlanddeutschen bedeutete das Ende des Krieges noch lange nicht das Ende der Unfreiheit. Die Verbannung wurde als neues Recht festgeschrieben. Eine vollständige Rehabilitierung blieb leider aus.
Der Angriff des nationalsozialistischen Deutschlands auf die Sowjetunion und der von ihm entfesselte Vernichtungskrieg bilden den historischen Kontext dieser Ereignisse. Das muss klar und eindeutig benannt werden. Aber es rechtfertigt nicht die kollektive Bestrafung unschuldiger Menschen. Die Deutschen in der Sowjetunion wurden nicht für individuelles Handeln bestraft, sondern von einem diktatorischen Regime für ihre Herkunft – und nur für ihre Herkunft – in Haftung genommen. Es gibt keine Kollektivschuld, und Kollektivstrafe ist Unrecht.
Meine sehr verehrten Damen und Herren,
1941 und in den Folgejahren wurden nicht einfach nur Menschen aus Orten entfernt. Gewachsene Siedlungs-, Familien-, Kirchen-, Bildungs- und Kulturstrukturen wurden zerstört. Deutsche Sprache, kulturelles Bekenntnis und die eigene Herkunft standen über Jahrzehnte unter Verdacht.
Umso wichtiger ist es, dass wir die Russlanddeutschen heute nicht ausschließlich über ihre Leidensgeschichte wahrnehmen. Ganz im Gegenteil: Ihre Geschichte ist auch eine Geschichte kultureller Selbstbehauptung, familiärer Stärke, des Neubeginns und einer aus meiner Sicht wirklich beeindruckenden, ja einzigartigen Integrationsleistung in Deutschland – einer Integrationsleistung, die von der aufnehmenden deutschen Bevölkerung teilweise viel zu wenig gewürdigt wurde.
Die Landsmannschaft der Deutschen aus Russland gehört fest zu unserer Gemeinschaft im BdV. Und wir werden die berechtigten Anliegen der Deutschen aus Russland in der Erinnerungskultur, im Bundesvertriebenenrecht und im Rentenrecht auch weiterhin mit Nachdruck vertreten.
Das Thema Kollektivschuld führt unmittelbar zu einem zweiten Erinnerungsanlass. 2026 blicken wir auf 80 Jahre seit 1946, dem Hauptjahr der organisierten Vertreibungen der Deutschen aus Ost-, Ostmittel- und Südosteuropa.
Auch hier muss eine reife Erinnerungskultur mehrere Wahrheiten zugleich aussprechen können. Die Verantwortung Deutschlands für den Zweiten Weltkrieg und für die brutalen, in der Weltgeschichte beispiellosen nationalsozialistischen Verbrechen steht vollkommen außer Frage. Sie darf niemals relativiert werden. Aber sie konnte und kann niemals rechtfertigen, Millionen Deutsche pauschal für diesen Krieg verantwortlich zu machen, sie allein aufgrund ihrer Herkunft zu entrechten und zu vertreiben, sie zu vergewaltigen, verhungern zu lassen oder anderer Gewalt auszusetzen.
Schuld ist immer individuell, und die Menschenwürde ist unantastbar. Das galt vor 80 und vor 85 Jahren ebenso wie heute.
Die Menschenrechte gelten unteilbar für jeden – unabhängig von seiner Herkunft oder ethnischen Zugehörigkeit.
Das sind keine abstrakten Sätze. Sie gehören zum Fundament unserer freiheitlichen Demokratie – einer Demokratie, an deren Aufbau auch die Heimatvertriebenen und deutschen Flüchtlinge nach 1945 ihren großen Anteil hatten.
Und deshalb will ich gerade mit Blick auf den morgigen Tag auch eines sagen: Der Bund der Vertriebenen ist überparteilich. Wir sind keiner Partei in besonderer Weise verbunden und geben keine Wahlempfehlungen. Aber Überparteilichkeit bedeutet nicht Wertneutralität.
Unsere Geschichte verpflichtet uns zu einem klaren Bekenntnis zu Freiheit, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit.
In unserem Land muss Heimat finden können, wer hier rechtmäßig lebt und Teil unserer Gesellschaft sein will. Und umgekehrt entsteht Heimat dort, wo Menschen auch bereit sind, dazuzugehören, Verantwortung zu übernehmen und diese Gesellschaft mitzutragen.
Heimat, wie wir sie verstehen, stiftet Zugehörigkeit. Sie schafft Verantwortung. Und sie kann Menschen verbinden.
Die Heimatvertriebenen haben aus ihrem Schicksal 1950 in ihrer Charta eine bemerkenswerte politische Konsequenz gezogen: mit dem Verzicht auf Rache und Vergeltung, mit dem Willen zum Wiederaufbau und mit dem Bekenntnis zu einem geeinten Europa.
Das ist aus meiner Sicht bis heute ein Auftrag. Erinnerung darf nicht zur Aufrechnung führen. Aber Verständigung darf auch nicht auf dem Verschweigen historischen Unrechts beruhen. Verständigung und Versöhnung brauchen Wahrheit.
Und damit komme ich zu einem Ereignis dieses Jahres, das für mich unser Leitwort in besonderer Weise mit Leben erfüllt hat: zum Sudetendeutschen Tag in Brünn. Lieber Steffen, Du hast ihn erwähnt. Zum ersten Mal fand der Sudetendeutsche Tag in der Tschechischen Republik statt – auf Einladung der tschechischen Bürgerinitiative „Meeting Brno“.
Was über Jahrzehnte durch Begegnungen, Gespräche und manchmal mühsame Verständigungsarbeit vorbereitet wurde, wurde dort in wunderbarer Art und Weise öffentlich sichtbar. Ich hatte im Vorfeld gesagt: „Die Brücke der Verständigung führt nach Brünn.“ In Brünn hat sich gezeigt, wie viel diese Brücke tatsächlich tragen kann.
Am selben Wochenende wurde an die Opfer der Vertreibung und des Brünner Todesmarsches erinnert, aber ebenso an die Opfer des Nationalsozialismus, vor allem an die deportierten und ermordeten Jüdinnen und Juden. Das eine Gedenken musste das andere nicht verdrängen.
Genau das ist die Form von Erinnerung, die Europa braucht: nichts verschweigen, nichts gegeneinander aufrechnen, den Schmerz des anderen wahrnehmen und zugleich zur eigenen Geschichte stehen.
Und hier schließt sich für mich der Kreis zu Václav Havel und zu seinem eingangs erwähnten Zitat: Heimat muss kein Raum sein, der uns von anderen trennt. Richtig verstanden kann sie ein Raum sein, aus dem heraus wir anderen begegnen. Unser Kulturgut wird gerade dann europäisch, wenn es nicht zur Abgrenzung von anderen benutzt wird, sondern wenn wir es gemeinsam bewahren, weitererzählen und weiterentwickeln.
Das gilt für Deutsche und Tschechen, lieber Jiří Čistecký. Es gilt ebenso für unsere Zusammenarbeit mit Polen, Ungarn, Rumänien und unseren weiteren Partnern in Mittel-, Ost- und Südosteuropa – und ganz besonders für die deutschen Minderheiten, die heute dort ihre Heimat haben. Gerade sie sind keine Erinnerung an ein vergangenes Europa. Sie sind lebendige Brücken im Europa der Gegenwart.
Meine sehr verehrten Damen und Herren,
liebe Landsleute,
das ist für mich der Kern unseres Auftrags: Wir bewahren unser Erbe, ohne es einzufrieren. Wir sagen die Wahrheit über Flucht, Vertreibung und Deportation, ohne Deutschlands Verantwortung für Krieg und nationalsozialistische Verbrechen auszublenden oder zu relativieren. Und wir suchen Verständigung, ohne dafür auf Wahrheit verzichten zu müssen.
Der Bund der Vertriebenen wird auch künftig die starke Stimme der Heimatvertriebenen, Aussiedler und Spätaussiedler sein. Gemeinsam mit unseren Mitgliedsverbänden und den vielen ehrenamtlich engagierten Menschen werden wir nachdrücklich dafür sorgen, dass diese Geschichte und dieses Kulturerbe sichtbar bleiben – und dass aus Erinnerung politische und gesellschaftliche Verantwortung erwächst.
Aus Bekenntnis erwächst Verantwortung. Aus Verantwortung entsteht Zukunft. Eine Zukunft in Freiheit und Demokratie, in Frieden und guter Nachbarschaft.
In diesem Sinne: Gott segne unser Land und unsere Heimat – und unser gemeinsames Europa.
Herzlichen Dank für die Aufmerksamkeit.

















