BdV - Bund der Vertriebenen
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Tag der Heimat 2017

Leitwort: 60 Jahre Einsatz für Menschenrechte, Heimat und Verständigung

 

Programm

2. September 2017, 12:00 Uhr

Urania Berlin, Humboldt-Saal

 

Musik aus "Orfeo"

Claudio Monteverdi (1567-1643)

 

Geistliches Wort und Gedenken

Prälat Dr. Martin Dutzmann

Bevollmächtigter des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD)bei der Bundesrepublik Deutschland und der Europäischen Union

 

Aus "Sechs kurze Blasmusiken in allen Tonarten": Nr. IV - Phrygisch

Heinrich Simbriger (1903-1976)

 

Ansprache

Dr. Bernd Fabritius MdB

Präsident

 

Festrede

Dr. Thomas de Maizière MdB

Bundesminister des Innern

 

Aus "Sechs kurze Blasmusiken in allen Tonarten": Nr. VI - Ionisch

Heinrich Simbriger (1903-1976)

 

Nationalhymne

 

Im Anschluss an den Festakt findet um 15:00 Uhr die Kranzniederlegung auf dem Theodor-Heuss-Platz statt. Es sprechen
der Berliner BdV-Landesvorsitzende, Staatssekretär a.D. Rüdiger Jakesch,
der Berliner Innensenator, Andreas Geisel MdA und
BdV-Präsident Dr. Bernd Fabritius MdB.

 

Potsdamer Turmbläser

Bernhard Bosecker (Ltg.),

Björn Brünnich, Sven Geipel, Rainer Wirth (Trompete),

Dieter Bethke, Michael Wolter (Posaune),

Gisberth Näther (Horn),

Tilmann Hennig (Tuba)

 

Heinrich Simbriger, geb. 04.01.1903 in Aussig an der Elbe,

ab 1952 Redakteur der Sudetendeutschen Zeitung in München,

1955 Förderpreis des Sudetendeutschen Kulturpreises,

der Sudetendeutschen Landsmannschaft,

1963 Johann-Wenzel-Stamitz-Preis


Bundesinnenminister Dr. Thomas de Maizière hält Festrede


Geistliches Wort und Gedenken zum Tag der Heimat des Bundes der Vertriebenen am 2. September 2017 in Berlin

Prälat Dr. Martin Dutzmann

 

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

liebe Schwestern und Brüder,

 

verzweifelt waren die Israeliten, die im 6. Jahrhundert vor Christi Geburt ins ferne Babylonien verschleppt worden waren. Fremd waren ihnen die Menschen, unter denen sie leben mussten. Fremd auch deren Kultur und Religion. Und wenn sie an ihre Heimat dachten, an Jerusalem und seinen Tempel, kamen ihnen die Tränen. In der Bibel ist uns ein Trauergesang aus jener Zeit erhalten, der 137. Psalm: „An den Wassern zu Babel saßen wir und weinten, wenn wir an Zion gedachten. Unsere Harfen hängten wir an die Weiden im Lande. Denn dort hießen uns singen, die uns gefangen hielten und in unserem Heulen fröhlich sein: ‚Singet uns ein Lied von Zion!‘ Wie könnten wir des Herrn Lied singen im fremden Lande? Vergesse ich dein, Jerusalem, so werde meine Rechte vergessen. Meine Zunge soll an meinem Gaumen kleben, wenn ich deiner nicht gedenke, wenn ich nicht lasse Jerusalem meine höchste Freude sein.“ Ein verzweifeltes Lied entwurzelter Menschen, wie es ähnlich ungezählte geflüchtete und vertriebene Menschen vor und nach ihnen sangen...

 

Nun ist aber ihr Trauergesang nicht das Einzige, was wir über jene Israeliten in babylonischer Gefangenschaft wissen. Wir wissen, dass ihnen tröstende Worte gesagt wurden. Eines davon steht im Buch des Propheten Jesaja: „Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen, und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen.“ (Jesaja 42, 3).

 

Der Prophet redet von einem Knecht, den Gott seinem entwurzelten Volk senden wird. Behutsam wird er denen begegnen, die ihre Heimat verloren haben, sich schützend vor sie stellen, einen Neuanfang möglich machen…

 

Wenn wir heute den Tag der Heimat begehen, dann gedenken wir besonders der vielen Menschen, die mit dem Zweiten Weltkrieg ihre Heimat in Ostpreußen, Pommern, Schlesien und anderen ehemals deutschen Gebieten verloren. Viele mögen sich, als sie nach schrecklichen Fluchterlebnissen endlich im Westen ankamen, ähnlich gefühlt haben wie jene Israeliten, die zweieinhalbtausend Jahre zuvor klagten: „Wie könnten wir des Herrn Lied singen im fremden Lande?“

 

Nicht wenige mussten erleben, dass sie nicht willkommen waren. Dass die Aufnahmegesellschaft ihnen mit Vorbehalten begegnete. Vorwurfsvolle Sätze wie diese mussten sie hören: „Wir haben doch selbst nicht genug zum Leben, und jetzt lasst zu allem Überfluss auch ihr euch noch hier nieder. Außerdem bringt ihr eine fremde Kultur mit, das macht uns Angst.“ Vor allem aber hatten viele der Neuankömmlinge das Gefühl, dass die Alteingesessenen ihr Leid nicht wirklich wahrnahmen, während sie das von Deutschen verursachte Leid vor allem der Jüdinnen und Juden zunehmend sahen. Mitunter entstand wohl der Eindruck, hier werde Unrecht gegen Unrecht und Leid gegen Leid aufgewogen und ausgespielt. Das hat bei Opfern von Flucht und Vertreibung verständlicherweise für Bitterkeit gesorgt, und bei manchen Flüchtlingen und Vertriebenen hat das Fremdheitsgefühl lange angehalten.

Die meisten, die nach 1945 an einem fremden Ort ganz neu anfangen mussten, sind jedoch angekommen. Sie verharrten nicht in der Klage „Wie könnten wir des Herrn Lied singen im fremden Lande?“, sondern für sie gewann das andere, das tröstliche Bibelwort an Kraft: „Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen, und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen.“

 

Und tatsächlich wurden aus vielen Menschen, die aufgrund ihrer schrecklichen Erfahrungen „geknickten Rohren“ glichen, wichtige Stützen der deutschen Nachkriegsgesellschaft und glimmende Dochte entfachten das Feuer der Begeisterung für Aufbruch und Neubeginn.

 

Dass sich das bis zum heutigen Tag auswirkt, habe ich erlebt, als ich einige Jahre lang gemeinsam mit anderen die Lippische Landeskirche zu leiten hatte. Das frühere Fürstentum Lippe mit der Residenzstadt Detmold liegt zwischen dem Teutoburger Wald und der Weser, und die Lipper sind traditionell sehr heimatverbunden. Das gilt auch für die lippischen Pfarrerinnen und Pfarrer. Einige Pfarrerinnen und Pfarrer zeichnen sich jedoch gleichzeitig durch einen bemerkenswerten Weitblick aus: Sie haben im Ausland studiert oder in ausländischen Gemeinden gearbeitet und haben den Weg nicht nur der Lippischen Landeskirche oder gar nur der eigenen Gemeinde, sondern den Weg der Weltchristenheit im Blick und sind wach für die drängenden weltpolitischen Fragen unserer Zeit. Irgendwann fiel mir auf, dass nicht wenige dieser weltoffenen Kolleginnen und Kollegen aus Flüchtlingsfamilien stammen, und ich glaube, das ist kein Zufall…

 

Meine Damen und Herren, wenn wir den Tag der Heimat im Jahr 2017 begehen, dann kommen wir nicht umhin, besonders auch jene in den Blick zu nehmen, die in den letzten Monaten ihre Heimat verloren haben und zu uns gekommen sind, weil sie Schutz vor Verfolgung, Krieg und Terror suchen. Viele von ihnen haben auf der Flucht zum Beispiel über das Mittelmeer Schreckliches erlebt – in mancher Hinsicht ähnlich dem Schicksal derjenigen, die mit dem Ende des Zweiten Weltkrieges ihre Heimat und ihr Hab und Gut verlassen mussten und Familienangehörige verloren.

 

Nun sind sie hier – alle entwurzelt, viele traumatisiert. Und nicht wenige – egal ob Christen oder Muslime - mögen sich fühlen wie die Israeliten, als sie in babylonischer Gefangenschaft klagten: „Wie könnten wir des Herrn Lied singen im fremden Lande?“ Ob die Integration gelingt? Ob es noch einmal – und diesmal vielleicht sogar besser – gelingen kann, geknickte Rohre aufzurichten und mit glimmenden Dochten ein Feuer zu entfachen? Vieles ist in den letzten Monaten geschehen. Der Bundestag hat erstmalig ein Integrationsgesetz verabschiedet, und viele Menschen bemühen sich darum, den Geflüchteten den Weg in unsere Gesellschaft hinein zu ebnen.

 

Ich bin davon überzeugt, dass diejenigen unter Ihnen, die selbst die Erfahrung von Flucht und Vertreibung gemacht haben oder zu deren Familiengeschichte der Verlust der Heimat gehört, hier besonders wertvolle Unterstützung leisten können. Wer könnte denn besser verstehen, was es heißt, entwurzelt zu sein, geliebte Menschen und die Heimat verloren zu haben, in seiner Sehnsucht nicht verstanden zu werden und ganz von vorne anfangen zu müssen? Solches Mitfühlen, solche Empathie ist aber das, was die Neuankömmlinge heute neben praktischer Hilfe besonders brauchen. Wer wüsste das besser als Sie?

 

„Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen, und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen.“ Dieser Bibelvers wird als Wochenspruch viele evangelische Christen durch die morgen beginnende Woche begleiten. Die Hoffnung, die er zum Ausdruck bringt, reicht über die kommende Woche weit hinaus. Es ist die Hoffnung auf Gott, der sich allen leidenden Menschen in Liebe zuneigt und der versprochen hat, einen neuen Himmel und eine neue Erde zu schaffen und allem Leid ein Ende zu bereiten. Vor ihm gedenken wir nun aller, die ihre Heimat verloren haben, und dazu bitte ich Sie, sich zu erheben…  

 

Gedenken

 

Wir gedenken hier der alten Heimat, der Heimat unserer Eltern und Großeltern mit den Kirchen und Häusern, die sie gebaut, den Bäumen, die sie gepflanzt, mit den Äckern, die sie bearbeitet haben, mit den Menschen – auch aus anderen Völkern –, deren Lieder sie gern gesungen haben, deren Sprache ihnen vertraut war, bei deren Klang ihnen heute noch die Tränen kommen. Wir wollen sie weiter in unseren Herzen bewahren, die Erinnerung an sie pflegen und weitergeben.

 

Wir gedenken hier der vielen Todesopfer bei Flucht und Vertreibung, bei Deportation und Zwangsarbeit. Wir gedenken der Kinder, der Frauen und Männer, die auf der Flucht mit den Trecks umkamen, auf verschneiten und verstopften Straßen, von Kälte, Entkräftung und Verzweiflung überwältigt, von Panzern überrollt, von Bomben und Granaten zerrissen; ihre Leichname blieben oft unbegraben zurück.

 

Wir gedenken hier derer, die auf der Flucht im winterkalten Wasser des Kurischen und des Frischen Haffs und der Flüsse versanken, weil das Eis nicht mehr hielt oder unter Beschuss zerborsten war. Wir gedenken hier derer, die in unvorstellbar großer Zahl bei Schiffsuntergängen nach Torpedo- und Fliegerangriffen in den eisigen Fluten der Ostsee ertranken.

 

Wir gedenken hier der in den Jahren 1944-47 aus der alten Heimat verschleppten und seitdem verschollenen Frauen, Männer und Kinder, der auf den Straßen entkräftet Zusammengebrochenen, der Erschossenen und Erschlagenen, der auf den wochenlangen Bahntransporten in den Weiten Sibiriens Umgekommenen und an den Bahntrassen unbestattet Zurückgelassenen.

 

Wir gedenken hier derer, die in den Straf-, Internierungs- und Todeslagern der Rache für die nationalsozialistischen Verbrechen hilflos ausgeliefert waren, ohne Recht und Gerichtsverfahren blieben und dort schließlich auf elendste Weise zu Tode kamen.

Wir gedenken hier all derer, die als Opfer von Massakern, von willkürlichen Vergeltungs- und sogenannten Säuberungsaktionen starben und an deren Gräber sich niemand mehr erinnert.

 

Wir gedenken hier der in den letzten Kriegstagen und in der ersten Nachkriegszeit in der alten Heimat in großer Zahl an Hunger und Epidemien ohne ärztliche Hilfe Verstorbenen und in Massengräbern hastig Verscharrten.

 

Wir gedenken hier der verwaisten und vermissten Kinder, deren Spur sich in den Kriegswirren und Heimen verloren hat. Wir erinnern uns hier an das grausame Schicksal derer, die auch noch Jahre nach Kriegsende willkürlich und zu Unrecht, oft unter grausamen und entwürdigenden Umständen, aus ihrer seit Jahrhunderten angestammten Heimat vertrieben und abtransportiert wurden.

 

Wir erinnern uns in Dankbarkeit an die Männer, Frauen und Kinder anderer Völker, die aus Menschlichkeit und Nächstenliebe ungeachtet eigener Gefährdung und oft selbst große Not leidend den deutschen Deportierten, Vertriebenen und Flüchtlingen Hilfe geleistet und das karge Brot mit ihnen geteilt haben.

 

Im Gedenken an unsere Toten der „vorigen Zeiten“, in der Erinnerung an die Grausamkeit von Flucht und Vertreibung nehmen wir mitfühlend Anteil am Schicksal der Menschen unserer Tage, die vor Krieg, Not und Religionshass auf der Flucht sind oder aus ihrer angestammten Heimat im Zuge ethnischer, politischer oder religiöser sogenannter Säuberungen vertrieben werden.

 

Die Erinnerung mahnt uns, zu unseren Zeiten für Wahrheit und Versöhnung einzutreten, damit dem Bösen zu rechter Zeit gewehrt werde, Recht und Gerechtigkeit gewahrt werden und Frieden das Zusammenleben der Völker bestimme.

 

Wir vertrauen darauf, dass Gott, der Gerechte und Barmherzige seiner Menschenkinder gedenkt, dass sie mit ihrem Namen und Schicksal in seinem Gedächtnis bewahrt bleiben und dass dies auch für unsere Verschollenen und an unbekannten Orten ruhenden Toten gilt. So vertrauen wir sie aufs Neue ihm an. Mögen sie in Frieden ruhen und das Licht des neuen Lebens in der anderen Welt schauen.

 

Amen.


Ansprache zum Tag der Heimat des Bundes der Vertriebenen am 2. September 2017 in Berlin

BdV-Präsident Dr. Bernd Fabritius MdB

Sehr geehrter Herr Bundesinnenminister Thomas de Maizière,

sehr geehrter Herr Prälat Dr. Dutzmann,

geehrte Exzellenzen und Eminenzen,

verehrte Ehrengäste aus Bund, Ländern und Gemeinden,

liebe Kollegen aus dem Deutschen Bundestag und den Landtagen,

liebe Landsleute,

meine Damen und Herren,

 

zur diesjährigen Auftaktveranstaltung zum Tag der Heimat 2017 des Bundes der Vertriebenen heiße ich Sie ganz herzlich willkommen.

 

Ich bin sehr dankbar, dass Sie, Herr Bundesinnenminister Dr. Thomas de Maizière, heute die Festrede halten werden und möchte Sie ganz herzlich in unseren Reihen begrüßen. Wir sind gespannt auf Ihre Rede und versprechen uns erneut ein Bekenntnis der Bundesregierung zu den Anliegen der Heimatvertriebenen und Spätaussiedler – so wie wir das aus der Vergangenheit von Vertretern unserer Regierung kennen und wertschätzen.

 

Mit Herrn Prälat Dr. Martin Dutzmann hat, dem Reformationsjahr 2017 angemessen, einer der Bevollmächtigten des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland das geistliche Wort zum heutigen Tag gesprochen. Prälat Dr. Dutzmann ist Bevollmächtigter des Rates der EKD bei der Bundesrepublik Deutschland und der Europäischen Union.

 

Ich danke Ihnen, sehr geehrter Prälat Dr. Dutzmann, für Ihr geistliches Wort und Ihre Botschaft für unseren Tag der Heimat.

 

Ich begrüße ganz herzlich:

  • für die Fraktionen im Bundestag stellvertretend meinen Kollegen, Hartmut Koschyk, den Bundesbeauftragten für Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten,
  • ganz herzlich willkommen stellvertretend für die Länder und Landtage die bayerische Staatsministerin Emilia Müller und den Parlamentarischen Geschäftsführer der CDU im Abgeordnetenhaus von Berlin, Danny Freymark,
  • ich begrüße Ihre Exzellenzen, die Botschafter von Ägypten, Armenien und der Tschechischen Republik sowie das ganze anwesende diplomatische Corps,
  • ich begrüße ganz herzlich den Bundesbeauftragten für die Stasiunterlagen, Herrn Roland Jahn.

 

Ich freue mich selbstverständlich, dass erneut die Potsdamer Turmbläser unter der Leitung von Bernhard Bosecker unsere Veranstaltung musikalisch umrahmen werden.

 

Vielen Dank letztlich Ihnen, meine Damen und Herren, liebe Gäste, dass Sie heute hier sind.

 

Der Tag der Heimat, der auf die Kundgebung vor dem Stuttgarter Schloss am 6. August 1950 zurückgeht, bei der die Charta der deutschen Heimatvertriebenen verkündet wurde, genießt in unseren Reihen unverändert hohes Ansehen, weil er uns Gelegenheit bietet, auf unser kollektives Schicksal als Teil der deutschen Volksbiografie und gleichzeitig auf unser tägliches Wirken hinzuweisen und in Politik und Gesellschaft gesehen und gehört zu werden.

 

Meine Damen und Herren,

 

seit nunmehr 60 Jahren gibt es den Bund der Vertriebenen. Seit 60 Jahren gibt er den deutschen Heimatvertriebenen und Spätaussiedlern Gewicht und Stimme, er steht wie ein Leuchtturm an stürmischer Küste – und sendet Lichtsignale aus.

 

Unser diesjähriges Leitwort zum Tag der Heimat,

 

„60 Jahre Einsatz für Menschenrechte, Heimat und Verständigung“,

 

umreißt nur in allgemeinen Oberbegriffen die zahlreichen Initiativen, die wir angestoßen und die politischen und gesellschaftlichen Diskurse, die wir angeregt und geführt haben. Es steht für die vielen Menschen in den Landsmannschaften und unseren Gliederungen, die sich unserer Charta verpflichtet fühlen und denen Heimat etwas bedeutet.

 

Der BdV ist ein Fixpunkt im Gemeinwesen der Bundesrepublik Deutschland, der fest verankert steht und doch – vielleicht gerade deshalb – mit der Zeit und mit den historisch-politischen Entwicklungen Schritt gehalten hat.

 

Unser Verband ist heute modern, gegenwartsbezogen und zukunftsorientiert. Wir kennen die Vergangenheit, und wir hatten oft Grund zu Wut und Unverständnis. Aber wir haben uns nie verweigert! Uns ging es immer um unsere Heimat: Um Deutschland und um unsere östlichen Nachbarländer!

 

Schon bei seiner Gründung konnte der Bund der Vertriebenen auf die Arbeit der Vorgänger-Organisationen, der Landsmannschaften und Landesverbände aufbauen, die mit der 1950 verabschiedeten Charta der deutschen Heimatvertriebenen ein Bekenntnis zur Versöhnung und zu Europa abgegeben hatten. Die Charta steht bis heute für eine entschiedene Absage an eine immer wieder zu beobachtende Spirale aus Gewalt und Rache. Sie steht für ein zusammenwachsendes Europa der freien Völker, das Recht auf die Heimat sowie die notwendigen internationalen Anstrengungen zur Verhinderung weiterer Vertreibungsverbrechen.

 

In seiner langen Geschichte hat der BdV auch Zeiten und Situationen erlebt, die seine Mitglieder nicht verstanden haben. Viele Jahre lang hörten sie auch Signale aus den vordersten Reihen der Politik, dass die Möglichkeit der Rückkehr in die Heimat auch für die Politik oberste Priorität genieße. Sogar Papst Pius XII. formulierte damals im Vatikan den Wunsch, dass – ich zitiere – „den Verbannten und Flüchtlingen die Rückkehr“ gestattet werde.

 

Wie groß war die Enttäuschung und wie tief die Wunde, als die Vertriebenen sich dann mit einer neuen Ostpolitik konfrontiert sahen, die ihren Fokus zunehmend auf die sich zementierenden Fronten zwischen Ost und West richtete, jedoch hierbei immer weniger die berechtigten Anliegen der Heimatvertriebenen im Blick hatte. Heute wissen wir: Es waren damals eher Wünsche. Es waren Versprechen, die nicht gehalten werden konnten.

 

Trotzdem haben diese unseren Landsleuten und Schicksalsgenossen in den – für alle! – schweren Nachkriegsjahren den Funken Hoffnung gegeben, den wir brauchten, um zu überleben, um Schritt für Schritt in die neue Heimat hineinzuwachsen und sie mitzubauen.

 

Bereits im Dezember 1948 hatte die Generalversammlung der Vereinten Nationen die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte verabschiedet. Darin heißt es wörtlich (Zitat): „Jeder Mensch hat das Recht, jedes Land, einschließlich seines eigenen, zu verlassen sowie in sein Land zurückzukehren.“

 

Flucht, Vertreibung, Rückkehr – Menschenrechte: Wie sehr haben diese Begriffe unsere Landsleute, aber auch die Politik der Nachkriegszeit geprägt.

 

Heute, meine Damen und Herren, kehren viele Vertriebene in einem freien Europa von sich aus zurück. Die allermeisten natürlich nicht für immer! Aber viele immer öfters!

 

Viele Partnerschaften zwischen Heimatkreisen hier und den Menschen in den Gemeinden dort werden mit tätigem Leben erfüllt. Es hat sich vieles geändert im Laufe der letzten 60, 70 Jahre.

 

Aus der Geschichte lernen: Vertreibungsverbot

 

Wir Vertriebene und Spätaussiedler stehen seit Jahrzehnten für ein vereintes Europa, wir haben gegen politische Widerstände auf zwischenstaatlicher Ebene einer europäischen Integration, also der Vertiefung und Erweiterung der EU, Vorschub geleistet. Dieses vereinte Europa hat sich, gewollt oder ungewollt, im Guten revanchiert: Wir dürfen heute in unsere Heimatgebiete reisen, wir dürfen vielerorts Grund und Boden besitzen, wir können uns dort wirtschaftlich betätigen. Wir dürfen dort wieder Heimat finden, wenn wir das nur wollen.

 

Aber müssen wir nicht – gerade zur Vermeidung solchen Unrechts in der Vergangenheit – noch mehr verlangen als nur das? Müssen wir nicht verlangen, dass Europa klare Aussagen zur Ahndung ethnischer Säuberungen, zum Verbot völkerrechtswidriger Vertreibungen ganzer Dorf- und Stadtbevölkerungen, ganzer Völker oder Volksgruppen aus ihrer jahrhundertealten Heimat trifft? Sollten wir nicht verlangen, dass Europa den Sachverhalt der Vertreibung für die Zukunft sanktionsfähig normiert?

 

Es ist höchste Zeit, dass auch das fundamentale Menschenrecht des Schutzes vor Vertreibungen und ethnischer Säuberungen seinen normativ verankerten Platz in der europäischen Rechtsordnung erhält.

 

Denn die bereits zitierte UN-Menschenrechtscharta von 1948 ist hier zu schwach. Dem Verbrechen millionenfachen Vertreiben aus Schlesien, Pommern, Danzig, Ostpreußen, Westpreußen, Ostbrandenburg, dem Sudetenland, dem Donauraum usw. werden Formulierungen über Verlassen und Rückkehr in eine Heimat nicht gerecht.

 

Meine Damen und Herren, es fehlt sowohl das Verbot als auch eine zumindest moralische Sanktion derartigen Unrechts, und bleibt deshalb wirkungslos.

 

Was ist mit den ethnischen Säuberungen am Ende des 20. Jahrhunderts, hier bei uns, mitten in Europa? Was mit dem ungelösten Zypernkonflikt? Wir in Europa müssen in der Lage sein, derartige Unrechtsausprägungen zu verhindern.

 

Der Bundestag hat mit deutlicher Mehrheit den Völkermord an den Armeniern als Völkermord bezeichnet. Wünschenswert wäre, wenn auch bei den Tätern dieses Völkermordes in der Gegenwart bessere Erkenntnis wachsen und sie diese Unrechtstatbestände als solche anerkennen und bedauern würden.

 

Meine Damen und Herren, Bernd Posselt, der Sprecher der Sudetendeutschen, hat völlig recht, wenn er, so wie dieses Jahr wieder auf dem Sudetendeutschen Tag in Augsburg, ein sanktioniertes und kodifiziertes Vertreibungsverbot auf Ebene der Vereinten Nationen fordert. Niemand dreht Geschichte zurück – aber es ist unsere Pflicht und der Menschlichkeit geschuldet, aus den Fehlern und Versäumnissen der Vergangenheit zu lernen.

 

Es war ebenfalls ein Sudetendeutscher Tag, vor 40 Jahren in Stuttgart, als Oberbürgermeister Dr. Rommel, der die 220.000 Teilnehmer namens der Stadt Stuttgart Grüße ausrichtete und den Philosophen Hegel zitierte, der gesagt hatte, man könne aus der Geschichte nur lernen, dass man nichts gelernt habe. Das wollen wir nicht!

 

Meine Damen und Herren, wir alle, die Welt, sollte inzwischen gelernt haben, dass Vertreibungen eine der fundamentalsten Unrechtshandlungen an Individuen, an Volksgruppen und Kulturen darstellt, die nur noch vom Völkermord übertroffen wird!

 

Wir brauchen eine Initiative, die von vornherein klarstellt, dass es uns nicht um rückwärtsgewandtes Recht geht, sondern um die Friedens- und Zukunftssicherung in Europa.

Europa sollte hier Vorreiter sein und der Welt zeigen, dass wir mit Sanktionen gegen jeden vorgehen wollen, der sich in Zukunft ethnischer Säuberungen als Mittel der Interessensverwirklichung bedient und sich als Vertreiber betätigt!

 

Wenn ich von einem Vertreibungsverbot spreche und ein solches fordere, habe ich im Hinterkopf sehr wohl auch das Schicksal und die Anliegen unserer Spätaussiedler sowie der deutschen Minderheiten in den ost- und mitteleuropäischen Ländern, genauso jene in Russland und den anderen Nachfolgestaaten der Sowjetunion.

 

Es ist nur folgerichtig, dass in Deutschland bis heute die Tür für diese Menschen, die ihre Heimat verlassen wollen, um im Kreise ihrer Familienangehörigen hier bei uns zu leben, offen steht. Der BdV hat dazu eine eindeutige Position: Wir unterstützen auf der einen Seite den Bleibewillen der Menschen und drängen auf Hilfen für die deutschen Minderheiten –

und auf der anderen Seite bestehen wir darauf, dass deutsche Spätaussiedler bei uns, in Deutschland, eine angemessene Willkommenskultur vorfinden.

 

Ja, meine Damen und Herren, ich denke an keiner Stelle ist das Wort „Willkommenskultur“ passender und notwendiger als in der Spätaussiedlerpolitik!

 

Lieber Hartmut Koschyk, als Beauftragter für Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten der Bundesregierung weist du zu Recht immer wieder darauf hin, dass Deutschland eine historisch-moralische Verpflichtung für diese Menschen hat. Viele der Spätaussiedler sind Nachfahren jener Russlanddeutschen, die etwa nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion unter Stalin unschuldig verfolgt und deportiert wurden, nur weil sie Deutsche waren. Das dürften wir alle in Deutschland nicht vergessen.

 

Es wird auch in der nächsten Legislaturperiode darauf ankommen, dass die Bundesregierung einen starken Aussiedlerbeauftragten einsetzt, so wie es in vergangenen Wahlperioden der Fall war! Hartmut Koschyk hat eindrucksvoll gezeigt, wie wichtig das Amt ist, wenn man es mit Empathie und Weitblick, aus ganzem Herzen und mit unerschöpflicher Energie ausfüllt. Lieber Hartmut, an dieser Stelle sage ich dir namens aller Heimatvertriebenen und Spätaussiedler ein ganz herzliches „Danke schön!“

 

Der Aussiedlerbeauftragte der Bundesregierung hat die Möglichkeit, meine Damen und Herren, als Bindeglied, als Scharnier zwischen der politischen Legislative, der Exekutive und den Vertriebenen- und Spätaussiedlerverbänden zu wirken. Zusätzlich nimmt er die Aufgabe wahr, die deutschen Minderheiten in den östlichen Nachbarländern auf der politischen Agenda zu halten – nicht nur in Deutschland, sondern in diesen Ländern selbst!

 

Kraft seines Amtes kann er Entwicklungen anmahnen, Fehlentwicklungen anprangern oder schlicht Danke sagen, wenn etwas gut umgesetzt wurde. Arbeit für den oder die kommende Beauftragte wird es zur Genüge geben.

 

Generationen-Ungerechtigkeit im Rentenrecht

 

Denken wir nur – bei allen Erfolgen, die es in der jüngsten Vergangenheit zu verzeichnen gab – an die aktuell dringliche Thematik der personenkreisspezifischen Altersarmut bei Spätaussiedlern.

 

Wir dürfen und können nicht wegschauen, wenn Menschen aus unseren Reihen nach einem schweren und von biografischen Brüchen gekennzeichneten Leben ihren Lebensabend am Rande der Armut fristen müssen. Ursächlich für diese besorgniserregende Entwicklung sind die Änderungen des Fremdrentengesetzes in den späten 90er Jahren.

 

Die damaligen zur Befriedung einer Neiddebatte eingeführten Kürzungen im Rentensystem schlossen die Leistungen an unsere Elterngeneration weitgehend aus, behielten aber die Beitragspflicht von uns Jüngeren uneingeschränkt bei. Das war ein einseitiger Bruch des Generationenumlageprinzips und klar ungerecht, es benachteiligt unsere Landsleute bis heute! Ich nenne das eine Generationen-Ungerechtigkeit, die wir beseitigen müssen – und daran arbeiten wir mit Nachdruck!

 

Ich danke der bayerischen Staatsregierung an dieser Stelle erneut dafür, dass sie eine Bundesratsinitiative zur Beseitigung dieser Ungerechtigkeit gestartet hat und bitte Sie, sehr geehrte Frau Staatsministerin Müller, diesen Dank an die bayerische Staatsregierung mitzunehmen. Wir wissen, wer an unserer Seite steht, wir wissen auch, wer uns mit Gegenwind bedenkt.

 

Zwangsarbeiterentschädigung

 

Sehr geehrter Herr Bundesinnenminister de Maizière, Sie werden gleich zu uns sprechen. Wenn wir eines wissen, dann dass Sie persönlich, genau wie Bundeskanzlerin Angela Merkel, immer an der Seite der deutschen Heimatvertriebenen und Spätaussiedler gestanden haben und heute stehen.

 

Ihr Ministerium verantwortet etwa die sehr erfolgreich verlaufende Entschädigung ziviler deutscher Zwangsarbeiter. Diese Entschädigung verdanken wir in hohem Maße Ihnen ganz persönlich, sehr geehrter Herr Minister! Ihrem Haus und dem BVA gebühren Dank und Anerkennung für das in diesem Bereich Geleistete. Seit August 2015 sind über 25.000 Anträge beim Bundesverwaltungsamt eingegangen. Anträge können auch weiterhin noch bis Ende 2017 gestellt werden.

 

Ich bitte Sie, meine Damen und Herren, bitte weisen Sie in Ihrem Umfeld darauf hin und ermuntern Sie diejenigen, die die Mühen der Antragstellung bisher scheuen, den Antrag doch zu stellen. Ich weiß aus zahlreichen Gesprächen, dass es vielen Betroffenen weniger um diese 2.500 Euro geht, als vielmehr darum, dass ihr Schicksal offiziell gewürdigt wird.

 

Unsere Forderung nach dieser Anerkennung war absolut richtig und – die Anzahl der Anträge beweisen es – absolut nicht vergebens. Und deutlich sage ich auch, dass die ursprünglich bewilligten 50 Mio. Euro entsprechend aufgestockt werden müssen, weil wir niemanden um diese Anerkennung bringen dürfen, nur weil am Ende etwas Geld hinter dem Komma fehlt.

 

Beim Jahresempfang des BdV am 28. März dieses Jahres habe ich die Gelegenheit genutzt, der Bundeskanzlerin im Namen unseres Verbandes den Dank persönlich auszusprechen, der ihr gebührt. Über ihre gesamte Kanzlerschaft hinweg hat sie unsere Anliegen gehört und ernst genommen. Ich erinnere mich an ihre Ansprache vor zehn Jahren im Kronprinzenpalais, zum 50. Geburtstag unseres Verbandes. Sie sagte (Zitat): „Der leidvollen Schicksale der Vertriebenen und Flüchtlinge zu gedenken, das ist ganz ohne Zweifel Teil unserer deutschen Identität und Teil unserer Erinnerungskultur. Wir verwechseln nicht Ursache und Wirkung, wenn wir der Vertreibung gedenken und daran erinnern, dass es die Vertriebenen in den Folgen des Nationalsozialismus besonders hart traf.“ (Zitat Ende).

 

Kulturarbeit und grenzüberschreitende Verständigungsarbeit

 

Im Hinblick auf das kulturbewahrende und verständigungspolitische Engagement des BdV, seiner Landsmannschaften und seiner Landesverbände fordere ich alle politischen Kräfte nachdrücklich auf, die fortwährend aktuellen Aufgabenfelder der Vertriebenen verstärkt zu fördern und weiterhin zu unterstützen.

 

„Wir brauchen keinen Wettstreit darüber, wer mehr gelitten hat und wem mehr geholfen wurde. Flüchtlinge – wie Opfer überhaupt – müssen sich nicht gegenseitig verdrängen im Kampf um öffentliche Aufmerksamkeit, sie können ihre Schicksale vielmehr miteinander verknüpfen.“ – Diese Worte stammen von Bundespräsident Joachim Gauck, er sagte sie vor genau einem Jahr hier an diesem Rednerpult.

 

Wie recht er hat! Wir Vertriebene und Spätaussiedler fordern nicht mehr, als unseren angemessenen Platz in der Geschichte, der Gegenwart und der Zukunft Deutschlands. In der Geschichte, weil wir Deutschland mit aufgebaut und ihm eine reiche Kultur aus dem Osten in die Gegenwart herübergerettet haben. Im Hier und Jetzt, weil wir integraler Bestandteil der Zivilgesellschaft sind und ein Recht darauf haben, dass unsere Erinnerungskultur für uns selbst und für ganz Deutschland Unterstützung erfährt!

 

Mein Appell richtet sich auch an unsere Verbände und Mitglieder: Wir müssen unsere ehrenamtliche Arbeit zum Erhalt und zur Pflege unserer Kultur sowohl in Deutschland als auch im Zusammenspiel mit den Kulturträgern vor Ort, etwa in Polen, Tschechien, Rumänien, der Slowakei, Ungarn, in Serbien oder der Ukraine besser als bisher vernetzen und auch neue Wege gehen, wenn diese Erfolg versprechen.

 

Unsere Landsmannschaften haben seit Jahrzehnten allerbeste Kontakte zu den deutschen Minderheiten, die in diesen Ländern verblieben sind. Unsere grenzüberschreitende Arbeit, zu Recht immer wieder als Brückenbau bezeichnet, kann sich wirklich sehen lassen. Wir setzen die Akzente, wir reichen die Hand, wir drängen auf Bewahrung der zurückgelassenen Kulturschätze!

 

Meine Damen und Herren, Sie alle, die sich in diesem Bereich engagieren, haben mehr als einmal erlebt, wie Kontakte auf der Ebene von Mensch zu Mensch in kurzer Zeit zu Verständnis und Freundschaft führen.

 

Das, genau das brauchen wir auch auf zwischenstaatlicher Ebene! Damit der Aufbruch in den Beziehungen, der in den letzten Jahren stärker ist als jemals zuvor, nicht wieder in Stagnation umschlägt oder sich rückwärts entwickelt.

 

Beim Thema Kultur möchte ich das kulturpolitische Großprojekt in diesem Bereich nicht unerwähnt lassen, nämlich die Erinnerungs- und Dokumentationsstätte der Bundesstiftung „Flucht, Vertreibung, Versöhnung“ im Berliner Deutschlandhaus. Deren baldige Fertigstellung und Eröffnung ist für die gesamte Gesellschaft, aber besonders für die noch lebenden Betroffenen von immenser Bedeutung.

 

Die neu gestalteten Räume sind bald fertig. Wir konnten sie bereits besichtigen. Der Stiftungsrat hat das Konzept für die Dauerausstellung erst kürzlich verabschiedet. Es ist eine detaillierte Ausarbeitung der 2012 beschlossenen Leitlinien und bietet angemessene Spielräume zur tatsächlichen Ausgestaltung der Ausstellung. Es wird in erheblichem Maße darauf ankommen, dass diese Spielräume so genutzt werden, dass wir Vertriebene und unsere Nachfahren uns historisch wahrhaftig in der Dauerausstellung wiederfinden. Es wird darauf zu achten sein, dass Angemessenheit, Ausgeglichenheit und Wahrhaftigkeit der konkreten Ausstellungskonzeption dafür sorgen, dass die Geschichte so abgebildet wird, wie sie tatsächlich gewesen ist.

 

Der Zeitgeist heute ist nicht mehr jener von 1946, aber auch nicht mehr jener von 1970 oder von 90 – wir Vertriebene haben mittlerweile die zweite und dritte Generation der Nachfahren erreicht. Wir erfahren an unseren Kindern und Kindeskindern, wie sich von Generation zu Generation Selbstverständnis und Einstellungen verändern.

 

Ich habe mir zu Beginn meiner Rede erlaubt, einige der politischen Versprechen anzuführen, denen wir Vertriebene lange Zeit geglaubt haben. Ich habe sie auch deswegen angeführt, um uns allen deutlich zu machen, wie groß unsere Versöhnungsbereitschaft war und bis heute ist.

 

Wir haben Verzicht geübt – und gehen auch heute vorneweg bei den politischen Entwicklungen hin zu einem vereinten Europa der befreundeten Nachbarn.

 

Wahlaufruf und Dank

 

2017 ist ein Jubiläumsjahr, in dem wir zurückblicken auf 60 Jahre Bund der Vertriebenen. Es ist allerdings auch ein Jahr, in dem Zukunftsentscheidungen anstehen.

 

Im September wählen wir einen neuen Bundestag. Ich appelliere an Sie alle: Machen Sie von Ihrem demokratischen Wahlrecht Gebrauch! Millionen Menschen weltweit hätten ein solches Recht gerne – und haben es nicht. Wir haben es!

 

Lassen Sie nicht zu, dass extreme und populistische Positionen von links oder von rechts im politischen Diskurs die Oberhand gewinnen! Denn mit Abschottung, Nationalismus und anti-europäischen Tendenzen werden all unsere Erfolge und Errungenschaften, die uns Wohlstand und ein Leben in Frieden und Freiheit bescheren, ins genaue Gegenteil verkehrt.

 

Ihnen allen danke ich für die Kraft und die Energie, die Sie in Ihrer Arbeit für unsere gemeinsamen Anliegen aufwenden.

 

In diesem Sinne danke ich Ihnen für Ihr Kommen und wünsche Ihnen persönlich alles Gute für die Zukunft! Danke.


Festrede zum Tag der Heimat des Bundes der Vertriebenen am 2. September 2017 in Berlin

Bundesinnenminister Dr. Thomas de Maizière MdB

Lieber Herr Fabritius,

lieber Prälat Dutzmann,

liebe Frau Staatsministerin Müller,

lieber Herr Koschyk, Exzellenzen,

liebe Kollegen aus der Politik,

meine sehr verehrten Damen und Herren,

 

wenige Autominuten von hier, in einem Depot in Berlin-Kreuzberg, liegen eingelagert mehrere tausend Gegenstände, die von Flucht, Vertreibung, von Lebenswegen, von Schicksalen erzählen: Unter diesen Gegenständen befindet sich ein alter schwerer Kutscher-Mantel aus Masuren. Er ist aus braunem Wildleder, gefüttert mit einem Webpelz – abgetragen und nach Jahren des Gebrauchs als Erinnerungsstück aufgehoben. Nach Ende des Krieges 1945 wurde in diesen Mantel ein Säugling eingewickelt, der so die Flucht aus dem Osten überlebte.

 

Neben Koffern, Schlitten, alten Bibeln, Briefen und unzähligen Fotos befindet sich unter den Gegenständen auch ein alter Handwagen. Der Handwagen gehörte einer Donau-Schwäbin, die im Oktober 1944 ihr Heimatdorf im heutigen Serbien verlassen musste – zusammen mit ihren drei Töchtern und drei Enkelkindern.

 

Fast tausend Kilometer legte die Familie zurück – zu Fuß wohlgemerkt. Die Großmutter wurde über große Teile der Reise im Handwagen gezogen. Die Familie hob den Wagen als Erinnerung an die Familiengeschichte auf – eine Urenkelin hat ihn aufbewahrt.

 

Diese und andere Gegenstände werden – so ist es geplant – in einigen Jahren im neuen Dokumentationszentrum der „Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung“ ausgestellt, das gerade in der Nähe des Potsdamer Platzes gebaut wird. Lange hat der BdV dafür gekämpft. Ein bisschen Verzögerung hat es gegeben. Aber jetzt gibt es großes Einvernehmen. Und deswegen sage ich nochmal: Herzlichen Dank für dieses Dokumentationszentrum.

 

Der Journalist Peter Carstens hat für die Frankfurter Allgemeine Zeitung einen Blick in das Depot geworfen. Er schrieb von diesen Gegenständen und ihren Geschichten – für seinen Beitrag wählte er die Überschrift: „Erinnerung spricht aus Objekten.“ Und es stimmt: Gegenstände halten Erinnerungen wach. Und an Erinnerungen erkennen wir, wer wir sind und wodurch wir uns von anderen unterscheiden.

 

Das gilt für den Einzelnen: Ich habe zum Beispiel ein Stück der Berliner Mauer zu Hause, das ich selbst abgeschlagen habe. Das gilt aber erst Recht für Gruppen und ihre gemeinsamen Erinnerungen: für Familien, für Gemeinden, für Völker und Nationen.

 

Auch die Heimatvertriebenen teilen gemeinsame Erinnerungen: Die Erfahrung der verloren gegangenen Heimat, die Erlebnisse im neuen Umfeld – und in der Nachkriegszeit sicher auch oft das Nicht-Erinnern-Wollen an das, was war – das Verdrängen, den Wunsch nach Vergessen von traumatischen Erfahrungen und der Sehnsucht an die frühere Heimat.

 

Viele Heimatvertriebene setzten damals ihren Fokus auf Leistung, Fleiß, Disziplin und Arbeit – bestimmt auch um in der neuen Umgebung akzeptiert und anerkannt zu werden. Manche setzten auf Verdrängung. Für Manche mag diese Konzentration Teil einer zweiten, inneren Flucht vor den Erinnerungen und Gedanken an die zerstörte und zurückgelassene Heimat gewesen sein. Andere konnten nicht vergessen, nicht neu anfangen und fanden kein neues zu Hause.

 

Das große westdeutsche Wirtschaftswunder, auf das unser Land so stolz war und das unserem Land auch ein Stück Identität gegeben hat [„Made in Germany“] – das wäre jedenfalls ohne die leistungsbereiten, durch ihr Schicksal gestärkten Heimatvertriebenen nicht denkbar gewesen.

 

Der aus Pommern stammende Christian Graf von Krockow sah die Heimatvertriebenen gar als Vorhut für die deutsche Gesamtbevölkerung und die Entwicklungen, die später im ganzen Land folgen sollten [Zitat]:

 

„In einem weiteren und tieferen Sinne waren alle Deutschen Entwurzelte, auf der Flucht vor dem, was gestern noch galt. […] Sie waren die Deklassierten, die moralisch Geächteten der Siegermächte und der Völker ringsum. Die Konzentration auf Arbeit und Leistung, die Umwendung vom Vergangenen zur Zukunft, brachte damit nicht nur den Aufstieg zum Wohlstand, sondern auch – und vielleicht wichtiger noch – die Entlastung von drängenden Fragen und die Möglichkeit, sich ein neues Selbstwertgefühl zu schaffen.“

 

[Zitat Ende]

 

Die Rückwendung zu den oft verdrängten politischen-moralischen Fragen der NS-Zeit war ähnlich wie der Blick auf die Zerstörung alter Lebensverhältnisse in den Dörfern und Städten der Heimatvertrieben eine Aufgabe, die unser Land erst mit Verzögerung angegangen ist – im Nachhinein kann man sagen: Vielleicht auch angehen konnte.

 

Die Vertriebenenverbände jedenfalls bekannten sich – wie alle hier wissen – sehr früh zu unserer ganzen deutsche Geschichte. Die Geschichte der Heimatvertriebenen zu verstehen, bedeutet deutsche Geschichte insgesamt zu verstehen.

 

Am Tag der Heimat gedenken wir dieser ganzen Geschichte. Wir holen Gedenken auch weiter nach. Und wir holen zurück, nämlich die Erinnerung an Heimat und an das, was damals war. Und wir schauen in die Zukunft. Denn wir haben gelernt, dass Heimat auch Mut zur Zukunft bedeutet.

 

Das machen wir heute – in einem großen Saal mit vielen hundert Menschen. Und das betone ich nicht ohne Grund. Denn das Gedenken an die verlorene Heimat – das war lange Zeit nicht gemeinsam, sondern individuell oder nur in Familien.

 

Wer nicht schwieg, weil er seine Erfahrungen nicht verdrängen und nur so verarbeiten konnte, der schrieb. Das Gedächtnis an Flucht und Vertreibung war so lange nur ein schriftliches Gedächtnis – in Essays, in Autobiographien, in der Literatur oder der Wissenschaft. Das Erinnern glich damit buchstäblich der Suche nach Worten für die am Ende dann doch meist unsagbaren Erlebnisse. Und viele waren mit dieser Suche allein.

 

Die Kirche war oft der erste Ort, der Vertrautheit und neue Heimat bot – zunächst in religiöser Hinsicht. Neben den seelsorgerlichen Tröstungen galt das Bemühen der Kirche auch der Linderung der materiellen Not: Sie sorgte für Nahrung, Obdach und Kleidung. Im Kirchlichen Suchdienst halfen sie mit den Heimatsortkarteien bei der Suche nach vertriebenen und vermissten Deutschen.

 

Bis heute ist der Dienst der beiden Kirchen in der Spätaussiedlerseelsorge unverzichtbar für die religiöse Heimat der Spätaussiedler in unserem Land. Und ich glaube, er wird es auch noch längere Zeit sein. Und auch dafür sage ich heute einmal Danke!

 

Und trotz allem, was passiert ist, fragen heute manche nach dem Sinn eines Tages der Heimat. Und die Frage muss man sich gefallen lassen. Die Reihen derer, die Flucht und Vertreibung erlebt und sich an ihre verlorene Heimat erinnern wollen, lichten sich. Und jedes Jahr werden es weniger. Hinzu kommt, dass sich die Vergangenheit nicht rückgängig machen lässt: Die verlorene Heimat ist und bleibt in einer bestimmten rechtlichen und politischen Weise verloren.

 

Welche Bedeutung werden wir künftig dem Gedenken an ebendiese alte Heimat beimessen? Nostalgie? Oder ich frage mal anders: Wenn Sie einen jungen Menschen auf der Straße Berlins fragen, was ihm der „Tag der Heimat“ sagt – welche Antwort werden Sie zu hören bekommen? Wahrscheinlich wenig über das Schicksal der Vertriebenen.

 

Meine Antwort darauf ist eindeutig und klar: Die verlorene Heimat in den ehemaligen Ostgebieten ist ein gemeinsamer Erinnerungsort. Sie auch als solche zu bezeichnen und an sie zu erinnern ist versöhnlich und mahnend – und damit für uns auch heute noch von Bedeutung.

 

Heimat geht über den verloren gegangenen geographischen Raum des eigenen Herkommens weit hinaus. Heimat ist nicht nur der Ort, in dem wir als Menschen hineingeboren werden. Heimat bedeutet stets auch Zugehörigkeit zu einer spezifischen Landschaft, zu einem spezifischen Kulturraum – und damit zu einem reichen kulturellen, auch religiösen Erbe. Heimat hat immer auch eine kulturelle, religiöse und soziale Bedeutung.

 

Der ehemalige sogenannte deutsche Osten war ein Kultur- und Landschaftsraum, der auch heute noch allen Deutschen wegen seiner natürlichen Schönheit, wegen seiner Künstler und Geistesgrößen, seiner historischen Zugehörigkeit und bleibenden Verbundenheit zu Deutschland etwas zu sagen hat. Geistesgrößen wie Eichendorff oder Kant sind in Orten geboren worden, die heute längst nicht mehr zu Deutschland gehören und die dennoch unsere deutsche Kultur prägen. Auch die verlorene Heimat blieb und bleibt damit als Kulturraum erhalten.

 

Meine Damen und Herren,

 

in jeder neuen Generation verändert sich der Blick auf die Vergangenheit, indem sie von jeder neuen Generation von neuem begriffen und verstanden wird. Das bedeutet aber nicht, dass damit zwangsläufig Identität und Geschichte verloren geht. Für eine identitätsstiftende Wirkung von Vergangenheit braucht es kein eigenes Erleben:

 

Ich selbst entstamme einer preußisch-hugenottischen Familie, die im 17. Jahrhundert vor der großen Verfolgung aus Frankreich geflohen und in Brandenburg aufgenommen worden ist – all das ist nicht Teil meiner Lebenserinnerung aber dennoch irgendwie Teil meiner Geschichte. Ich kenne und bewahre diese Geschichte als Teil meiner Identität und der meiner Familie.

 

Heimat und Erinnern halten lange Zeiträume aus – sogar das eigene Leben. In diesem Verständnis werden sich die Menschen in unserem Land und auch die Nachkommen der Zeitzeugen wiederfinden, wenn diese nicht mehr leben.

 

In dieser Legislaturperiode haben wir den von vielen Heimatvertriebenen seit langem geforderten Gedenktag für die Opfer von Flucht und Vertreibung endlich eingerichtet. Darüber freue ich mich sehr. Wir feiern ihn nun jedes Jahr am 20. Juni. Ein solcher Gedenktag allein bietet aber nur den äußeren Rahmen für ein gemeinsames Erinnern. Und genau darin besteht die Herausforderung – auch für einen Tag der Heimat. Unsere bisherigen Veranstaltungen fand ich sehr gut und sehr würdevoll. Allerdings müssen wir dann noch mehr daran arbeiten, dass sie noch bekannter werden. Wir müssen diesen Gedenktag wie den Tag der Heimat aber auch immer wieder aufs Neue mit Leben füllen. Und darin sehe ich eine der wichtigsten Aufgaben, die auf uns alle zukommen – vorneweg auf die hier versammelten Heimat- und Vertriebenenverbände. Aber natürlich mit Unterstützung aus der Politik.

 

Am diesjährigen Gedenktag für die Opfer von Flucht und Vertreibung bin ich am Vormittag der Gedenkstunde mit Schülern aus Brandenburg und Polen zusammengekommen. Wir haben mit Zeitzeugen gesprochen, die deutsche und polnischen Schülern ihre Erlebnisse von Flucht und Vertreibung geschildert, aber auch von ihrer Heimat erzählt haben. Im Vorfeld hatten sich die Schüler mit den Kulturräumen des deutschen Ostens beschäftigt: Sie haben von den erwähnten deutschen Geistesgrößen erfahren, aber auch von der Schönheit Masurens oder Pommerns gelesen und erzählt bekommen. Mich hat bei dieser Begegnung bewegt, von wie viel Versöhnungswillen die Zeitzeugen trotz all der furchtbaren Erlebnisse getragen waren – vor allem aber, wie ihre Empathie und ihr Verständnis Resonanz bei den Jugendlichen gefunden hat.

 

Man kann fragen, wie verantwortlich es gegenüber zukünftigen Generationen ist, so menschenverachtende Geschehnisse wie Krieg, Verbrechen, Flucht und Vertreibung im kollektiven Gedächtnis verankern zu wollen. In der Begegnung der Zeitzeugen mit den Jugendlichen wurde darauf die – wie ich finde – zutreffende Antwort gegeben: Es ist eine Frage der richtigen Sinndeutung. Zeitzeugen erzählen vom Erlebten, deuten das Erlebte auf ihre Weise und beantworteten die Fragen der Jugendlichen – da gab es keine erstarrte Gedenk-Ritualisierung und keine Reduzierung auf eine bloße Opferidentität. Bei dieser Begegnung ist deutlich geworden, wie unverzichtbar der persönliche Austausch der jungen Generation mit den noch lebenden Zeitzeugen ist – und dass wir das tun müssen, solange wir noch Menschen haben, die davon aus erster Hand erzählen können.

 

Das Interesse einer Erinnerungsgemeinschaft speist sich immer auch aus der Gegenwart. Wie aktuell das ist, um was es den Heimatvertriebenenverbänden und – seit jetzt 60 Jahren – dem BdV geht, sehen wir in den letzten Jahren.

 

Es waren hier auch und vor allem die Heimatvertriebenen, die aus ihrer eigenen persönlichen Erfahrung um Empathie und Menschlichkeit für die Schutzsuchenden warben. Wir sollten weitermachen bei der Vermittlung der Ursachen, Abläufe und Folgen des Geschehens vor 70 Jahren. Und wir sollten die jungen Menschen mit den noch lebenden Zeitzeugen ins Gespräch bringen – so, dass die nächsten Generationen die Erinnerung mit eigener Sinngebung fortführen können.

 

Dafür haben Sie alle sich in den vergangenen Jahrzehnten eingesetzt. Für diesen Einsatz will ich Ihnen gerne auch im Namen der Bundesregierung danken. Ich bitte Sie, das auch weiterhin zu tun. Und wir werden Sie dabei weiter unterstützen – zur Anerkennung Ihres Schicksals und zur Mahnung an die künftigen Generationen, sich für Frieden und Recht einzusetzen. Dazu gehören Anliegen, wie die Entscheidung zur Anerkennung des Schicksals einer besonderen Gruppe der Zwangsarbeiter. Und dazu wird auch das Rententhema gehören.

 

Der heutige Tag ist für Erinnerungen da. Mein Wunsch für den Tag der Heimat ist, dass wir einander davon erzählen, was früher Heimat war und was für uns heute Heimat ist. Wie groß und beschwerlich der Sprung von der ersten in die zweite Heimat sein kann. Wie wir die zweite Heimat lieben können, ohne die erste zu vergessen. Was wir aus diesen Erfahrungen für die Fragen von Heute und Morgen mitnehmen können. Und wie schön das Erleben von Heimatgefühlen – vielleicht sogar „fern der Heimat“ sein kann. Ich würde mich darüber freuen, wenn wir weit über Vertriebenenthemen hinaus darüber diskutieren, was Heimat heute ausmacht.

 

Wenn wir den Tag so begehen, dann bin ich sicher, dass immer mehr Menschen den Tag der Heimat nicht nur als einen Tag der Heimatvertriebenen schätzen werden. Und dass alle, die ihre erste, ihre zweite und manchmal vielleicht sogar ihre dritte Heimat lieben, sich am heutigen Tag diesem Gefühl immer neu vergewissern.

 

Vielen Dank.


Grußwort zur Kranzniederlegung am Tag der Heimat des Bundes der Vertriebenen am 2. September 2017 in Berlin

Berliner Innensenator Andreas Geisel MdA

Sehr geehrter Herr Präsident Dr. Fabritius,

sehr geehrter Herr Jakesch,

meinen Damen und Herren,

 

Herzlich Willkommen in Berlin, am Zentralen Mahnmal der deutschen Heimatvertriebenen. Ich freue mich sehr, heute als Vertreter des Berliner Senats zu Ihnen sprechen zu dürfen.

Es ist gelebte Tradition am „Tag der Heimat“, an diesem Ort zusammenzukommen, um der Opfer von Flucht und Vertreibung zu gedenken. Dieses Gedenken ist gerade in dieser Zeit wichtiger denn je: Denn Flucht und Vertreibung sind von bedrückender Aktualität, wo man auch hinsieht.

Aufgrund der zahlreichen Krisen weltweit ist leider davon auszugehen, dass die Zahl der geflüchteten Menschen auch in Zukunft kontinuierlich weiter steigen wird. Nach jüngsten Angaben der Vereinten Nationen waren im Jahr 2016 weltweit über 65 Millionen Menschen auf der Flucht vor Not und Krieg. Das ist erneut die höchste Zahl, die jemals vom UN-Flüchtlingshilfswerk verzeichnet wurde. Somit sind heute so viele Menschen auf der Flucht, wie seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr.

Die Mehrheit der geflüchteten Menschen (55 Prozent) kommt aktuell aus Syrien, Afghanistan und dem Südsudan.

 

17 Prozent der weltweiten Flüchtlinge suchen Zuflucht in Europa. Somit ist Europa in besonderer, aber auch in schrecklicher Weise, von den Flüchtlingsströmen betroffen. So kamen im Jahr 2016 180.000 Menschen mit Booten über das Mittelmeer von Afrika nach Italien, wobei über 5.000 Menschen ihr Leben verloren. Die aktuellen Bilder dieses Sommers vom Mittelmeer lassen erahnen, dass diese furchtbaren Todeszahlen weiter steigen werden.

 

Ganz zu schweigen von den vielen Unbekannten, die ihr Leben auf dem Weg durch die Sahara lassen oder denen, die unter menschenunwürdigen Bedingungen in den Maghreb-Staaten ausgebeutet werden oder dort unter erbärmlichen Bedingungen in Haft sitzen. Der Verlust ihrer Heimat bestimmt nach wie vor den Alltag vieler Millionen Menschen auf der Welt. Es sind weiterhin zumeist bewaffnete Konflikte, die den Menschen ihr Zuhause rauben.

 

Wir Deutsche dürfen uns nicht an die immer neuen Schreckensmeldungen gewöhnen und sind gut beraten, auf unsere eigene Geschichte zu schauen. Mit dem Ende des Krieges im Mai 1945 begann die Vertreibung von rund 15 Millionen Deutschen, die großes Leid erfahren und ihre Heimat verlassen mussten. Sie hatten die Folgen einer verbrecherischen Politik zu tragen, die von Nazi-Deutschland ausgegangen war. Viele von ihnen wurden in Lager gesperrt, mussten Zwangsarbeit leisten; rund zwei Millionen Menschen kamen dabei ums Leben.

 

An dieser Stelle sage ich als Vertreter des Berliner Senates ganz deutlich: Die deutschen Heimatvertriebenen haben großes Leid und großes Unrecht erfahren. Das darf nicht beschönigt oder vergessen werden.

 

Es gelang den Vertriebenen trotz aller Schwierigkeiten, Anfeindungen und Ausgrenzungen in den damals neuen Grenzen Deutschlands heimisch zu werden. Die Vertriebenen haben maßgeblich beim Aufbau nach dem Krieg mitgewirkt und es ist auch ihrem Fleiß zu verdanken, dass Deutschland zu einer Erfolgsgeschichte wurde.

Dieser Blick in die Geschichte ist für mich eine wichtige Lehre für die Gegenwart. Wir dürfen nicht ohnmächtig zuschauen, wie sich vor unserer Haustür im italienischen und spanischen Mittelmeer humanitäre Tragödien abspielen.

 

Die europäische Staatengemeinschaft steht in der Verantwortung, durch eine gemeinsame europäische Friedens- und Menschenrechtspolitik die Opfer von Flucht und Vertreibung besser zu schützen. Politik und Zivilgesellschaft müssen sich trotz der aktuellen Bedrohungslage durch den islamistischen Terrorismus und gegen Vorverurteilungen noch mehr dafür engagieren, geflüchteten Menschen in unserer Stadt mit einer gelebten Willkommenskultur zu begegnen.

 

Das gilt ganz besonders für Berlin, eine Stadt die nach Kriegsende und in den schweren Jahren der Teilung viel Solidarität und Unterstützung aus aller Welt erfahren hat. Daraus erwächst eine besondere Verantwortung für die Gegenwart.

 

Aus unserer deutschen Vertreibungsgeschichte zu lernen, bedeutet, sich weltweit für Menschenrechte und Verständigung einzusetzen. So ist auch die diesjährige Losung „60 Jahre Einsatz für Menschenrechte, Heimat und Verständigung“ zum „Tag der Heimat“ zu verstehen.

 

Zum 60-jährigen Jubiläum des BdV gratuliere ich Ihnen an dieser Stelle sehr herzlich und danke Ihnen für die engagierte Wahrnehmung der Interessen der Heimatvertriebenen, die kontroversen Debatten und die wichtigen Initiativen zur Aussöhnung mit unseren Nachbarn in  Mittel- und Osteuropa.

 

Vielen Dank!


Grußwort zur Kranzniederlegung am Tag der Heimat des Bundes der Vertriebenen am 2. September 2017 in Berlin

BdV-Präsident Dr. Bernd Fabritius MdB

 

Sehr geehrter Herr Landesvorsitzender Jakesch,

sehr geehrter Herr Innensenator Geisel,

liebe Landsleute,

liebe Gäste,

 

die Kranzniederlegung am Zentralen Mahnmal der deutschen Heimatvertriebenen im Anschluss an die Auftaktveranstaltung zum Tag der Heimat ist zu einer Selbstverständlichkeit, zu Tradition gewachsen. Dieses Mahnmal erinnert seit 1955 an die schmerzlichen Verluste aus unseren Reihen.

 

Sehr geehrter Herr Innensenator, lieber Herr Jakesch, ich danke dem Senat und dem BdV-Landesverband Berlin für die konstante Präsenz über viele Jahre hinweg bei dieser stillen, andächtigen Gedenkstunde. 

 

Auch in diesem 60. Jahr seit der Gründung des Bundes der Vertriebenen zollen wir Trauer und Andenken den Millionen Zivilpersonen aus allen deutsch besiedelten Regionen in Ost-, Mittel- und Südosteuropa, die von Flucht und Vertreibung, Deportation und Zwangsarbeit betroffen waren.

 

15 Millionen Deutsche waren gegen Ende und nach dem Zweiten Weltkrieg auf der Flucht oder wurden vertrieben, über 2 Millionen sind gestorben. Sie sind Opfer einer verrohten, abgestumpften Zeit, in welcher ihnen das Deutschsein in der eigenen Heimat zum Verhängnis wurde. Opfer in einer Zeit, die von Rachegelüsten der Sieger, undifferenzierter Gewalt und dem Dogma der Kollektivschuld geprägt war.

 

Dem Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge, der die Suche nach gefallenen Wehrmachtssoldaten zunehmend auch auf die Klärung von zivilen Flüchtlingsschicksalen ausweitet, sind allein im heutigen Polen rund 500 Orte bekannt, die noch untersucht werden müssen, weil dort zivile Opfer vermutet werden. Frauen und Kinder – Vertreibungsopfer, die im Kontext von Flucht und Vertreibung ihr Leben verloren.

 

Bis heute gibt es in Europa keine klar normierte Festlegung zur Ahndung ethnischer Säuberungen, zum Verbot völkerrechtswidriger Vertreibungen ganzer Dorf- und Stadtbevölkerungen, ganzer Völker oder Volksgruppen aus ihrer jahrhundertealten Heimat. Es ist an der Zeit, dass Europa den Sachverhalt der Vertreibung für die Zukunft sanktionsfähig normiert! Auch heute noch werden zu viele Menschen Opfer von gewaltsamen Vertreibungen.

 

Sehr geehrte Damen und Herren,

 

jeder dieser Kränze, auf die wir heute blicken, steht für Hunderttausende von Toten. Jeder Kranz symbolisiert Millionen von Einzelschicksalen, die von Generation zu Generation mehr und mehr in der Anonymität der Masse der Opfer aufgehen werden. Wir wollen uns dagegenstemmen und in stillem, jedoch öffentlichem Gedenken uns bekannte Einzelschicksale im Geist hervorheben. Seiner Toten zu gedenken, ist Pflicht eines jeden Volkes.

 

Ich danke im Namen des BdV für die niedergelegten Kränze. Behalten wir unsere Toten in guter Erinnerung. 

 

Herzlichen Dank für Ihre Teilnahme an der Kranzniederlegung.