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Kritik, Reaktionen, Einordnungen

Debatte zur HdG-Dauerausstellung: Kritik, Reaktionen, Einordnungen

Auf dieser Seite dokumentieren wir die Debatte um die neue Dauerausstellung „Du bist Teil der Geschichte“ im Haus der Geschichte Bonn. Im Mittelpunkt steht der folgende Beitrag, der zentrale Auslassungen und Gewichtungen kritisiert – insbesondere mit Blick auf Flucht, Vertreibung sowie (Spät-)Aussiedlerbiografien. Zugleich veröffentlichen wir hier aber auch die Reaktion des Hauses der Geschichte, weitere Stimmen und Kritikpunkte sowie Rückmeldungen aus Redaktionen. Ziel ist Transparenz: Argumente, Erwiderungen und Bewertungen sollen nachvollziehbar gebündelt werden.


Millionen Biografien im Haus der Geschichte ausgeklammert

„Du bist Teil der Geschichte“ – aber im Haus der Geschichte gilt das nicht für alle

Die Idee für das „Haus der Geschichte“ reicht zurück in die frühen 1980er-Jahre. Bundeskanzler Helmut Kohl forderte 1982 in seiner ersten Regierungserklärung als Bundeskanzler, „dass möglichst bald in der Bundeshauptstadt Bonn eine Sammlung zur deutschen Geschichte seit 1945 entsteht“. 1986 begann der Aufbau der Stiftung, 1990 beschloss der Bundestag das Stiftungsgesetz, 1994 wurde das Museum eröffnet.

Von Beginn an verstand sich das Haus als Schaufenster der Bonner Republik: mit einer großen, chronologisch aufgebauten Dauerausstellung zur Geschichte Deutschlands vom Ende des Zweiten Weltkriegs bis in die Gegenwart. Auf etwa 4.000 Quadratmetern erzählte „Unsere Geschichte. Deutschland seit 1945“ mit mehr als 7.000 Objekten und 160 Medienstationen vom Neubeginn in den Trümmern, vom Kalten Krieg, vom geteilten Deutschland und von der Wiedervereinigung. Die Strickjacke von Helmut Kohl, die er bei seinem Treffen mit Michail Gorbatschow im Kaukasus 1989 trug, war ebenso Exponat der Ausstellung wie das Original der Charta der deutschen Heimatvertriebenen. Der Eintritt war frei, die Ausstellung stark besucht – kaum ein Schuljahrgang, der nicht das Haus der Geschichte besuchte, 14 Millionen Menschen waren es insgesamt. Die Dauerausstellung beschrieb die Geschichte der Bundesrepublik als großes Erfolgsnarrativ von Demokratie, Wohlstand und Westbindung.

Vertreibung und Neuanfang in der alten Dauerausstellung

Eine zentrale Rolle spielte in dieser alten Dauerausstellung die Geschichte von Flucht, Vertreibung und Neuanfang. Zwischen 12 und 14 Millionen Deutsche flüchteten oder wurden aus den ehemaligen Ostgebieten und aus Ostmittel- und Südosteuropa vertrieben; in der frühen Bundesrepublik stellten Flüchtlinge und Vertriebene rund ein Sechstel der Bevölkerung. Zwischen 1948 und 1950 lebten knapp 4,5 Millionen von ihnen in der DDR (1948) und etwa 8 Millionen in der BRD (1950). Ergänzend zur damaligen Dauerausstellung setzte das Haus der Geschichte mit der Sonderausstellung „Flucht, Vertreibung, Integration“ (2005/06) einen vielbeachteten Akzent und erhielt viel Zuspruch, auch unter den Vertriebenen und Aussiedlern. Sie war die erste große offizielle Ausstellung zur Vertreibung der Deutschen und ihrer Eingliederung in die Bundesrepublik und die DDR und stand unter der Schirmherrschaft von Bundespräsident Horst Köhler. Die Vertriebenen und (Spät-)Aussiedler waren präsent im Haus der Geschichte – natürlich in Form von Fotografien, Dokumenten, Zeitzeugeninterviews und Gegenständen. Die Ausstellung zeigte Fluchtwege, die Ankunft in Notunterkünften und den langen Weg in Arbeit, Wohnung und ein neues soziales Leben. Aber auch die Vertriebenenverbände waren Thema. Tafeln, Medienstationen und Objekte verwiesen auf die politische Selbstorganisation der Vertriebenen und ihre sozialen, politischen und kulturellen Forderungen. Und genauso war die Erinnerungskultur ein wichtiges Thema. Die Ausstellung verwies auf Gedenktage, Verbandszeitschriften und Debatten um Ostpolitik und Grenzanerkennung. Die Vertriebenen erschienen als tatkräftige Mitaufbauer der Bundesrepublik, deren Eigeninitiative und Einbindung in Parteien, Kirchen, Verbände und Wirtschaft entscheidend für das „Wirtschaftswunder“ gewesen ist.

Neugestaltung der Dauerausstellung ab 2024

Die frühere Dauerausstellung wurde im September 2024 für den Umbau geschlossen. Nach 30 Jahren war eine umfassende Neugestaltung nötig – auch, weil prägende Ereignisse der jüngeren Vergangenheit bislang nicht ausreichend berücksichtigt werden konnten. Die Geschichte ist ja weitergegangen. Nach 14 Monaten und 25 Millionen Euro ist Anfang Dezember 2025 die neue Dauerausstellung eröffnet worden, die 80 Jahre Geschichte der Bundesrepublik Deutschland unter dem Titel „Du bist Teil der Geschichte. Deutschland seit 1945“ einem interessierten Publikum näherbringen soll. Interessiert konnte man schon vorher, in den Ankündigungen der Stiftung, zur Kenntnis nehmen, dass im Mittelpunkt „nicht nur politische Entscheidungen und gesellschaftliche Debatten stehen, sondern auch Menschen mit ihren persönlichen Geschichten“. Etwa 3.850 Objekte sind in den fünf Teilen der Ausstellung zu sehen, die fünf verschiedene Zeiträume (1945-1949, 1949-1989, 1990-heute und „Heute“) auf 4.500 Quadratmetern abbilden. Der Titel „Du bist Teil der Geschichte. Deutschland seit 1945.“ ist dabei Einladung und Programm zugleich. In der Darstellung des Hauses der Geschichte heißt es: „Viele entdecken in der Ausstellung Spuren ihres eigenen Lebens, Erinnerungen an Erlebtes, an Gegenstände aus dem familiären Alltag. Diese Erfahrungen kann nur eine Ausstellung für Zeitgeschichte ermöglichen, denn sie erzählt von einer Zeit, in der das Publikum selbst gelebt hat. Eine Geschichte, die nicht nur gezeigt, sondern auch miterlebt wird.“ Die Leitfrage lautet ganz offensichtlich nicht mehr nur: „Was ist seit 1945 in Deutschland geschehen?“, sondern auch: „Welche Rolle spielen wir – die Besucherinnen und Besucher der Ausstellung – in dieser Geschichte?“ Oder vielleicht auch: „Welche Rollen haben meine Eltern und Großeltern in dieser Geschichte der letzten 80 Jahre Deutschland gespielt?“

Unsichtbarkeit der Vertriebenen in der Ausstellung

Die Besucherinnen und Besucher, deren Großeltern aus Ostdeutschland, dem Sudetenland oder den deutschen Siedlungsgebieten in Südosteuropa stammen oder deren Eltern dort geboren sind, finden sich als abstrakter Pfeil auf einer Karte wieder; die Herkunftsgebiete werden – anders als im als Quelle angegebenen Buch von Erik Franzen – nicht einmal benannt. Ostpreußen, Schlesien, Pommern, Siebenbürgen usw. gibt es am Anfang der Pfeile nicht, allein die Namen der Staaten, die vielfach während der Vertreibung in dieser Form gar nicht existierten, finden sich wieder – und die nackten Zahlen. Das ist schmerzhaft für diejenigen, deren Familiengeschichte im Osten beginnt. Noch schmerzhafter wird es, wenn alle „Heimatlosen“ in einer Wortwolke miteinander vermengt werden. „25 Millionen Menschen sind nach dem Krieg fern der Heimat“ – richtig, aber die Wortwolke bietet am Ende kein differenziertes Bild. Diese 25 Millionen Menschen waren nicht alle auf dem Gebiet der Bundesrepublik bzw. der SBZ, die Ursachen ihrer Heimatlosigkeit waren völlig unterschiedlich und die Zukunftsperspektive war bei jeder Gruppe eine völlig andere. Es dürfte einmalig sein, dass Displaced Persons, Kriegsgefangene, Ausgebombte, Evakuierte, Umgesiedelte, Deportierte und Heimatvertriebene in einen Topf geworfen werden. Die Vertriebenen sind als Gruppe gewollt nicht mehr existent. Damit werden die Biografien von Millionen Menschen aus der Ausstellung ausgeklammert.

Daran ändern auch die ausgestellte Nissenhütte, der Leiterwagen und die Zink-(Bade)wanne nichts, die im folgenden Ausstellungsteil gezeigt werden. Der schwere Start der mehr als acht Millionen Vertriebenen in den drei westlichen Besatzungszonen und der 4,5 Millionen Vertriebenen in der sowjetischen Besatzungszone ändert daran nichts. Traumatisierung, Schmerz und die allgegenwärtige Ablehnung der Vertriebenen aus dem Osten in der westdeutschen Gesellschaft finden sich in der Ausstellung nicht wieder. Dagegen wird die „Diskriminierung“ des Italieners Rito Malviani thematisiert, der in den 80er-Jahren in seinem Schützenverein in der Nähe von Recklinghausen einen Wanderpokal, den er dreimal gewinnt, „nicht wie üblich“ dauerhaft behalten durfte. Welch Gewichtung!

Die Ostdeutschen hatten nicht nur die Heimat, den Besitz, den Arbeitsplatz und die damit verbundenen sozialen Sicherungen verloren, sondern auch das soziale Ansehen, das sich nicht ohne Weiteres in materielle Werte umrechnen lässt. Am härtesten betroffen waren davon die Landwirte, etwa 1,5 bis 2 Millionen Menschen, denen die Existenzgrundlage komplett genommen war. Was auf dem Gebiet der Bundesrepublik geschah, wird nicht thematisiert. Der Universitätsprofessor aus Königsberg oder Breslau fand sich plötzlich in einer westfälischen Kleinstadt wieder. Der vormals selbstständige Landwirt auf eigenem Hof arbeitete im Straßenbau. In vormals konfessionell homogenen Regionen mit starken eigenen Traditionen – um nur ein Beispiel zu nennen – lebten nun große Bevölkerungsgruppen mit anderem Lebensstil und anderer Konfession. Das veränderte Deutschland. All das, was Andreas Kossert in seinem Buch „Kalte Heimat“ unter der Überschrift „Deutscher Rassismus gegen deutsche Vertriebene“ so eindrucksvoll beschreibt, findet sich in der Ausstellung nicht wieder. Das Buch selbst übrigens – obwohl mittlerweile zum Standardwerk avanciert – auch nicht, weder in der Bibliothek bzw. Lounge, die zum Thema Vertriebene/Flüchtlinge mit wenig Sachkenntnis zusammengestellt ist, noch im Museumsshop.

Auslassungen und fragwürdige Gewichtungen

Die Interessenvertretung der Vertriebenen durch ihre Verbände, die Bildung der verschiedenen Organisationen und ihre Positionierung fehlen folgerichtig in der neuen Ausstellung ebenfalls. Da ist es fast logisch, dass auch das Original der Charta der deutschen Heimatvertriebenen keinen Platz mehr in der Ausstellung findet. Eines der Gründungsdokumente – in diesem Jahr anlässlich des 75-jährigen Jahrestages vielfach besonders gewürdigt – hat keinen Platz mehr im Haus der Geschichte. Die Bundesmeisterschaft im deutschen Seifenkisten-Derby 1952 findet dafür auf einer ganzen Wand Platz. War das Seifenkistenrennen wirklich konstitutiv für die junge Bundesrepublik Deutschland?

Es gibt noch eine Vielzahl weiterer Beispiele fehlender Themen in der Ausstellung. Die Wiederbewaffnung, die soziale Marktwirtschaft, die Westbindung – all das sind Themen, die allenfalls am Rande behandelt werden. Wirklich ärgerlich wird es, wenn Vertriebene oder ihre Organisationen der Lächerlichkeit preisgegeben werden. Anfang der 1970er-Jahre entzündete sich in der Bundesrepublik eine heftige Debatte an Willy Brandts Ostpolitik: Die Moskauer und Warschauer Verträge (1970) setzten auf Gewaltverzicht und praktische Zusammenarbeit. Der Bund der Vertriebenen organisierte große Kundgebungen – belegt sind 50.000 Teilnehmer bei einer BdV-Kundgebung am 30. Mai 1970 auf dem Bonner Marktplatz. Die Vertriebenen warnten vor der „Preisgabe deutscher Rechtspositionen“ und forderten, das Unrecht der Vertreibungen ausdrücklich zu benennen. Die CDU/CSU-Opposition griff viele dieser Einwände auf und bekämpfte die Verträge parlamentarisch. Spätere Urteile des Bundesverfassungsgerichts stellten klar, dass die Ostverträge keine endgültige Friedensregel und keine völkerrechtliche Festlegung der Staatsgrenzen darstellten – was für die Verbände ein Erfolg war. Eine Tafel stellte die gesellschaftliche Diskussion dar. Die Haltung der Vertriebenen in dieser Auseinandersetzung wird durch einen Wandteller mit der Inschrift „Gott gib uns die Heimat wieder“ und im Begleittext mit dem Satz „Die Vertriebenen trauern um ihre Heimat in den früheren deutschen Ostgebieten, wie dieser Schmuckteller zeigt“ wiedergegeben. Kein Wort davon, dass nicht nur die Vertriebenen ihre Heimat, sondern Deutschland ein Viertel seines Staatsgebiets verloren hatte. Auch im Ausstellungsteil zur Wiedervereinigung findet das keinen Niederschlag.

Mit dem Schmuckteller werden die Arbeit der Vertriebenenverbände, der Opposition im Deutschen Bundestag und die rechtsstaatliche Dimension der Ostvertrags-Auseinandersetzung faktisch lächerlich gemacht. Wer eine solche Verdichtung wählt, verfehlt sowohl historische Ausgewogenheit als auch Respekt vor zentralen Akteuren in der Bundesrepublik. Das sollten die Kuratoren schleunigst korrigieren.

Ausblendung der Aussiedler und Spätaussiedler

Was ebenfalls fehlt, ist die Geschichte der Aussiedler und Spätaussiedler. Das sind etwa 4,5 Millionen Menschen, deren Biografien ebenfalls ausgeklammert sind. Auch die Grundlage ihres Zuzugs in die Bundesrepublik Deutschland, nämlich das Kriegsfolgenschicksal, bleibt unerwähnt. Die Deutschen aus Russland werden mit dem Mix-Markt kontextualisiert. Ein Samowar wird ebenfalls gezeigt, es fehlt nur die Matroschka. Was Russlanddeutsche und andere Aussiedlergruppen als unsichtbares Fluchtgepäck und als Gewinn für diese Gesellschaft mitgebracht haben, ist kein Thema im Haus der Geschichte.

Verflachung in der allgemeinen Migrationsgeschichte

Die Ankunft und die Integration von Millionen Flüchtlingen und Vertriebenen nach 1945, die zu den konstitutiven Erfahrungen der Bundesrepublik gehörten und im Haus der Geschichte über Jahrzehnte prominent erzählt wurden, sind nun in eine vielschichtige Geschichte von Flucht, Migration und Integration eingebettet, in der die Erfahrungen der „Heimatvertriebenen“, der „Gastarbeiter“, sogar der Vertragsarbeiter in der DDR, der Spätaussiedler und der Geflüchteten aus Syrien oder der Ukraine nebeneinanderstehen – und sich gegenseitig kommentieren. Die Vertriebenen sind eine Migrationsgruppe unter vielen, und das wird ihrem Schicksal nicht gerecht.

„Du bist Teil der Geschichte“ – das kann eine Einladung sein, über die eigene Position in diesen Geschichten nachzudenken: als Kind von Vertriebenen, als Enkel einer Gastarbeiterfamilie, als Nachbar von Geflüchteten oder einfach als Bürger einer Demokratie, die in dieser Form ohne die Geschichte von Flucht, Vertreibung und Neubeginn nicht denkbar wäre. Dieser Gemischtwarenladen, der hier angeboten wird, ist für Schulklassen, für junge Menschen attraktiv gemacht. Die Perspektive ist alltags- und erfahrungsorientiert. Es ist für Schülerinnen und Schüler spannend, auf interaktiven Karten herumwischen zu können und sich Inhalte an Medienstationen erzählen zu lassen. Aber erreichen die vermittelten Inhalte auch andere Generationen? Die 1940 in Ostpreußen als Tochter eines selbstständigen Landwirts geborene, heute 85-jährige Frau, die sich daran erinnert, Weihnachten 1946 im Hühnerstall eines westfälischen Bauern mit ihrer Mutter und ihren Geschwistern verbracht zu haben, die vielfältige Diskriminierung als evangelisches Flüchtlingskind erlebt hat, deren Vater als Straßenbauarbeiter arbeiten musste, die sich im Ortsverband des BdV und der Landsmannschaft Ostpreußen engagiert hat, findet sich in dieser Ausstellung jedenfalls nicht wieder. Und ihre Nachkommen, die die Lebensgeschichte ihrer Mutter kennen, übrigens auch nicht. „Du bist Teil der Geschichte“ trifft hier nicht zu, jedenfalls nicht Teil der Geschichte, die hier erzählt wird. Zahlreiche Medienstationen, partizipative Angebote und digitale Formate laden Besucherinnen und Besucher ein, eigene Erfahrungen, Perspektiven und Kommentare einzubringen. Das ist gelungen. Dass, wie angekündigt, persönliche Lebenswege, Familiengeschichten und Alltagsobjekte stärker im Vordergrund stehen, ist nur sehr selektiv umgesetzt worden.

Kritisches Gesamturteil

Insgesamt muss das Urteil über die neue Dauerausstellung im Haus der Geschichte deutlich kritisch ausfallen. Es überzeugen die moderne Gestaltung, interaktive Formate und die klare Ansprache jüngerer Besucherinnen und Besucher, aber zugleich werden die Erfahrungen von Vertriebenen, Aussiedlern und Spätaussiedlern relativiert und in einer allgemeinen Migrationsgeschichte „verflacht“. Zentrale Themen der alten Ausstellung – Flucht, Vertreibung, Integration, die Rolle der Vertriebenenverbände und die Kontroversen zum Beispiel um die Ostpolitik – erscheinen nun nur noch verzerrt, verharmlost oder symbolisch verkürzt. Insgesamt entsteht dadurch der Eindruck mangelnder historischer Ausgewogenheit und fehlenden Respekts vor prägenden Akteuren der Bundesrepublik. Das ließe sich an anderen Themenfeldern sicherlich ebenfalls belegen. Die Ausstellung ist ästhetisch ansprechend, inhaltlich aber lückenhaft und einseitig gewichtet – und wird damit vielen Betroffenen- und Familienbiografien, die die Geschichte der Bundesrepublik wesentlich mitgetragen haben, nicht gerecht. 

Der Historiker Helmut Kohl hat das „Haus der Geschichte“ 1982 mit dem Ziel initiiert, die deutsche Nachkriegsgeschichte zu dokumentieren und um der Verunsicherung im nationalen Selbstverständnis entgegenzuwirken. Das ist mit der neuen Dauerausstellung nicht gelungen. 

Markus Patzke


“Deutscher Ostdienst” kritisiert neue HdG-Dauerausstellung

Das Haus der Geschichte widerspricht

Die neue Dauerausstellung „Du bist Teil der Geschichte“ im Bonner Haus der Geschichte will Nachkriegsgeschichte niedrigschwellig erzählen – über Alltagsobjekte, persönliche Perspektiven und bewusst knapp gesetzte Texte. Diese Konzeption steht jetzt im Zentrum der Kritik des Bundes der Vertriebenen: Wir haben beim Haus der Geschichte nachgefragt und um eine Erklärung gebeten, warum Flucht, Vertreibung und die Geschichte der Vertriebenen und (Spät-)Aussiedler in der neuen Schau aus unserer Sicht nicht klar erkennbar sind.

Der Kern der Kritik ist nicht „mehr Detailwissen um jeden Preis“, sondern die Frage nach Sichtbarkeit und Differenzierung: Wenn sehr unterschiedliche Gruppen unter einer Sammelkategorie wie „Heimatlose“ zusammengeführt werden, so unser Vorwurf, verschwimmt das Spezifische der Vertreibungserfahrung. Als Beispiele sind eine Wortwolke („25 Millionen Menschen heimatlos nach dem Zweiten Weltkrieg“) und eine Karte zu nennen, in der Herkunftsregionen wie Ostpreußen, Schlesien oder Pommern nicht als Regionen benannt, sondern nur über Pfeile und Zahlen abstrahiert werden. Damit wird eine zentrale Erfahrung der frühen Bundesrepublik – und ein prägender Teil vieler Familienbiografien – in eine allgemeine Migrationsgeschichte „eingebettet“, ohne historische Ursachen, Konflikte und Folgen ausreichend sichtbar zu machen.

Hinzu kommen Einwände zur Gewichtung: Einzelne Exponate (Nissenhütte, Leiterwagen, Zinkwanne) stehen zwar für Ankunft und Provisorium, ersetzen aber keine erkennbare Darstellung von gesellschaftlicher Ablehnung, Diskriminierung und langfristigen Prägungen. Wir kritisieren außerdem, dass die Rolle der Vertriebenenverbände, ihre Selbstorganisation und zentrale Kontroversen – bis hin zur Charta der deutschen Heimatvertriebenen – in der neuen Ausstellung praktisch nicht mehr vorkommen.

Besonders deutlich wird der Vorwurf bei den (Spät-)Aussiedlern: Ihre Geschichte wird trotz der Größe dieser Zuwanderungsbewegung in der Ausstellung nur sehr punktuell und teilweise über klischeehafte Marker sichtbar. Die Landsmannschaft der Deutschen aus Russland hat darauf bereits mit einer eigenen Presseerklärung reagiert: Pressemitteilung der Landsmannschaft

Zwischen „Reduktion“ und Repräsentation: Die Antwort des Hauses der Geschichte

Das Haus der Geschichte reagiert in zwei Schreiben – sachlich, aber mit klarer Verteidigung der eigenen Setzungen. Die Sprecherin Katja Schuler beschreibt zunächst das übergeordnete Ziel: „Unser Anliegen ist es, Menschen ohne historisches Vorwissen anzusprechen.“ Der Weg dahin sei „Alltagsgeschichte, persönliche Perspektiven und eine bewusste inhaltliche Reduktion“. Zugleich verweist das Haus der Geschichte auf den langen Entwicklungsprozess: Man habe „eng mit dem Arbeitskreis gesellschaftlicher Gruppen zusammengearbeitet“, der die Neukonzeption fünf Jahre begleitet habe; „in diesem Arbeitskreis ist auch der Bund der Vertriebenen vertreten.“

Inhaltlich begründet das HdG die Schwerpunktsetzung ausdrücklich als didaktische Entscheidung. Man habe sich „bewusst für die Vermittlung historischer Grundlagen“ entschieden; der „Fokus“ liege „auf exemplarischen persönlichen Biografien“ statt auf einer „umfassenden Repräsentation einzelner Gruppen“. Flucht und Vertreibung würden, so das HdG, bereits im ersten Raum über die Besatzungszonen eingeführt, „in der auch Ostpreußen und Schlesien benannt sind“. Im weiteren Verlauf werde das Thema über Objekte und einen Film aus dem Grenzdurchgangslager Friedland vertieft; im Mittelpunkt stehe „das schwierige Ankommen mit wenigen Habseligkeiten und in einer ungewissen Zukunft“.

Drei Biografien als Beleg – und offene Punkte aus Sicht der Redaktion

Vor allem verweist das HdG auf drei exemplarische Lebensgeschichten, mit denen Vertreibung konkret und emotional erfahrbar gemacht werden solle: Ursula Scharafin, als Säugling auf der Flucht aus Ostpreußen, verbunden mit Dokumenten des DRK-Suchdienstes und dem Film „Kinder suchen ihre Eltern“, der „ausdrücklich auch das Leid der Heimatvertriebenen thematisiert“. Liselotte Harms, die mit ihrer Mutter aus Ostpreußen in ein Flüchtlingslager nach Dänemark gelangt und ihre Erstkommunion in einem „aus Mullbinden gefertigten Kleid“ feiern muss. Und Daniel Antruejo, der die Geschichte seiner Großmutter erzählt, „die als junge Frau aus Schlesien vertrieben wird“, zunächst auf Ablehnung stößt und schließlich weiter nach Westen flieht – als Beispiel dafür, „wie stark die Vertreibungserfahrung innerhalb von Familien bis in die dritte Generation hinein nachwirkt“.

Auf die Hinweise unserer Redaktion zu den Diskriminierungserfahrungen der Vertriebenen, den gesellschaftlichen Veränderungen durch die massenhafte Zuwanderung, der fehlenden Darstellung von Verbänden und Organisationen, der aus unserer Sicht verharmlosenden Darstellung der Ostpolitik-Kontroverse sowie der weitgehend fehlenden Geschichte der (Spät-)Aussiedler wird im Antwortschreiben der Stiftung jedoch nicht konkret eingegangen.

Zweite Nachfrage, zweite Antwort: „Nicht Ausdruck von Unkenntnis“

Nach einer zweiten Nachfrage unserer Redaktion – mit dem Hinweis, die Antworten blieben an entscheidenden Stellen zu allgemein und gingen auf konkrete Ausstellungselemente zu wenig ein – betont das Haus der Geschichte, die Rückmeldungen seien intern abgestimmt: Man habe „mit der Projektleitung sowie unserem Präsidenten Rücksprache gehalten“. Gleichzeitig räumt das HdG ein, dass Wahrnehmung perspektivisch geprägt ist: „Uns ist bewusst, dass die Wahrnehmung der Ausstellung stets auch von der jeweiligen Perspektive abhängt“, weshalb Themen aus Sicht bestimmter Gruppen „als nicht ausreichend vertieft erscheinen können“. Eine „vertiefte Darstellung aller Perspektiven“ könne die Dauerausstellung jedoch nicht leisten. „Dies betrifft nicht nur die Geschichte der Vertriebenen, sondern ebenso weitere Gruppen, etwa Religionsgemeinschaften oder nationale Minderheiten. Eine vertiefte Darstellung aller Perspektiven kann die Ausstellung jedoch nicht leisten.“

Als Begründung nennt das HdG die Rahmenbedingungen der Neukonzeption: Man habe die Herausforderung gehabt, „rund 80 Jahre Zeitgeschichte auf einer Fläche von 4.500 Quadratmetern darzustellen“. Deshalb konzentriere man sich „im Sinne einer notwendigen didaktischen Reduktion“ auf „übergeordnete Vermittlungsziele und zentrale historische Entwicklungen“. Für zusätzliche Perspektiven verweist das Museum auf ergänzende Formate – „Begleitungen, Begleitprogramme und Veranstaltungen“ – und erklärt: „In diesem Kontext sind wir offen dafür, entsprechende Themen weiterführend zu behandeln.“

Zugleich weist das HdG darauf hin, dass es sich „seit vielen Jahren intensiv mit der Thematik“ auseinandersetze. „Die Art und Weise, wie das Thema in der aktuellen Ausstellung dargestellt wird, ist daher nicht Ausdruck von Unkenntnis, sondern Ergebnis einer bewussten inhaltlichen und konzeptionellen Entscheidung.“ Zur Unterfütterung erinnert das Haus daran, dass man „bereits 2005“ die Ausstellung „Flucht, Vertreibung, Integration“ realisiert habe und in diesem Zusammenhang Sammlungsbestände aufgebaut und wissenschaftlich aufgearbeitet worden seien. Schließlich verweist das HdG auf seinen Stiftungsauftrag, die Geschichte „in ihrer Breite“ zu vermitteln – und darauf, dass es daneben Einrichtungen gebe, die sich „in besonderer Weise“ mit der Geschichte der Vertriebenen beschäftigten, etwa die Stiftung „Flucht, Vertreibung, Versöhnung“.

Was bleibt: Der Streit um Sichtbarkeit in der zentralen Zeitgeschichts-Ausstellung

Damit ist die Kontroverse klar umrissen: Der Bund der Vertriebenen muss die Frage stellen, ob zentrale Erfahrungen von Flucht, Vertreibung, Aussiedlung, Ankommen und Integration in der jungen Bundesrepublik und in der DDR in der wichtigsten Zeitgeschichts-Dauerausstellung des Bundes so sichtbar und differenziert erzählt werden, wie es ihrer historischen und biografischen Bedeutung entspricht – und wie es in der Vergangenheit an dieser Stelle zumindest in Teilen bereits der Fall war.

Das Haus der Geschichte hält dem ein kuratorisches Grundprinzip entgegen: Reduktion, exemplarische Biografien und Breite statt gruppenspezifischer Vertiefung – verbunden mit dem Angebot, offene Punkte in Programmen jenseits der Dauerausstellung aufzugreifen. Ob diese Balance in der Praxis trägt, entscheidet sich nicht zuletzt an genau den konkreten Ausstellungselementen, die wir kritisieren: an Benennungen, Kontextualisierung – und daran, wer sich bei „Du bist Teil der Geschichte“ tatsächlich wiederfindet.

Denn Schülerinnen und Schülern, die im Rahmen eines eintägigen Bonn-Besuchs auch das Haus der Geschichte kennenlernen, ist mit einem Programm jenseits der Dauerausstellung kaum geholfen. Für sie findet die Geschichte nach 1945 in der Ausstellung dann weitgehend ohne die rund 15 Millionen Vertriebenen statt – und sie finden die Geschichte ihrer Großeltern dort nicht wieder.

Markus Patzke


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